Unter dem Radar #24: Smoothica

Spätestens seitdem das Londoner Mastermind Tom Misch die Bildfläche betreten hat, ist Bewegung in das Neo-Soul-Genre gekommen. Smoothica aus Hamburg erzählen, wie sie in der Ambivalenz zwischen Soul, Pop, Jazz und Hip-Hop ihre Mitte gefunden haben – und berichten, was es bedeutet, in der Hansestadt mit so einem Sound vorankommen zu wollen.
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Heimat: Hamburg
Genre: Neo-Soul, Jazz, Pop
Bisher veröffentlicht: „Inside“-EP (2021)
Für Fans von: Hiatus Kaiyote, Tom Misch

Kaum eine popmusikalische Strömung kann auf eine derartig lange und reichhaltige Historie zurückblicken wie der Jazz. Da ist es nicht verwunderlich, dass heute längst nicht mehr alles so ist, wie es vor einem knappen Jahrhundert mal der Fall war. Jazz hatte in der westlichen Kultur einst den Status dessen, was heute in den Mainstream-Radios von vielerlei vermeintlichen Elitären verpönt wird. Er war massenkompatible Popmusik, Schlager, manch ganz Verbitterter würde sogar sagen Funktionsmusik, die viel Anklang fand, aber bei den großen Köpfen der akademischen Welt auf Unverständnis und Ablehnung stieß. Prominentestes Beispiel ist vielleicht der Philosoph Theodor Adorno, der zu Lebzeiten als Anhänger der zeitgenössischen Avantgarde Jazz stets ablehnte und der entsprechend in seiner berühmten Hörer-Typologie den „Jazz-Experten“ in seiner Rangliste des „adäquaten“ Hörens den drittletzten Platz einräumte – getoppt nur noch vom „Unterhaltungshörer“, für den Musik nichts weiter ist als eine zerstreuende Klangquelle ohne tieferen Zugang, und dem „Unmusikalischen“, dessen Existenz sich Adorno nur durch falsche Erziehungsmethoden in der Kindheit erklären konnte. 

Im Jahre 2021 hat sich das Bild des Jazz‘ freilich gewandelt. Heute ist diese Musik aus der Masse verdrängt, spätestens der Siegeszug des Rock’n’Rolls hat das einstige Massenphänomen zu einer Musik für Liebhaber und Akademiker gemacht. Eine Tendenz, die den Sound trotzdem nie ganz zur Nische verkommen ließ, sondern ihm bis heute zu einer bleibenden Szene verhalf. Warum dieses lange Intro? Weil es vielleicht Bands wie Smoothica sind, die diesem stetig changierenden und wachsenden Sound im 21. Jahrhundert wieder dazu verhelfen könnten, eine neue Art von Zugänglichkeit zu entwickeln. „Die deutsche Szene ist anders als in vielen Teilen der Welt“, denkt Gitarrist Angelo über die musikalische Sparte nach, in der seine Band Anknüpfung findet. „Wenn man mal in Richtung London oder New York schaut, da ist alles noch sehr viel größer. Speziell in Hamburg ist man vielleicht noch ein bisschen elitärer unterwegs, das geht hier noch etwas mehr ab als zum Beispiel in Berlin. In anderen Städten ist man da breiter aufgestellt, da ist Jazz eine sehr offene Musik. Das Genre ist unheimlich modern geworden und ich habe das Gefühl, dass dadurch auch immer mehr Leute von außen einen Zugang bekommen.“

Schaut man sich die Hintergründe der Bandmitglieder an, dann könnte man allerdings schon schnell zu dem Schluss kommen, dass hier die recht typische Origin-Story einer Band dieses Kalibers vorliegt. Alle lernen sich in der Hamburger School of Music kennen, wo Angelo nach und nach Bandmitglieder für sein geplantes Neo-Soul-Projekt zusammensucht. Sängerin Julia ist bereits früh dabei, Pianist Alex studiert einen Jahrgang unter den beiden und kommt später dazu. Drummer Julian ergreift zwischen vielen anderen Projekten schließlich selbst die Initiative und fragt, ob er dazustoßen darf. „Es ging dann los mit ein paar Jams“, erinnert er sich. „Ich bin ein völliger Neuling auf dem Gebiet Neo-Soul und musste mich dort erstmal reinfinden. Es hat länger gedauert, bis ich damit warm geworden bin. Ursprünglich komme ich eher aus dem deutschsprachigen Hip-Hop und höre da auch eher die Old-School-Vertreter – Blumentopf, die Beginner, meine absolute Lieblingsband ist Seeed. Dennoch gibt es da bei uns natürlich auch eine gewisse Schnittmenge und die suche ich mir gerade heraus. Beats spiele ich bei Smoothica ja zu genüge und ich will irgendwann auch unbedingt nochmal Dancehall unterkriegen. Mal schauen, wann wir das hinkriegen.“

Smoothicas Sound entsteht aus einer Reihe einzelner Protagonist:innen, die genau wissen, was sie tun. Trotzdem gelingt der Band gerade das Kunststück, ihren Sound offen und zugänglich zu gestalten. Die Hooks sind einnehmend, der Groove ist leicht und verbirgt trotzdem viel Tiefe. „Für mich ist das leichte Kost“, meint so auch Pianist Alex. „Ich höre manchmal schon ein wenig ‚komische‘ Musik und studiere jetzt Jazz, da ist bisweilen schon ziemlich abgefuckter Kram dabei. Neo-Soul hat mich trotzdem immer begleitet. Wenn eine Party ist, dann macht man das halt an, weil es einerseits massentauglich, aber trotzdem für Leute mit einem musikalischen Background anspruchsvoll genug ist.“

Die Offenheit der Band, die klar auch in ihrem Sound verankert ist, ist vielleicht auch der Anknüpfungspunkt, der in ihrer lokalen Szene viel Potential verspricht. Smoothica haben den Großteil ihres Daseins als Gruppe im Pandemie-Modus verbracht und konnten entsprechend wenig an ihrer Live-Reputation arbeiten. Trotzdem kommen die Vorstellungen der lokalen Gegebenheiten doch bereits recht deutlich zur Sprache. „Eine richtig große Front an Neo-Soul-Bands gibt es hier nicht“, meint so etwa Angelo. „Wir haben aber ja nicht nur Einflüsse von Pop und Jazz, sondern auch viele Hip-Hop-Elemente. Das gibt einem sehr viele Möglichkeiten. Wenn irgendwo gefordert wird, dass man nur harte, schnelle Standards spielt, das machen wir nicht so gern. Gleichzeitig gibt es viele Leute, die sich für Jazz interessieren und offen sind für andere Einflüsse. Genau so ist es bei allen, die im Hip-Hop und Underground unterwegs sind, da hat Hamburg eine relativ starke Szene.“

2021 kanalisiert sich Smoothicas Musik erstmals in einer Studioaufnahme. Die EP „Inside“ realisiert die Band durch ein Crowdunding, insgesamt sechs Tracks definieren den aktuellen Stand der Band, der sich in Zeiten der Pandemie nur von zu Hause und nicht auf der Bühne nachvollziehen lässt. Zum sehr expressiven Song „Love Hurts“ gibt es auch ein Musikvideo, in dem die Tänzerin Jihan Belhoula eine Performance für den Song erdacht hat. Der klanglich sehr leichtgängig gehaltene Track vertont dabei ein sehr persönliches Thema, denn Sängerin Julia reflektiert in dem Text die schwere Krise einer Freundin, die sie auch selbst getroffen hat. „Für mich war es krass, dass mich das damals so mitgenommen hat, weil ich ja selbst von der Situation gar nicht direkt betroffen war“, sagt sie. „Einerseits dachte ich mir, dass das vielleicht normal ist, und anderseits wollte ich ja stark und für sie da sein. Dieser Song war für mich ein Weg, einerseits selbst mit den Emotionen klarzukommen, aber anderseits meiner Freundin auch den Wunsch mitzugeben, da rauszukommen. Es gibt viele Songs, die ganz melancholisch und traurig mit einem solchen Thema umgehen. Das ist wichtig. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass wir in dieser Situation eher etwas zum Ausbrechen brauchten.“

Es scheint so, als hätten Smoothica gerade trotz ihrer jungen Bandgeschichte immer ein gutes Gespür dafür, was der nächste Schritt sein könnte. Aktuell arbeitet die Band an neuer Musik, ein Track namens „Bubble“ soll schon in den nächsten Wochen erscheinen. „Es geht demnächst vom Sound her tatsächlich in eine andere Richtung“, beschreibt Julian den kommenden Release. „Wir wollten dieses Mal noch ein wenig elektronischer rangehen, gerade was das Drumming angeht. Ganz besonders daran ist, dass wir den Song zum ersten Mal komplett in Eigenregie aufgenommen haben. Wir wollen mit dem Track auch ein paar andere Sichten sehen, denn irgendwann muss man ja auch wieder zusammenfinden – am Ende oder am besten sogar schon während der Pandemie. Es ist wichtig, dass wir nicht den Blick darauf verlieren, was gerade auch in anderen Ländern und Regionen abgeht.“