Im Kreuzverhör #33: Selvhenter und "Motions of Large Bodies"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Passend zu unserem derzeitigen Themenmonat Jazz wirft Felix dieses Mal eine Free-Jazz-Noise-Fusion der schwedischen Combo Selvhenter in den Ring.
ab67616d0000b27389080efd13bfda8366852d3e.jpg

Eine meiner wenigen Berührungspunkte zum Free Jazz war bisher eine Musikstunde in der 10. Klasse. Unsere Lehrerin legte eine CD ein und spielte wenige Minuten von dem an, was bei mir die akustische Assoziation eines Autounfalls auslöste: Alles war verbeult, nicht da wo es sein sollte, irgendwo rollte ein einzelner Reifen durch die Szenerie. Aber Unfälle üben nun mal auch eine gewisse Faszination aus, wenn man sie beobachtet. Und so ging es mir auch mit dem Stück im Musikunterricht. Nach Felix' Ankündigung, dass es im Kreuzverhör um Free Jazz gehen wird, war ich also sehr gespannt. Ich erwartete als ich auf Play drückte eine dreiviertel Stunde dissonanten Krach – und wollte mich darauf einlassen. Doch darauf, was Selvhenter auf „Motions Of Large Bodies“ spielten, darauf war ich nicht eingestellt – und zwar im besten Sinne. Mit scheinbar unendlicher Geduld entfalten die Däninnen den Opener „Golden Boy“ zu einem instrumentalen Techno-Track, der mich sofort mitnahm. Als ich an dieser Stelle notierte: „Lieb's jetzt schon, was kommt noch?“, hatte ich geglaubt, es geht in dieser Art weiter. Aber nein, das wäre zu einfach. Es folgen stattdessen Punk-Zitate, Stoner-Riffs, Marching-Band- und Blues-Anleihen. Mal wirkt die Musik sakral, manchmal karibisch. Klar gibt es Reibungen, aber Selvhenter legen es nicht darauf an, möglichst dissonant zu klingen. Im Gegenteil, die Songs sind zwar ungewöhnlich strukturiert, aber trotzdem sehr zugänglich, weil man die Referenzpunkte kennt. Die Abwechslung und Spielfreude auf dem Album wird dafür sorgen, dass es in Zukunft noch öfter bei mir läuft.

Kennt ihr das, wenn man ein Instrument lernt und aus einem Akt der Selbstüberschätzung anfängt, Soli in bestehende Stücke zu spielen, auch wenn man es offenkundig nicht kann? Ein wenig erinnert dieses Album an dieses Phänomen. Besonders bei "Mos Def". Das klingt ja so sehr nach Benny Goodman, dass sogar ich es erkannt habe. Nein, ich kann wirklich nicht behaupten dieser destruktiven - oder besser - dieser nervigen Platte irgendetwas abgewinnen zu können. Vielleicht ist das wieder mal zu hoch für mich und ich muss mich wieder Schrammelpunk von Piefke oder Reuze widmen. Da ist der Anspruch einfach von vornherein niedriger. Denn Jazz bedient in meinen Augen immer das Prädikat besonders wertvoll. Dass Free Jazz auch dazugehört, vergesse ich immer wieder. Obwohl ich mir sicher war, dass die Jam-Session, die ich mit fünf Freunden mal im Suff veranstaltet habe, auch als Tadelloser Free Jazz durchgegangen wären. Yo Johnny, Tobi - lasst mal 'n Album aufnehmen!

Seit neuestem werde ich gegen meinen Willen für Kreuzverhöre nominiert. Da scheint der Verdacht auszureichen, dass mir die Musik bestimmt mal wieder nicht gefällt. Aber Kreuzverhöre sind mir da nach wie vor die liebsten Nominierungen. Immerhin ist das so viel besser als sich kaltes Wasser über den Kopf zu schütten oder in der Adventszeit Rezeptideen für Plätzchen an meistens fremde „frisch gebackene“ Muttis schicken zu sollen. „Pack Schokolade drauf, nicht anbrennen lassen und gut ist! Danach per Post an mich.“. Ein Kreuzverhör-Genie würde an dieser Stelle eine Überleitung von Keksen zum Free-Jazz-Album „Motions Of Large Bodies“ herstellen, da ich aber bis zu genau DIESEM Wort gerade einmal den ersten Song gehört und einfach schon mal drauf losgeschrieben habe, bin ich dazu noch nicht in der Lage. Klang aber bis hierhin immerhin nicht sehr angebrannt! Ich nehme mir das Album jetzt vor und melde mich dann wieder… …Ach Leute, das ist echt nicht meine Welt. Wenn ich mit meinem Talent backen würde, würden meine Plätzchen wohl so schmecken wie diese Musik für mich klingt. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ich respektiere jeden Menschen der irgendein Instrument beherrscht und damit unsere Welt bereichert, aber verstehen muss ich das deshalb noch lange nicht.

Wenn ich an Free Jazz denke, entfaltet sich in meinem Kopf immer eine akustische Version des Völkerball-Matches einer präpubertären Schulklasse. Alles läuft durcheinander, niemand weiß so richtig in welchem Team er oder sie jetzt spielt, aber scheißegal, Hauptsache der Ball trifft und klatscht dabei möglichst laut. Nur dass die Leute beim Free Jazz eben — mutmaßlich — sehr genau wissen was sie da tun. Naja, man kann das natürlich jetzt in pädagogisch wertvoller Referendar:innen-Manier versuchen zu entzerren, zu ordnen und hinterher im Sitzkreis zu reflektieren, oder man erfreut sich halt an dem Chaos, was sich da entfaltet. Soweit so gut, nun also zu Selvhenter und ihrem Album “Motions of Large Bodies”. Zur Assoziation mit dem Titel mal vorweg: finde ich äußerst passend, vor allem angesichts der Tatsache, dass der Song “Mos Def” ja wohl eindeutig der viel bessere Soundtrack zu der Elefantenmarschszene im Dschungelbuch gewesen wäre. Aber mich fragt ja keiner…

Auf den ersten Blick wirkt die Platte für mich nicht unbedingt wie die Speerspitze des Attributs “Free”, scheint mir der durchaus catchige Opener “Golden Boy” doch relativ zusammenhängend. Dieser Eindruck sollte sich auf den folgenden Tracks ändern, als die Schwed:innen plötzlich auf die Idee kommen, man könne ja mal andere Musikstile mit in dieses Improwirrwarr werfen. Noisige E-Gitarren zum Beispiel, oder Drone-Metal-mäßige Waberbässe, oder karibische Trommeln. Ist ja schließlich Free Jazz. Das Ganze nimmt dann irgendwann die Form eines Tags der offenen Tür in der örtlichen Musikschule an, zu dem aber aus irgendeinem Grund nur verrückte Genies gekommen sind. Kurzum könnte man meine Stimmungskurve während des Albums wie folgt beschreiben: Hätt's mir schlimmer vorgestellt - Aha, oh boy - WTF - eigentlich ganz geil - wieso hör ich das erst jetzt?! - bitte mehr davon.

In Kunst und Musik geht es ja um Ausdruck bzw. sich auszudrücken. Deswegen habe ich nie verstanden, wie Menschen ihr Leben lang Genres mit starren Strukturen hören können. Strukturen, um bloß niemanden zu verscheuchen und an die man sich klammern kann. Auch Standardtanz verstanden, aber das führt hier wohl zu weit… Um es kurz zu machen: Ich liebe Free Jazz und Noise Musik. Zwei Genres, in denen man es mit Harmonik und Melodie nicht so genau nehmen muss. Den Free Jazz heißt ja nicht umsonst so. Von dieser Platte habe ich mir also viel versprochen und wurde nicht im Geringsten enttäuscht. Die Däninnen nutzen ihre Freiheiten um nicht nur Strukturen, sondern vor allem auch Sounds zu erforschen. Dabei sind sie praktisch nie unzugänglich. Zu meiner großen Überraschung klingen sie zum Beispiel auf dem Opener wie die (auch von mir) hoch gelobten und irgendwie auch kommerziell erfolgreichen Black Midi oder Black Country, New Road. Nur ein paar Jahre früher. Sind Selvhenter ähnlich erfolgreich? Ein Blick auf Spotify genügt: 109 monatliche Hörer:innen. Eigentlich Schade. Mit mir haben sie zumindest einen weiteren hinzugewonnen.