Als Frau im Punk

Nicht unbedingt eine Seltenheit, aber doch ein Umstand, über den es sich im Rahmen des Themenmonats gut berichten lässt – Wie ist es, als einziges Mädchen in einer Punkband zu spielen und dieser Subkultur anzugehören? Meine persönlichen Erfahrungen und die einiger Freundinnen.

Alles in allem ist es keine große Sache, die einzige weibliche Person in der Band zu sein. Probleme gibt es deswegen eigentlich keine, im Gegenteil, meist fällt es eher positiv auf. Schon bei unserem ersten Gig gab es Komplimente, dass es cool sei, mal eine weibliche, höhere Stimme zwischen dem tiefen Geschrei der Jungs zu hören. Auch ein Konzert zum Weltfrauentag wurde uns schon angeboten, als ich in Amsterdam spontan ein Punk-Konzert besucht habe und die Veranstalterin sich mehr Bands mit weiblicher Beteiligung wünschte. Zwar kann es gelegentlich ein wenig anstrengend sein, zwischen den drei Chaoten zu stehen, doch wir gehören alle zusammen und dieser Zusammenhalt ist unabhängig vom Geschlecht. Manchmal fühlt man sich dabei ein wenig schwach, sich gegen die Jungs durchsetzen zu müssen, aber das liegt weniger am Geschlecht als an meiner für den Punk doch eher friedliebenden Einstellung. Ab und an gibt es zwar mal ein Kommentar von außerhalb, in Richtung – „Ach, bist ja nur Bassistin“ – was sich zwar auch auf das Instrument bezieht, aber dennoch einen herablassenden Unterton hat. Aber da ich darüber selbst genug Witze mache, ist das nicht weiter schlimm.

Klingt ja bis jetzt alles ganz schön idyllisch. Keinerlei Probleme mit Sexismus im Punk – super! Aber nur weil mein Umfeld keinen Sexismus an den Tag legt heißt das nicht, dass der Punk generell davon verschont bleibt. Sexismus-Vorwürfe gibt es im Punk leider genauso wie in jeder anderen Gesellschaftsgruppe. Auch wenn es viele Ansprachen auf Konzerten gibt und in AZ's oder Kneipen oftmals Hilfsangebote für Frauen, die sich belästigt fühlen, anbieten, besteht die Problematik weiterhin. Wenn man sich zum Beispiel nicht in extrem linken Kreisen bewegt, wird meistens über Sexismus Witze gemacht – wie man nun mal über alles Witze macht: Über Nazis, sich selbst, andere Subkulturen, Deutschland, die Polizei – eben über alle mehr oder weniger tabuisierten Themen und Dinge, die man nicht so ernst nimmt oder die man ablehnt.

Doch stellt sich da die Frage – egal wie wenig ernst gemeint solche Witze auch sein mögen – ob dieses Verhalten nicht Platz für jene lässt, die diese Witze eben nicht einfach nur aus Humor und Ablehnung machen, sondern die ausnutzen, dass man sich hier eben über alles lustig machen kann. Weil sie hier nicht dafür kritisiert werden und ihre eigene Meinung in Form eines Spaßes nach außen tragen können.

Und da wird es gefährlich. Wenn ich als Frau mit meinen Freunden Witze über alles Mögliche mache und darunter dann auch Witze über mein Geschlecht sind, dann ist das meiner Meinung nach vollkommen in Ordnung. Man sollte sich nicht zu ernst nehmen und nicht bei jeder Kleinigkeit direkt ausrasten. Doch was, wenn unter den ganzen Leuten, die man hier und mal da kennen lernt, einige sind, die keine Witze mehr machen, sondern es ernst meinen? Für die diese leichtfertige Benutzung der Sprache den Weg ebnet, um wirklich sexistisch zu sein?

Als Beispiel möchte ich hier mal eine Erfahrung bei einem Konzert nehmen: Ich selbst habe nichts gegen Bands wie „Die Kassierer“ oder „Die Lokalmatadore“, die mit ihren scherzhaft sexistisch wirkenden Texten auf die Bühne gehen. Auch wenn sie nicht meine Lieblingsbands werden würden, sind ihre Texte satirisch gemeint und daher nicht ernsthaft abwertend. Ich gehe also mit meinen Freunden auf einem Festival zu den Konzerten besagter Bands und habe soweit Spaß. Solange es für alle im Publikum ebenfalls ein Spaß ist, ist alles in Ordnung. Sollte man meinen. Doch ich fühle mich dann eben doch unwohl, wenn irgendein alter Sack sich mit seiner Hüfte an mich drückt und ich nur versuchen kann, mich in der Menge soweit wie möglich von ihm zu entfernen. Normalerweise stört es mich nicht, bei einem Konzert an viele Menschen gequetscht zu sein, aber wenn um mich herum fast nur betrunkene ältere Typen sind, die lautstark Texte übers Ficken mitgröhlen und mir eindeutig näher kommen, als es in Anbetracht der Situation sein müsste, dann kann ich die Musik auch nicht mehr wirklich genießen.

Und deshalb muss man vorsichtig sein. Es ist durchaus okay, Witze zu machen und scherzhaft über Tabuthemen zu reden. Es gehört zum Punk, dem Etablissement entgegen zu treten und über die Dinge zu lachen, über die der Rest der Welt den Kopf schüttelt. Provokation eben. Doch muss man sich seiner Umgebung dabei bewusst bleiben und schauen, ob nicht unter denen, die mit einem Witze machen, nicht doch jemand sein könnte, der es ernst meint und diese Leichtfertigkeit ausnutzt. Oder ob nicht unter denen, die diese Musik aus Spaß hören, nicht doch der ein oder andere ist, der diese abwertende Einstellung vertritt. Denn sonst kann aus einem lustig gemeinten Spruch von jemandem, der ansonsten klar gegen Sexismus ist, schnell eine Handgreiflichkeit von jemandem werden, der diese Witze etwas zu ernst nimmt. Dann kann es zum sexuellen Missbrauch sogar im Freundeskreis kommen, zu Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder auch nur zu einer unangenehmen Situation auf einem Konzert. Es gibt Grenzen, die einzuhalten sind. Egal wie viel Humor jemand hat und wie sehr sich der Punk gegen jegliche Grenzen auflehnt – Sobald sich jemand unwohl und ungerecht behandelt fühlt, hört der Spaß auf.

Meine Probleme beschränken sich auf Kleinigkeiten, wie das Gefühl, nicht immer ganz ernst genommen zu werden. Doch habe ich auch meine Freundinnen gefragt, von denen einige extrem sexistische Erfahrungen in der Punkszene machen mussten. Beispielsweise wurde eine Freundin von mir in einer Runde Punks abwertend als „Fickstück“ bezeichnet und gefragt, ob sie es denn mit jedem treibe. Eine andere Freundin wurde nach einer Auseinandersetzung mit den Worten „als Frau hast du doch eh nichts zu melden“ bedacht und ihr Gegenüber wäre fast handgreiflich geworden. Als sie einem anderen einen Korb gab, hat dieser sie terrorisiert, nach dem Motto – wie könne man es als Frau denn wagen, einem Mann einen Korb zu geben? – Hallo, das 21. Jahrhundert klopft an. Auch im Punk.

Diese Beispiele zeigen, dass Sexismus auch in einer relativ aufgeklärten Subkultur Fuß fassen kann. Zwischen Witzen und Typen, die es dann doch etwas zu ernst meinen, gibt es auch jene, die ganz offen gegen ein Geschlecht hetzen. Deshalb: Achtet auf eure Umgebung und macht den Mund auf, wenn es zu viel wird. Und Mädchen, Frauen und auch alle anderen – lasst euch nicht unterkriegen!

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