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The 1975 und „A Brief Inquiry Into Online Relationships“: Liebe in Zeiten der Follower

Fr, 30.11.2018 - 13:02
Es ist eine verrückte Zeit, in der wir leben, und es ist mitunter auch für Heranwachsende nicht einfach, sich dem immer schneller werdenden Tempo anzupassen. Was man bräuchte, ist ein Ratgeber für die Liebe in dieser durchdigitalisierten Welt, in der man nicht mehr zwischen der Virtualität und Realität unterscheiden kann. Zeit für The 1975.

Wer als Anfangzwanziger das Snapchat-Verhalten von Teenagern betrachtet, fühlt sich plötzlich sehr alt. Dabei gehört man doch selber zu den berüchtigten Millenials, dieser Generation, denen in regelmäßigen Abständen öffentlichkeitswirksam Politikverdrossenheit, Verhätschelung und allgemein Arroganz vorgeworfen wird. Man starre doch den lieben langen Tag nur auf einen Bildschirm, heißt es. Was das mit zwischenmenschlichen Beziehungen macht, wissen wir nur allzu gut aus erster Hand: Schreibt man für eine gewissen Zeit nicht zurück, wird sich schon Sorgen gemacht. Ein nicht geliktes Bild auf Instagram gilt als Vertrauensbruch, und wehe, man entdeckt den Partner auf Tinder.

Die britischen Pop-Rocker haben mit ihren beiden Vorgängeralben "The 1975" (2013) und "I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It" (2016) bereits immensen Einfluss auf die musikalische Popkultur genommen, und galten fast schon permanent als das Next Big Thing. Dass sie das bereits längst waren, bewies nicht nur ein fulminantes Konzert in der O2 Arena in London von 2016, sondern ist spätestens mit "A Brief Inquiry Into Online Relationships" glasklar – ein selbstreferenzielles und fast durchgängig tanzbares Album von bittersüßer Härte. Aus jedem Ton und jeder Zeile klingt die Beschäftigung und das Hadern des Quartetts aus Manchester und besonders Frontmann und Kopf Matt Healy mit den sozialen Mechanismen 21. Jahrhundert an, die sie in tragisch wahrhaftigen Ohrwürmern verpacken.

Das obligatorische, nach der Band betitelte Intro – bereits auf den beiden Vorgängeralben irgendwie der gleiche Song, aber stets großzügig umarrangiert – trifft mit einer unkonventionellen Brücke zwischen Intimität und moderner Überproduktion auch musikalisch den Nagel direkt auf den Kopf. Ambivalenz und Postmoderne sind die Stichwörter für die folgenden 14 Songs, und diese sind nicht zu hoch gegriffen. Im Gegenteil: Mit dem Charme der Pop-Avantgardisten Bilderbuch treffen The 1975 reihenweise relevante Aussagen über unsere Zeit und verpacken sie als jugendlich-naive Liebeslieder. "Give Yourself A Try" etwa fasst mit Healys gewohnt groovy-genuschelten Melodiebögen das Gefühl der orientierungslosen Millenials, die müde von Ratschlägen sind und sich stattdessen in rauschhaften Hedonismus flüchten, zusammen: "The only apparatus required for happiness is your pain and fucking going outside/And getting STDs at 27 really isn't the vibe". Mit so zeitgeistigen Lyrics gleichermaßen Generationenkonflikt, Adoleszenz und Persönlichkeitsfindung abzudecken, ist einer der großen Stärken von Matt Healy – die zweite Vorzeigesingle "Love It If We Made It" nimmt auf straightem Kopfnicker-Pop-Beat dazu Bezug auf Online-Pornografie, den Tod von Rap-Ikone Lil Peep, die Kanye-Kontroverse, den täglichen Krieg um Aufmerksamkeit und die oft täuschende Informationsflut des Internets. Zusammengefasst: "Modernity has failed us".

Besagte Songs springen einem musikalisch vor zeitgemäßer Instrumentierung förmlich ins Gesicht, während das Vorgängeralbum ja noch eher funk-lastiger ausfiel. "A Brief Inquiry Into Online Relationships" dagegen kennt in bester postmoderner Manier keine Grenzen, sondern nur Kombinationen. "Mine" ist eine klassische Swing-Ballade und könnte auch von einem Weihnachts-Jazz-Album stammen, "I Couldn't Be More In Love" ist wohl direkt importiert aus der US-amerikanischen Balladen-Schmiede der 80er, und die Akustik-Romanze "Be My Mistake" wartet in ihrer Zurückhaltung und langsamen Erzähltempo als eines der heimlichen Highlights des Albums auf. Healy singt darauf einlullend über die Verwirrung der Liebe, den Hang dazu, sich schuldig machen, um zu merken, was man eigentlich hat, und das Wegfeiern der eigenen Gefühle, unterstützt von kleinen Liebschaften: "Save all the jokes you're going to make/While I see how much drink I can take/Then be my mistake" Schlussendlich folgt die bittere Erkenntnis darüber, dass Lust nicht vergleichbar mit Liebe ist: "You do make me hard/But she makes me weak".

Trotz der tieftraurigen Elemente der Songs, die in "I Always Wanna Die (Sometimes)" bis zu Suizidgedanken und auf "It's Not Living (If It's Not With You)" Drogensucht gehen, lässt sich das Album musikalisch fasst auf gesamter Länge mit einem Lächeln genießen. Gerade letztgenannter Track führt das auf die Spitze: Ein fröhlicher Uptempo-Pop-Song unter einem Text über Heroinabhängigkeit hinterlässt einen mehr als bitteren Nachgeschmack und fasst so die gesamte Ambivalenz des Albums und dessen Thematik zusammen. Auf Instagram posten wir schließlich auch nur die guten Erlebnisse, und selbst die schlechten werden stilisiert. Wohl eine der wichtigsten Aussagen des Albums über die Zeit in der wir leben, und die Generation, die diese Techniken wie keine andere verinnerlicht hat und die nie eine andere Wahl hatte.