Soundchecks des Campusfestival Mittweida: Im Gespräch mit den Gewinner-Bands

Bevor in diesem Jahr das Campusfestival Mittweida über die Bühne ging, wurde in drei Livestream-Soundchecks um Slots auf dem Event gespielt. Wir haben die Gewinnerbands getroffen.
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Dass das Campusfestival Mittweida sich auch durch eine gewisse Genre-Offenheit definiert, wird in der Auslegung der dazugehörigen Soundcheck-Events sehr deutlich. So traten die Bands und Künstler:innen jeweils in den Kategorien „Pop“, „Hip-Hop“ und „Rock“ gegeneinander an. Letztere Kategorie konnten dabei Kein Alaska aus Leipzig für sich entscheiden. „Die großen Rockbands sind mittlerweile aus den Charts verschwunden, aber Rockmusik beeinflusst heute auch viele andere Genres“, meint Schlagzeuger Sebastian zum Stand seines Genres. „Die E-Gitarre und das Schlagzeug sind mittlerweile in ganz breiten Gefilden angekommen. Das finde ich schön. Man muss sich gar nicht mehr entscheiden.“

Die Genre-Offenheit, die Sebastian anspricht, steht eigentlich deutlich gegen die Idee der Soundchecks, in denen Bands in klar getrennten Kategorien gegeneinander antreten, aber in der Tat zeigt sich die Offenheit und Grenzüberschreitung auch in den Soundchecks. Die drei Bands etwa, die in der Rockkategorie gegeneinander antreten, haben abseits ihres grundlegenden Instrumentariums stilistisch eigentlich wenig miteinander gemein. Und auch Animal’s Secret, den Gewinnern der Kategorie Pop, darf durchaus die Frage erlaubt sein, ob diese nicht auch in die Sparte der Gitarrenbands gepasst hätten. „Mittlerweile haben viele wieder Angst, sich das Label ‚Pop‘ auf die Fahne zu schreiben, weil sie Angst haben, direkt wieder in die Mainstream-Sparte abgetan zu werden“, meint Bandmitglied Jonas. „Wir selbst bezeichnen uns eher als Pop-Rock-Indieband. Live sind wir aber dann doch deutlich rockiger als auf unseren Aufnahmen. Am meisten sind die Popeinflüsse wohl in unseren Gesangslinien zu hören. Unser Sänger ist auch derjenige von uns, der am meisten Popmusik hört.“

Etwas aus der Reihe der Gewinner fallen SKFellas, die die Kategorie Hip-Hop für sich entscheiden konnten, und selbst hier scheint das Bild nicht so klar zu sein, wie man angesichts der Musik der Rapgruppe vermuten könnte. „Ich komme vor allem durch meinen Vater geprägt eher aus dem Punk- und Rockbereich“, meint etwa SKFellas-Mitglied Tom und benennt damit einen Einfluss, der von den anderen beiden Bands gar nicht so weit entfernt zu sein scheint. „Fesco hat früher sau viel House-Zeug gehört, Iblah hat schon immer die Hip-Hop-Kultur gelegt. In unserem Teenager-Alter war Rap dann das, worauf wir uns alle einigen konnten.“ Iblah selbst ergänzt schließlich noch die Vielfalt, die Hip-Hop heute auch durch seine größere Verbreitung erfahren hat: „Für mich ist das Genre als Subkultur gestartet, mittlerweile hat das natürlich einen Wandel durchgemacht. Wir haben uns damals gewünscht, dass unsere Kultur endlich die Anerkennung bekommt, die sie verdient. Man wurde ja doch oft sehr abschätzig bewertet. Mittlerweile gibt es innerhalb dieser Vielfalt aber immer noch die Möglichkeit, Hip-Hop als Subkultur wahrzunehmen, als etwas, das Menschen auf diese Weise zusammenbringt.“

Die Soundchecks in Mittweida sind als Livestream-Event mit Publikum aufgezogen, funktionieren aber deutlich komplexer als die typischen Handystream-Konzerte, die gerade mit Beginn des ersten Lockdowns schnell zum großen Thema wurden. Vor Ort findet sich ein richtiges Fernsehstudio, es gibt Moderation und Dialog, nicht nur Konzert. „So eine Kulisse ist für eine Band unserer Größe doch eher ungewöhnlich“, bemerkt Jonas von Animal’s Secret. „Bei uns würden da wohl einfach ein paar Kameras rumstehen. Das war für uns sehr neu und spannend. Wir haben uns nie so sehr um Livestreams gerissen, weil wir das nie als wirklichen Ersatz für ein Konzert empfunden haben. Dieser Auftritt ist aber nochmal etwas Anderes gewesen.“ Für SKFellas ist es sogar der erste Auftritt überhaupt, weil sich die Gruppe quasi pünktlich zur Pandemie gegründet hat. „Diese Situation hat einen dazu gezwungen, sich völlig aufs Musikmachen zu konzentrieren“, kommentiert Tom den Beginn seiner Band. „Aber natürlich hätte man sich gewünscht, das auch mal vor Publikum ausprobieren zu können.“

Die Pandemiezeit haben alle Bands augenscheinlich reiflich dafür verwendet, um neue Songs zu schreiben. Alle drei Gewinner der Soundchecks planen in nächster Zeit die Veröffentlichung neuer Musik und versuchen damit die Überbrückung einer Zeit, in der sich das Livegeschäft nach wie vor in einer dramatischen Lage befindet. „Durch die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns sind viele Spielstätten pleite gegangen“, schildert Sebastian von Kein Alaska die Situation in Leipzig. „Wir standen während der Pandemie auch mit anderen Bands in Kontakt und haben gemeinsam versucht, etwas auf die Beine zu stellen. Aber während wir am Anfang noch motiviert waren und viele auch immer schnell Rücksprache mit uns gehalten hatten, hat man auch irgendwann gemerkt, dass viele gar nicht erst mehr planen, weil es keinen Sinn macht, ein Veranstaltungsdatum rauszugeben und zwei Monate später alles wieder absagen zu müssen. Dann wartet man wohl lieber ab, bis die Beschränkungen aufgehoben sind.“

Am Ende des Tages sind die Soundchecks in Mittweida so vielleicht ein vorsichtiger erster Ausbruch aus einer Kulturkrise und eine Art Hybrid in Zeiten, in denen sich vieles verändert. Livestreams haben ein ganz neues Produktionsniveau erreicht, Publikum kann zumindest in Teilen schon wieder auftauchen und der zunehmende Genre-Pluralismus durch die zunehmende Vernetzung von Musiker:innen hat auch seine Spuren hinterlassen. Wir sind vielleicht noch nicht ganz da angekommen, wo wir hinwollen, aber die Soundchecks in Mittweida sind ein spannender Schritt in Richtung Normalität.