Black Midi und "Cavalcade": Stille im Auge des Tornados

Die Erwartungen an Black Midi und „Cavalcade“ dürften groß gewesen sein, wurden sie doch 2019 mit ihrem Erstlingswerk „Schlagenheim“ von vielen als die Retter des Rocks angesehen. Kann man so einer Erwartung überhaupt gerecht werden?
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Der Post-Punk erlebt aktuell — gerade in Großbritannien und Irland — ein wahres Revival. Ganz vorne mit dabei ist die junge Band black midi. Nach ein paar Singles und dem viel gelobten Album „Schlagenheim“ waren die Erwartungen an das zweite Album groß. So schrieb der Autor ebendieses Artikels in seinem Jahresrückblick 2019, dass black midi in den 2020er an Bedeutung gewinnen werden und Grenzen der Musik erweitern werden. Haben black midi mit „Cavalcade“ schon diesen Status erreicht und ein Opus Magnum geschaffen?

Um es kurz zu machen: definitiv noch nicht. Das wäre beim zweiten Album aber auch schon viel verlangt. Aber was gibt es dann zu hören, wenn nicht die Rettung der Rockmusik? Viel vom Alten und überraschend viel Anderes. „Cavalcade“ ist zu teilen pures Chaos, kraftvoll und wunderschön zugleich. Der Opener „John L“ erinnert zu teilen an den Opener des letzten Albums „953“. Beide sind sie wild und auf ihre Art sogar eingängig. Niemals hätte ich übrigens gedacht, dass eine junge Band im Jahre 2021 so eindeutig von der legendären Funk/Crossover Band „Primus“ beeinflusst worden sein können. Das zeigt sich aber hier und im Track „Chondromalacia Patella“. Stark sind beide von Bass und Schlagzeug getrieben und den Gesangsstil Les Claypools hört man erkennbar raus.

Beim Stück „Marlene Dietrich“ sattelt die Band aber komplett um und spielt auf cleanen Gitarren eine Art Ballade. Was zur Hölle? Aber wie gesagt: Es gibt auch viel Neues zu hören. Das ist aber nicht ein einzelner Vorfall, sondern so auch beim Song „Diamond Stuff“ zu hören. Dieser fühlt sich bei so viel Chaos drum herum ganz zeitlos an. Wie das Auge eines Tornados.

Allgemein ist „Cavalcade“ mit 8 Songs und über 42 Minuten Spielzeit abwechslungsreicher als noch „Schlagenheim“. Das zeigt sich auch schon in der Besetzung. War die Band bisher relativ klassisch aufgestellt, gibt es nun mehr atonale Klaviere zu hören und ein eigene Bläserfraktion. Übrigens etablieren black midi nun endgültig das Saxophon als Post-Punk-Instrument der letzten paar Jahre. Eher mit Jazz oder sogar Ska verknüpft trat es immer wieder vereinzelt bei Bands wie Black Country, New Road oder Viagra Boys auf. In den nächsten Jahren wird es aber wohl kaum mehr bei solchen Nischenbands wegzudenken sein.

Und bei viel Altem und auch Neuem scheint diese Aussage geradezu ironisch, aber es fehlen mir die catchigen Songs. Oder vielleicht etwas präziser: die Ikonischen. Catchy ist natürlich relativ, wenn es um black midi geht, aber die besten Songs des ersten Albums, zu denen man immer wieder zurückkehrt sind halt „Ducter“ oder ein „bmbmbm“. Auch weil sie so zugänglich sind. Damit bewegt sich die Band auf einem ganz schmalen Grad.

Black midi beweisen aber mit „Cavalcade“, dass sie nicht einfach nur mal ein gutes Album veröffentlichen und dann nix mehr. Es zeigt, dass Können hinter den freien, chaotischen Stücken liegt. Dass sie eine Vision haben und dass sie sich auf einem Weg zu ihrem Opus Magnum befinden.

Fazit

8
Wertung

„Cavalcade“ ist ein stürmisches Album, was noch fassettenreicher ist als bisherige Releases der Band. Leider fehlen dieses Mal die ganz starken Singles, aber man kann mit Spannung die nächsten Alben erwarten.

Niels Baumgarten
8
Wertung

Black Midi verweigern sich dem klassischen Rock-Kanon und knüpfen genau deshalb an seine progressiven Bewegungen an. Noch mehr als der Vorgänger „Schlagenheim“ fordert „Cavalcade“ nun die absolute Aufmerksamkeit seiner Zuhörer:innen, ein weiterer Schritt weg vom Punk und in Richtung Avantgarde, begleitet von einer neuerlichen Darstellung von Virtuosität.

Felix ten Thoren