´68 und "Give One Take One": Fern jeder Ladehemmung

Wie holt man aus minimaler Personenstärke den maximalen Bombast heraus? ´68 pöbeln die Antwort auf diese Frage und diverse, weitere Statements mit voller Inbrunst heraus.
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Erst überschaubare acht Jahre Bandhistorie können ´68 für sich verbuchen und klingen dabei doch, als wären sie schon eine ganze Weile länger auf höchstem Niveau aktiv. Nähern wir uns also dem regen Treiben auf „Give One Take One“ einmal chronologisch: Hinter „The Knife, The Knife, The Knife“ mag man zunächst Greta van Fleet vermuten. Es handelt sich um vertontes Sperrgut, in dessen vierminütige Spielzeit massig Passion und Freigeist eingeflossen sind. Zweifelsohne ein Song, der 90% aller Opener in den Schatten ihrer selbst verbannt und die qualitative Messlatte in luftigen Höhen anbringt. Mit „Bad Bite“ zieht ein unheilvolles Gewitter am Himmelsrand auf. Messerscharfe Riffs treffen auf ein hyperaktiv anmutendes Schlagzeugspiel und fragmentierte, aber dafür umso selbstbewusster vertonte Lyrics. Wenn Musik eine Variante des Druckablassens ist, dann hat man es in dieser Angelegenheit mit einem metergroßen Ausdehnungsgefäß zu tun. „Nickels and Diamonds“ ist Noise-Rock in seiner reinsten Darbietungsform. Alle Regler auf 10 und anschnallen, bitte. Die Kunst besteht in diesem Genre darin, nicht vorhersehbar rüpelhaft oder gar prollig dazustehen. Und ebenjene Gretchenfrage wissen ´68 mit Elan zu beantworten. Die Nomenklatur einzelner Songtitel wiederholt sich nahezu penetrant, die Songstrukturen hingegen tuen dies keinesfalls. „What You Starve“ ist geprägt von Anleihen der mächtigen Hives, während „The Silence, The Silence, The Silence“ für Chaos und Zerstreuung sorgt.

„What You Feed“ steigt im ersten Moment behäbig ein und drängt sich nicht in den Vordergrund. Die Stärke liegt im dynamischen Wechselspiel aus knüppelharten Elementen und mystisch-gediegener Grundstimmung. „Life and Debt“ möchte aus dem bisherigen Albumverlauf ausreißen, weiß dabei aber nur mäßig zu überzeugen. Der Funke springt bei erstmaligem Hören nicht über und braucht auch bei wiederholter Testung seine ganz individuelle Reifephase. Man möchte fast meinen, dass die Pulvervorräte schon auf der ersten Albumhälfte verschossen wurden. „Nervous Passenger“ ist im Anbetracht anderer Kracher nur gutes Mittelmaß, was für ´68 aber in der Qualitätspyramide nichtsdestotrotz recht weit oben angesiedelt ist. „Lovers in Death“ schippert in aufschäumendem Fahrwasser und treibt einige der benannten Trademarks auf die Spitze. Nein, es handelt sich um keine zusammenhanglosen Proberaumaufnahmen, sondern um ein gezieltes Veto gegenüber glattgebügelten Radioformaten, deren immergleiche Ausprägung gleichsam ermüdend und einfallslos ist. „The Storm, The Storm, The Storm“ beschließt ein furioses Album als Track mit der längsten Spielzeit. Man holt weit aus, lässt klangliche Wände jeden Grashalm niederdrücken und gibt ihnen kurzzeitig auch die Chance auf Regeneration. Ein würdiger Spannungsbogen und bewusst andersartig.

Unter dem Strich sollten all jene „Give One Take One“ eine Chance geben, für die straßenverschmutzter Rock´n´Roll mehr als eine Plattitüde ist und die sich nicht davor sperren, auch komplexeren Soundgebilden eine ehrlich gemeinte Chance einzuräumen. In all dieser Aufgeregtheit kann man auch getrost über kleinere Abzüge für die zweite Albumhälfte hinwegsehen.

Fazit

7.4
Wertung

Von einer Ladehemmung ist diese Feuerwaffe weit entfernt. Man sei vorgewarnt und mache es sich vor der heimischen Stereoanlage (un-)gemütlich.

Marco Kampe
7.5
Wertung

Trotz "minimalistischer" Besetzung und denkbar unkreativem Bandnamen schaffen es '68 auf diesem Album ihren Sound noch maximalistischer aufzutürmen als auf dem Vorgänger. Die Chemie zwischen den beiden Musikern schwingt in jeder Note mit und springt zwangsläufig auf die Hörer:innen über.

Kai Weingärtner