Jahresrückblick 2023: Frank

Mein erstes Jahr beim AdW und somit mein erster Jahresrückblick.
Aus persönlicher Sicht war es ein Jahr mit Höhen und Tiefen, so wie sie in jedem Jahr vorkommen. Nur habe ich dieses Jahr gemerkt, dass ich beruflich an meine (Belastungs-)Grenzen stoße. Ist es da sinnvoll, sich gerade in dieser Phase mit dem Schreiben von Albumrezensionen etwas Neues aufzuladen? Im Rückblick betrachtet ja. Nicht nur, dass ich seit langer Zeit mal wieder intellektuell herausgefordert wurde, ich konnte meinen musikalischen Horizont erweitern und habe viele neue, liebe Menschen kennengelernt.

Einfach mal vorweg......

Laura Jane Grace hat geheiratet! Congrats!!!!!

Album des Jahres: Pascow und "Sieben"

Im Laufe des Jahres wurden viele starke Alben herausgebracht und ich habe während meines Jahres beim AdW viele Alben und Bands kennen lernen dürfen, die mir sonst nicht aufgefallen wären. Mich hat aber kein anderes Werk mit so viel Nachhall beeindruckt wie SIEBEN von Pascow. Jeder einzelne Song ist eine Urgewalt, musikalisch wie textlich. Jedes weitere Album, jede(r) Künstler:in musste den Vergleich mit der Gimbweiler Band antreten und zwangsläufig verlieren. Das soll nicht heißen, dass es nicht weitere starke Alben gab.

Top 2: Wargasm – „Venom“

Top 3: 100 Kilo Herz – „Zurück nach Hause“

Top 4: Mirror Glaze - "All Change Please"

Song des Jahres: Madsen und "Ein Bisschen Lärm"

Als ich den Song „Ein bisschen Lärm“ von Madsen hörte, dieses euphorisch vertonte Stück Poetry Slam, diese akrobatischen Wortspielereien, hatte ich das Gefühl, es sei für mich geschrieben. Dies mag pathetisch klingen, aber allein der Moment, bei meinem fünfzigsten Geburtstag nur mit diesem Lied und mir auf der Tanzfläche zu stehen, es zu singen, zu tanzen und zu spüren… Nie hatte ich ein größeres Empfinden mich trotz vieler Menschen um mich herum frei zu fühlen, wie an diesem Abend, bei diesem Lied. Einen solchen Song gibt es noch, aber der ist nicht aus 2023.

Konzert des Jahres: Pascow im Kulturzentrum Schlachthof in Bremen

Konzerte waren in diesem Jahr eher die Seltenheit. Regelmäßig war ich im Sulinger JOZZ zu Gast, dessen Konzerte einen unvergleichbaren Charme aufweisen. Nur einmal habe ich meine Lieblingslocation besucht: das Kulturzentrum Schlachthof in Bremen. Dort habe ich im März innerhalb von zwei Monaten erneut Pascow gesehen. Auch wenn das Konzert in der Saarbrückener Garage mit der After-Release-Show-Party punkten konnte, auf der wir dabei sein durften, hatte das Konzert im Schlachthof eine so enorme Kraft entfaltet, dass ich Tage später noch geflasht war. Mitten in dieser wogenden, pogenden Menge diese Musik zu spüren, die Texte zu brüllen, zwischen Menschen sich aufgehoben zu fühlen, habe ich wie an diesem Abend selten erlebt.

AdW-Moment(e) des Jahres: Interview mit Wenn Einer Lügt Dann Wir

War nicht jeder Moment ein AdW-Moment, gerade wenn ich ja alles zum ersten Mal erlebe? Da war die Aufregung, als die erste Rezi veröffentlicht wurde, und ich meiner Mutter stolz und aufgeregt wie ein kleines Kind den Link geschickt habe. Die Reaktionen der anderen AdW-Menschen auf Texte, die mir zeigten, dass meine Worte, Bilder und Eindrücke Anklang fanden. Der erste Spieleabend war auch ein Highlight. Und da war dieses erste Interview für unsere Kolumne Unter Dem Radar, welches ich, ohne zu ahnen, worauf ich mich einlasse, durchgeführt habe. Und was soll ich sagen; Johanna und Garlec von Wenn Einer Lügt Dann Wir waren fantastische Interviewpartnerinnen, die mir eine Stunde lang Rede und Antwort standen, die mir meine Nervosität nahmen und am Ende versicherten, dass mensch es mir nicht anmerkte, dass ich nervös gewesen sei. Wenn sie wüssten… Aber dieser Schritt ist gemacht, der Plausch mit 100 Kilo Herz fiel dann schon wesentlich leichter und für 2024 werde ich mir ein weiteres Interview gönnen.

AdW-Wunsch des Jahres: Analoge Meetings

Die Menschen hinter dem AdW in Real-Life-Momenten treffen, nicht immer nur Videochats!

Neuentdeckung des Jahres: Tischlerei Lischitzki

Die seit 2001 aktive Lüneburger Punkband Tischlerei Lischitzki habe ich durch einen Artikel im Fanzine Proud To Be Punk entdeckt. Die Menschen hinter dem Fanzine engagieren sich stark im sozialen Bereich. Sie organisieren beispielsweise Bildungsreisen zu Gedenkstätten. In einem Artikel ging es um generelle Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit. Die Band Tischlerei Lischitzki hat sich diesem Thema von familiärer Seite aus genähert. Im Album „Wir Ahnen böses“ (2021) setzt sich Texter Ralf mit der Vergangenheit seines Großvaters und dessen Mittäterschaft im Nationalsozialismus auseinander. Ebenso ist es ihnen wichtig, dass hinter den Nummern der KZ-Häftlinge Menschen stecken, die zum Vorschein gebracht werden müssen. Dieses Anliegen, den Menschen ihre Menschlichkeit zurückzugeben, kann nicht hoch genug angesiedelt werden und machte mir deutlich, dass wir in unserer gesellschaftlichen Lage genau solche Menschen brauchen, die erinnern. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit klaren Bekenntnissen und Worten.

Textzeile des Jahres: Pascow und "Monde"

Was die Band Pascow mir alles geben kann, ist schon beeindruckend. Nicht nur grandiose Konzerte und Alben und nicht nur Lieder voller Wut und Ohnmacht, sondern auch Textzeilen, die sich bei mir so fest verankern und mich berühren, dass sie als Grundgefühl Einzug halten in meine emotionale Welt.

"Gib mir einen Grund zum Lachen
Und ich werd's tun
Gib mir einen Grund zum Feiern
Ich werd nicht ruhen
Alles, was du sagst, klingt jetzt gut
Aber hilft mir nicht gegen die Wut"

In dem Lied geht es grundsätzlich um die Gentrifizierung von Städten. Aber losgelöst vom Songkontext spiegelt diese Textzeile meinen Dauerzustand in diesem Jahr wider. Die Momente, in denen ich mit vertrauten Menschen lache und mit Menschen, die ich vielleicht auch nicht kenne, feiere, waren auch dieses Jahr schöne Momente. Und sie sind unendlich wertvoll. Aber sie konkurrieren mit dem ganzen Scheiß, der dieses Jahr passiert ist. Dabei meine ich gar nicht das Private. Vielmehr wird Fortschritt politisch boykottiert, gewinnt eine im blauen Gewand gekleidete braune Partei an Boden, gesellschaftliche Gewissheiten zerbröseln, Vorbilder wandeln sich zu Abbildern einer vergangenen Zeit und unser Bildungssystem ist nur noch als Satire und Kabarett erträglich. All diese Missstände lösen Wut in mir aus, die sich durch das eigene Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit steigert. All das steckt und lebt für mich in diesen Zeilen.

Musikbuch des Jahres: David Hepworth und "1971 - Never A Dull Moment"

Irgendwann im letzten Jahr entdeckte ich auf einem Streaming-Sender die Musik-Dokumentation „1971 – Das Jahr, das alles veränderte“, die in acht Folgen das Ende der Sixties und den Beginn der Goldenen Ära des Rock beschreibt. Auch wenn die Doku mit bildgewaltigen Sequenzen aufwartet, geht das Buch "1971 - Never A Dull Moment" (2016) wesentlich tiefer. David Hepworth erzählt für jeden Monat des Jahres vom Schaffen großartiger Alben und Songs von Künstler:innen und Bands wie Carole King, Joni Mitchell, Sly Stone, David Bowie, Marvin Gaye, Led Zeppelin oder Pink Floyd. Er lässt Produzenten, die Künstler:innen und weitere Zeitzeug:innen zu Wort kommen und verschafft einen umfassenden Eindruck über diese Zeit. Jedes Kapitel schließt mit einer passenden Playlist. Das Buch ist (leider) nur auf Englisch.

Enttäuschung des Jahres: Anti-Fl🤬g

Im Januar habe ich mich beim AdW mit der neusten Veröffentlichung von Anti-Flag beworben. Trotz einiger literarischer Defizite, es war meine erste Rezension, habe ich die Redaktion anscheinend davon überzeugen können, es mit mir zu versuchen. Ich habe Anti-Flag seit jeher geliebt, ihre Liner-Notes waren Informationsquelle, ihre Attitüde versinnbildlichten alles, wofür Punk heute stehen sollte. Und dann der Knall: Ein Podcast veränderte alles. Die Aufdeckung des nicht nur einmaligen sexuellen und Machtmissbrauchs von Menschen, das nicht Eingestehen von Schuld und die Nichtübernahme von Verantwortung durch Justin Sane führten zur Auflösung der Band und zu einem nicht abgeschlossenen Diskurs über übergriffige, patriarchische Strukturen im Punk. Dieser Fall hat mich zutiefst erschüttert und Zweifel hinterlassen, was im Punk überhaupt noch echt ist und vor allem wer. Ich befürchte, dass Punk in seiner Struktur wahrscheinlich nur noch ein Abbild der gesamten Gesellschaft ist.

Zu guter Letzt... mein Zitat des Jahres von Taylor Swift

"Wenn du das Glück hast, anders zu sein, ändere das nie!"