So lernt man Tocotronic: Die Album der Woche-Hochschule

Ihr wolltet euch schon immer in diese eine Band reinhören, von der alle reden, wisst aber gar nicht, wo ihr überhaupt anfangen sollt? Wir nehmen euch an die Hand. Die heutige Lektion in der AdW-Hochschule: Tocotronic.
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Seit fast 30 Jahren sind Tocotronic eine der bekanntesten deutschsprachigen Indie-Rock-Bands. In dieser Zeit haben sie sich sowohl musikalisch als auch optisch mehrmals verändert: mit den Trainingsjacken der Anfangszeit streiften sie auch den rudimentären Garagenpunk-Sound ab, die Texte entwickelten sich zu abstrakten Reflexionen über Identität und Gesellschaft, vom Musikmagazin-Hype wurden sie zu Feuilleton-Lieblingen. Musikalisch übermäßig komplex waren Tocotronic nie und sind es bis heute nicht. Zudem gibt es nur wenig Obskures in ihrem Oeuvre zu entdecken. Deshalb wird diese Ausgabe der Hochschule chronologisch vorgehen. Auch, weil die Karriere der Band von 1995 bis heute erstaunliche Parallelen zu einer akademischen Laufbahn offenbart.

Bachelor: Die 90er Jahre

„Ich bin neu in der Hamburger Schule“, sang Dirk von Lowtzow in einer Art Selbstverortung auf „Nach der verlorenen Zeit“, dem zweiten Album, das 1995 erschienen ist. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Jan Müller und Arne Zank war Lowtzow tatsächlich ein in die Hansestadt Zugezogener. In die Hamburger Schule, jene Musikbewegung, die das Auf-Deutsch-Singen auch in Indie-Kreisen wieder populär machte, kamen Tocotronic als Erstis zu spät, aber gut gestylt: Cordhosen, Trainingsjacken, obskure Werbe-T-Shirts aus den 70ern und Seitenscheitel prägten das öffentliche Image der Band, das von der schnell gewachsenen Fanbase gerne kopiert wurde. Insbesondere „depressive Gymnasiasten vom Land“ (Zitat laut.de) fanden sich in den Songs wieder, die hauptsächlich zwei Schlagrichtungen kannten: Hasstiraden gegen Fahrradfahrer („Freiburg“ von „Digital ist Besser“, 1995), Kabarett-Wichtigtuer („Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“ von „Wir kommen um uns zu beschweren“, 1996) und andere Auswüchse linksliberalem Spießertums, sowie verzweifelt-sehnsuchtsvolle Romantik („Drüben auf dem Hügel“, „Wie wir beide nebeneinander auf dem Teppichboden sitzen“, beide „Digital ist besser“).
Nachdem Tocotronic innerhalb kürzester Zeit vier Alben (1997 folgte noch „Es ist egal, aber“) mit musikalisch rudimentären und inhaltlich subjektiven, fast tagebuchhaften Songs veröffentlichten, wirkte „K.O.O.K“ wie die Bachelorarbeit einer gereiften Band: traumartige Texte und Lo-Fi-Synthies brachten 1999 Tocotronic erstmals in die Top Ten der deutschen Charts und die Single „Let There Be Rock“ in die Heavy Rotation bei Viva Zwei.

Master: Die 2000er

Noch ätherischer wurde ihr Sound auf dem sogenannten „weißen Album“ von 2002, das offiziell nur „Tocotronic“ heißt. Und weil diese Beatles-Referenz noch nicht anmaßend genug ist, benannte die Band ihre folgenden Alben kurzerhand als „Berlin-Trilogie“, in Anlehnung an David Bowie. Textlich ging es zurück zum Sloganeering der Anfangsjahre, aber statt der Slice-Of-Life-Erzählungen der frühen Alben, lässt Dirk von Lowtzow den belesenen, gesellschaftskritischen Master-Studenten heraushängen. So fordert er: „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (vom gleichnamigen Album, 2005), „Verschwör Dich gegen Dich“ (von „Kapitulation“, 2007) und „Im Zweifel für den Zweifel“ („Schall & Wahn“, 2010). Texte, die er selbst als „vertonte Theorie“ bezeichnet und die sich postmodern-philosophisch gegen starre Identitäten und äußere Zwänge richten. Zwei wichtige Charaktere treten mit „Pure Vernunft …“ in die Karriere der Band: Rick McPhail wird vom Live-Gitarristen zum vollwertigen Mitglied befördert und Moses Schneider produziert seitdem alle Alben von Tocotronic. Dieser nimmt Bands gerne live im Studio auf und so klingt die „Berlin-Trilogie“, benannt nach dem Aufnahme- und mittlerweile Wohnort der meisten Bandmitglieder, viel direkter als das „weiße Album“.

Promotion: Die 2010er

Spätestens in den 2010er Jahren hatten sich Tocotronic als die Band der Wahl für die „Akademiker-Disco“ (nochmal laut.de) etabliert. Zeit, sich an die Dissertation zu machen: „Wie wir leben wollen“ (2013) ist ein Gesellschaftsentwurf, der an den eigenen Befindlichkeiten ausbuchstabiert wird. Das Album zieht eine Linie vom hochsubjektiven Frühwerk („Ich will für dich nüchtern bleiben“) über die theorielastige „Berlin-Trilogie“ („Neutrum“) hin zu konkreten politischen Aussagen („Neue Zonen“), alles in eine Schlagerhaftigkeit verpackt, die gemischte Reaktionen hervorrief. 2015 erschien mit „Tocotronic“, das meist als „rotes Album“ bezeichnet wird, ein Konzeptalbum über Liebe. Natürlich wäre es zu einfach, 12 Junge-will-Mädchen-Love-Songs zu machen und so geht es darin um adoleszente Körperlichkeit („Die Erwachsenen“), unromantische Verbundenheit („Solidarität“) und queeres Begehren („Zucker“).

Habilitation: „Die Unendlichkeit“ und darüber hinaus

2018 erschien mit „Die Unendlichkeit“ das bis dato letzte Album von Tocotronic: Musikalisch divers zwischen Dub (das Titelstück) und (aufpoliertem) Garage-Punk („Hey Du“) und textlich autobiografisch über die eigene Jugend im Reihenhaus („Electric Guitar“) und die ersten Jahre in Hamburg („1993“) reflektierend, könnten sie damit durchaus den Anspruch auf eine Professur im Indie-Rock rechtfertigen.