Apaath und „Schere Zange Glück“: Manie

Apaath wussten vom Anfang ihrer Bandkarriere an, wie man menschliche Abgründe kongenial in Worte packt. Doch wer konnte ahnen, dass Songs wie "Clown", "Schanze" und "VonSam" erst der Anfang von etwas viel Bedrückenderem sein würden? "Schere Zange Glück" bringt dieses Talent auf ein ganz neues Level.
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Die Gleichsetzung von Gefühlen, Meinungen und Fakten scheint ein Phänomen dieser Zeit zu sein. Diskussionen finden schnell ein unschönes Ende, wenn auf einen bloßen, fundierten Fakt ein „Ne, das seh' ich anders“ entgegnet wird. Argumentiert wird stets mit der Meinungsfreiheit und wehe, man sagt etwas dagegen. Diese Erklärung mag unsauber klingen, die perfekte Aufarbeitung nehmen Apaath im Opener von „Schere Zange Glück“ unter dem Titel „Otto Paetty“ vor. Neben der genialen Ausarbeitung des Textes, nehmen Apaath einen stilistischen Kniff an, der bei genauem Hinhören auffällt und zu gut ist, als dass er neu sein könnte. Das kurze Anfangsriff wird zuerst rückwärts abgespielt, dann vorwärts, immer im Wechsel. Die leichte Dissonanz, die dadurch entsteht, ist die perfekte Einleitung auf das, was das Album auch sonst beinhaltet: Unbehaglichkeit, in Texten,wie in der Musik. Wer glaubt, Thy Art Is Murder oder The Hirsch Effekt hätten die Dissonanzen als Stilmittel auf die Spitze getrieben, Apaath scheinen es perfektioniert zu haben. Das beste Beispiel ist „Klingeltott“. Soweit wie es in diesem Post-Hardcore nur möglich ist, spielen Apaath Romantik vor, die Idee hinter dem Song erinnert ein wenig an das Projekt „Jim Pandzko“ von Jan Böhmermann. Der Song repräsentiert eine Scheinwelt, wie sich die Popmusik die Liebe vorstellt. Es gibt wohl kein passenderes Genre, um dieser Scheinwelt die rosarote Maske herunterzureißen ohne sie wirklich herunterzureißen. Die Maske fällt einfach, ohne dass Apaath entlarvende, scharfe Textzeilen präsentieren.

Aber „Klingeltott“ ist im Endeffekt auch nur eine kleine Station in dieser Psychose, die sich Album nennt. Die Wandlung, Fehlleitung und das fatale Missverständnis des Ichs zieht sich durch das komplette Werk und führt so zu „Guaca“, einem der sensationellsten Stücke der Platte. In einem brutal verstörenden Set-Up wird die Zubereitung von Guacamole aus der Sicht der Avocado beschrieben. Die Vermenschlichung der Frucht, im Fachjargon nennt man diesen Vorgang Anthropomorphismus, wird in einer solchen Vehemenz zelebriert, dass dieser im Grunde alltägliche Akt des Zerkleinerns einer Frucht den Anschein bloßer Barbarei auftut. Die Inszenierung ist schlichtweg brillant.

Auch wenn es angesichts der bislang offenbarten Stimmung merkwürdig scheint, „Schere Zange Glück“ beinhaltet auch eine Ballade. „Haare“ erzählt von einer gescheiterten Beziehung, die an verschiedenen Zielen im Leben zerbricht. Die schweren Wahrheiten offenbaren eine emotionale Schwere, die auch die Stimmung der Hörerschaft in Mitleidenschaft zieht. Manchmal ist es am schwierigsten, ehrlich zu sich selbst zu sein. Aber es im Anschluss noch zum Partner zu sein, ist mindestens genauso schwierig.

Aber damit haben Apaath noch nicht ihren dunklen Höhepunkt erreicht. Denn alles scheint um "31#B" gebaut zu sein. Alles was vor ihm kommt, alles was danach kommt, wirkt im Vergleich harmlos. Aber diese Wortwahl wird dem Track auch nicht gerecht. Er baut sich musikalisch und dramatisch langsam auf. Die ersten knapp drei Minuten bauen den steilen Weg eines kranken Außenseiters. Krank am Geist sieht er eine Welt, die sich ihm nur noch in Schwarz-Weiß zu offenbaren scheint und immer immer dunkler wird. Das Leben hat für ihn nichts weiter übrig als Demütigung, Schmerz und Hass. Dann aber bricht die Erkenntnis in ihm aus und ergreift Besitz von ihm. Ein steter Verlust des eigenen Ichs geht voran und gipfelt in nicht weniger als dem Selbstmord des Protagonisten. Nicht etwa, weil er es so möchte, sondern weil er es nicht mehr anders kann. Das ruhige, friedliche, entspannte Gitarrenspiel der letzten Minute, wirkt auf den ersten Blick wie eine Versöhnung, doch dieser Schein trügt. Es ist nicht mehr als das Einreden der Hinterbliebenen, dass er es jetzt besser habe, wo immer er auch sein möge. Die Beseitigung des eigenen schlechten Gewissens.

Allerdings beschreibt „31#B“ gleichzeitig auch ein psychologisches Phänomen. Selbstmordgedanken können in einem extremen Verlauf von Depressionen auftreten .Jedoch sind sie auch oft die Grenze, da der explizite Gedanke an die Möglichkeit, dem Leiden selbst ein Ende setzen zu können, immer einen Ausweg zu haben, eine gewisse Befriedigung erzeugen kann. Allerdings reicht oft der bloße Gedanke irgendwann einfach nicht mehr aus.

„Schere Zange Glück“ ist ein manisches Manifest der Tristesse, welches die täglichen Grausamkeiten schier unerträglich erscheinen lässt und somit einen Einblick in die Gedankenwelt derer gewährt, denen es tagtäglich genauso geht. Somit liefern Apaath vielleicht so etwas wie eine sehr radikale Anregung auf andere und deren Probleme einzugehen und im Gegenzug auch Hilfe zuzulassen und anzunehmen.

Fazit

9.3
Wertung

„Schere Zange Glück“ ist in seiner Inszenierung absolut unvergleichlich und in seiner Thematik so brutal und hart, dass es zwischenzeitlich schwer zu ertragen ist. Wie ein genialer Psychothriller, in dem nicht nur die Protagonisten leiden, sondern Zuschauer, Leser oder Hörer gleich mit. Apaath ist mit diesem Album nicht weniger als eine Sensation gelungen, die in diesem Genre dieses Jahr ihresgleichen suchen wird.

Moritz Zelkowicz