Im Kreuzverhör #14: Avantasia - "The Scarecrow"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal konfrontiert Miriam die Teilnehmer mit dem metallischen Wanderzirkus um Avantasia - an Hochkarätern mangelt es hier nicht.
Avantasia Scarecrow

Miriam Rhein

Das Konzept von Konzept-Alben und Konzept-All-Star-Projekten ist – zugegeben – ein heikles Pflaster. Selten bleibt dabei mehr übrig als ein dürres, peinliches Abstraktum dessen, was in den Pressemitteilungen als einzigartig und episch angepriesen wird. Tobias Sammet, Kopf und Songwriter hinter Avantasia, war mit seiner All-Star-Idee also schon 2001 nicht mehr „einzigartig“. Dennoch ist er für mich der Einzige, der ein so durchkonzeptioniertes Musikmachen mit überzeugender Spiel- und Hörfreude auf Platte und Bühne bringt.

„The Scarecrow“ ist der erste Teil einer musikalischen Trilogie, die meine Hörgewohnheiten komplett auf den Kopf gestellt haben. Wer wie ich 3-minütige, rotzige Punkbrecher gewohnt war, wird schon nach den ersten beiden Songs, die bereits 17:30 Minuten verschlingen, die weiße Fahne schwingen wollen. Aber ich war bereit für meine ersten Schritte im Metal, also zog ich es durch. Unzählbar oft.

Die ersten Sekunden des Openers „Twisted Mind“ und deren Riff sind für mich mittlerweile eine ikonisch herangereifte Einmarschmusik bei Prüfungen oder wichtigen Terminen – wer braucht schon „Eye Of The Tiger“? Vor allem die beiden ersten Tracks profitieren von der unbändigen Fülle der Produktion, die keinen Platz für Nichtigkeiten lässt, und es trotzdem schafft, Feinheiten in der Atmosphäre herauszuarbeiten. Diese werden durch die Auswahl der Gastmusiker weiter gefüttert. „The Toy Master“ ist in Stimmung, Text und musikalischem Rahmen der Stimme und dem Ruf von Alice Cooper auf den Leib geschrieben. Dazu auch noch ebenfalls musikgeschichtlich – zumindest im klassischen Heavy Metal – herausragende Stimmen wie Michael Kiske (damals Ex-, heute wieder Helloween) und Bob Catley (Magnum) geschmeidig in das Gesamtwerk einzuflechten ist Sammet an Perfektion grenzend gelungen.

Auch im Text lässt sich erfolgreich tiefer nach weiterführenden Interpretationen, mit oder ohne Instrumentalisierung buddeln. Mit der Scarecrow-Trilogie habe ich das tatsächlich auch getan. Ich bin der erzählten Geschichte des Albums mithilfe des Booklets, Interviews, Text, Instrumenten, Musikerauswahl akribisch nachgegangen und könnte jetzt sicherlich großzügig darüber referieren. Wer Bedarf danach verspürt, darf sich gerne melden.

Egal ob mit oder ohne Hintergrundwissen ist insbesondere „The Scarecrow“ und das gesamte Avantasia-Universum eine leicht zugängliche und gleichzeitig sehr ergiebige Einstiegsdroge und Verteiler für neue Hörgewohnheiten.

Man möge mich einen Banausen nennen, aber Avantasia ist für mich noch nie was gewesen. Ganz Avantasia? Nein! Denn in der Musik der Band ist immer wieder Platz für Gitarrensoli. So schafft es das Solo von „Shelter From The Rain“ mich in eine Art euphorischen Zustand zu versetzen, mit Tendenz zur Ekstase. Jedoch passt es nicht zum Rest. Wie eine Mischung aus Phil Collins, Manowar und Nickelback. Künstler, beziehungsweise Bands die sich abstoßen. Dazu dieses Gefühl, dass die Band ständig versucht mehr zu sein, als das was sie sein könnten. Eine richtige solide Heavy Metal Band. Man nehme „The Scarecrow“. Was sollen denn die ganzen Geigen ständig? Warum wird da versucht eine auf Symphonic zu machen? Es wirkt furchtbar gezwungen. Nach dem Motto, „Man kennt uns dafür, also müssen wir da auch irgendwie was für machen!“ Natürlich ist es immer schwierig den Ansprüchen der Fans zu genügen und was anderes zu machen. Aber hier wurde ein gutes Metal Album für etwas „Höheres“ geopfert. Und viel Liebe für Sascha Paeth, den Gitarristen der für diese Soli verantwortlich zeichnet. Sofern er es war, bei diesen häufigen Wechseln kann man schon durcheinander kommen.

Ok, ein paar Dinge vorweg: Ich konnte nie etwas mit van Halen anfangen, halte Rock-Opern für die elfte biblische Plage und bin heilfroh darüber, dass der Hair-Metal mitsamt dem kitschigen Rumgepose bereits vor meiner Geburt von Kurt Cobain und seinen Mannen unter die Erde gebracht wurde, dahin wo er hingehört: Ganz. Weit. Unten. Mit dieser Vorkenntnis mag es auch nicht groß überraschen, dass Power- und Bombast-Metal nicht gerade zu meinen Lieblingsgenres of all time zählen. Und nun gibt es mit „The Scarecrow“ eben eine Metal-Oper, noch dazu als All-Star-Projekt. Na super.

Auf den ersten Höreindruck bestätigt die Platte meine schlimmsten Befürchtungen: Alte Männer, die mit hoher Stimme und viel Vibrato überdramatisch ins Mikro schreien, Bombast-Produktion, poserhafte Gitarrensoli, Streicher, Synthies, viel Kitsch, viel Pathos – Avantasia fährt wirklich das volle Programm auf. Dazu noch Textzeilen wie „The love you feel you waste away on me, What kind of love would let us bleed away?“ und ich bekomme endgültig das Gefühl, duschen gehen zu müssen.

Und doch habe ich mich in dieser Woche mehrmals ertappt, wie ich zu den treibenden Drums von „Another Angel Down“ beschwingt durch die Stadt marschiere. Alles nur ironisches Gefallen, versteht sich, ansonsten könnte ich mir den ausbleibenden Kotzreiz bei einer Refrainzeile wie „We rock the Ball“ nun wirklich nicht erklären. Völlig unironische Bewunderung gilt hingegen der Produktion; die trotz völliger Überladung immer noch unglaublich crisp und detailreich klingt. Da freut man sich ja schon fast auf das große Finale. Nach einer guten halben Stunde also mal ein kurzer Blick auf die Tracklist – es ist der vierte Song. Oh Boy...

 

Avantasia gehören zu der Sorte Bands, die ich seit ich denken kann und mich mit Musik beschäftige zwar namentlich kenne, aber ich mir irgendwie noch nie freiwillig angehört habe. Ich kann das nicht einmal begründen. Solche Bands kennt wohl jeder und meistens hat man gar keine richtige Erklärung dafür, dass man sich ihre Musik einfach nicht anhört. Dennoch kam ich bei einigen Titeln der Platte ins Grübeln, ob ich diese nicht doch schon mal irgendwo gehört habe. „The Scarecrow“ als Titeltrack, „Twisted Mind“ oder „Devil In The Belfry“ kamen mir seltsam bekannt vor und passen eigentlich auch total in die Schiene, die mir musikalisch zusagt: Diese Titel sind schnell, melodisch und reihen sich in von mir gemochte Musik von Bands dieser Art wie zum Beispiel Accept oder im erweiterten Sinne auch Sonata Arctica problemlos ein. Als ich versuchte Erklärungen dafür zu finden, fiel mir nur eine einzige ein: Mein Gehirn muss diese Melodien unbewusst gehört und abgespeichert haben. Das kann entweder beim regelmäßigen Konsum diverser Internetradios oder der regelmäßigen Beschallung durch meinen Bruder passiert sein. Bei Avantasia und ihrem 2008 erschienenen Album „The Scarecrow“ habe ich dieses bisherige Meiden der Band jedenfalls begonnen zu bereuen. Auch wenn Teile des Albums für mich eher belanglos abgespielt werden, die drei aufgezählten Songs gehören jetzt zu meinen Spotify-Favoriten und zukünftig weiß ich bei ihnen immerhin auch, warum und weshalb.