Smells Like Riot – Wie der Feminismus zur Rockmusik kam

Die späten 80er-Jahre. Die Rockmusik wird dominiert von Bands und Frontsängern, die ein stereotypisches Männlichkeitsbild verkörpern – Axl Rose, Vince Veil, David Lee Roth. Alkoholeskapaden und Groupies prägen das Bild des Rockstars. Noch kann keiner ahnen, dass aus der brodelnden Grungeszene rund um Seattle eine Band entstehen würde, die dieses Bild gehörig auf den Kopf stellen wird.
Gurr

Nirvana schlagen in den frühen 90ern ein wie eine Bombe und spätestens mit „Nevermind” avanciert das Trio um Kurt Cobain zum Anwärter auf den Titel „Größte Band der Welt”. Mit dieser Detonation ändert sich auch der inhaltliche Diskurs des Rock-Mainstreams, weg von platten Strip-Hymnen wie „Pour Some Sugar On Me” (Def Leppard) und „She’s My Cherry Pie” (Warrant), oder sexistischer Scheiße wie „turn around bitch, I got a use for you” (Guns ‘n Roses - „It’s So Easy”). Nirvana sprechen unangenehme Themen an – Sexuelle Gewalt („Rape Me”, „Polly”), Abtreibung („Pennyroyal Tea”) und Ungleichbehandlung („Frances Farmer Will Have Her Revenge On Seattle”). Während Slash und Tommy Lee nach ihren Auftritten völlig betrunken mit einigen Groupies im Backstage verschwinden, füttert Cobain während Interviews seine Tochter und haut ganz nebenbei solche Statements raus:

„Rape is one of the most terrible crimes on earth. And it happens every few minutes. The problem with groups who deal with rape is that they try to educate women about how to defend themselves. What really needs to be done is teaching men not to rape. Go to the source and start there.”

Cobain markiert einen neuen Archetypen des Frontmanns, introvertiert und nachdenklich statt laut und exzentrisch. Als er sieben war, ließen sich seine Eltern scheiden und der junge Cobain wurde fortan Zeuge einer Reihe von missbräuchlichen Beziehungen seiner Mutter, die nicht selten mit blauen Augen und Krankenhausbesuchen endeten. Eigenen Aussagen zufolge erkannte er früh, dass Frauen in der Gesellschaft schlecht behandelt wurden, was wohl auch zur Folge hatte, dass er sich – mit Ausnahme seiner Bandkollegen – vor allem mit weiblichen Musikern umgab. Viele dieser Musikerinnen zirkulierten im Dunstkreis des Punk-Subgenres Riot Grrrl. Riot Grrrl ist ein fast ausschließlich weibliches Genre, das sich aus dem Punk entwickelte. Der hatte sich zu der Zeit nämlich zwar auf die Fahne geschrieben, total liberal und überhaupt nicht klischeebehaftet zu sein, die Erfahrungsberichte vieler weiblicher Fans sprachen aber eine andere Sprache, nach der der Punk quasi an denselben Problemen toxischer Maskulinität litt, mit denen auch Hardrock und Glam-Metal zu kämpfen hatten.

Also schufen weibliche Punk-Fans in allerfeinster DIY-Manier ihr eigenes Subgenre – Riot Grrrl. Doch während männliche Punk-Acts wie die Sex Pistols durchaus Repräsentation in den großen Musikmedien der Zeit – NME, Spin, Rolling Stone und natürlich MTV – fanden, bewegte sich Riot Grrrl weitestgehend im Untergrund. Ausgetauscht wurde sich von Fan zu Fan auf Konzerten, Partys, oder über die most-punk-ever Variante der Berichterstattung: Fanzines. Riot Grrrl Bands verweigerten sich auch aus Angst vor vorsätzlicher Misinterpretation der Mainstream-Musikpresse, die mit weiblichen Musikern durchaus nicht immer freundlich umging. Während extrovertierte männliche Musiker als selbstbewusst und exzentrisch gefeiert wurden, hieß es bei Musikerinnen mit ähnlichen Charakterzügen oft, sie seien hysterisch oder „schwierig”. So auch geschehen bei Cobain und seiner späteren Frau, der Hole-Sängerin Courtney Love. Beide waren bekannt für ausgeflippte Bühnen-Performances und dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Cobain wurde durch die Bank für seine kritischen Aussagen gefeiert oder zumindest anerkannt, was das Magazin Melody Maker allerdings nicht davon abhielt, Courtney Love als „Jon Bon Jovi mit Titten” zu titulieren. Riot Grrrl Bands wie Bikini Kill oder Bratmobile wollten sich dieser Ungleichbehandlung nicht aussetzen und verweigerten konsequent den Kontakt zur Musikpresse. Der Name „Bikini Kill“ sollte übrigens bei jedem eingefleischten Nirvana-Fan die Alarmglocken der Wiedererkennung leuten. Schließlich spendierte Bikini Kill Frontfrau Kathleen Hanna den Titel zum größten Hit der Band, als sie an Cobains Schlafzimmerwand den Halbsatz „Smells Like Teen Spirit” kritzelte.

Durch seine Freundschaft mit Mitgliedern der Riot-Grrrl-Szene setzte sich Cobain weiter mit feministischen Themen auseinander und transportierte diese auch in seine Musik. Songs wie „Sappy” oder „Been A Son” erzählen von Ungleichbehandlung und Verunglimpfung bis hin zu blankem Hass, den Frauen in der Gesellschaft über sich ergehen lassen mussten. Auch wurde er nie müde, Riot Grrrl als stetige Quelle der Inspiration und als Hoffnung für die Zukunft der Rockmusik zu würdigen. Cobains Lob half so, Riot Grrrl bekannter zu machen, was wiederum dazu beitrug, dass Frauen als Musikerinnen ernster genommen wurden und Themen wie Ungleichbehandlung und Sexismus enttabuisiert wurden. Keineswegs soll an dieser Stelle der männlicher Rockstar als patriarchaler Heilsbringer der Frauen dargestellt werden. Doch am Beispiel Cobains wird deutlich, dass es eben nicht reicht, wenn sich alle Frauen über den Satus Quo einig sind. Hier ist die gesamte Gesellschaft in der Pflicht. Feminismus und Gleichberechtigung gehen jeden etwas an, egal ob betroffen oder nicht. Nirvana haben das erkannt, sich dafür stark gemacht und mit ihren Mitteln viele andere Künstler und Künstlerinnen dazu inspiriert, dasselbe zutun.

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