Unter dem Radar #23: Coping Mechanism

Im beschaulichen Ostfriesland, irgendwo zwischen Klontje und Kuhherden, wohnen vier Jungs, die der verschlafenen Region mit ihrer Musik regelmäßig einen energiegeladenen Weckruf um die Ohren hauen.
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Heimat: Rhauderfehn

Genre: Prog-Metal

Bisher veröffentlicht: “Shiak Kasim” (2020)

Für Fans von: Polyphia, The Hirsch Effekt

 

So außergewöhnlich die Musik von Coping Mechanism ist, so bilderbuchhaft ist die Entstehungsgeschichte der vierköpfigen Band. Kennengelernt haben sich die Bandmitglieder teilweise über das eigene Kinderzimmer — Leon und Marcel sind Brüder — und teilweise über den einzigen Zugang zu Live-Musik der alternativen Spielart: Das gute alte Jugendzentrum. Das JUX im Heimatort von drei der vier Musiker (Gitarrist Zadok kommt aus dem nahe gelegenen Papenburg) veranstaltet, wie Marcel im Interview erzählt, viele Konzerte im Rock- und Metalbereich: “Da sind wir natürlich trotzdem schon noch die Paradiesvögel,” reflektiert er den Stil seiner eigenen Band. Auch zur niederländischen Musikszene pflegt man in Ostfriesland gute Kontakte, wie Coping Mechanism uns im Interview verraten. Ein großer Vorteil von instrumentaler Musik ist eben auch, dass man keine Sprachbarrieren überwinden muss.

Im besagten JUX lernten Coping Mechanism auch die Mitglieder der Band Kora Winter kennen (findige Leser:innen kennen diese Formation vielleicht, weil sie unserem Chefredakteur mit ihrem Debütalbum den Kopf verdreht haben). Mit Kora Winter hatten Coping Mechanism für den Frühling und Sommer eine Tour geplant, die aufgrund der Pandemie leider verschoben werden musste. Die Band wich angesichts der schwierigen Live-Situation in die digitalen Weiten des Internets aus und spielte bereits ein Streamingkonzert für die Aktion Coroncert. Weitere Gigs befinden sich momentan in Planung, ob live oder als Stream bleibt aber wegen der ungewissen Situation unklar. Auch die logistische Zusammenarbeit der vier Musiker entzieht sich nicht dem Einfluss von Corona, so mussten sie neben der Touraufschiebung noch einen Proberaumwechsel managen, und dann ist da ja auch noch die Musik! Die machen Coping Mechanism übrigens neben Berufstätigkeit, Ausbildung und Studium.

Erst im Spätsommer letzten Jahres releaste die Band ihr Debütalbum “Shiak Kasim” mit vielsagenden Songtiteln wie “Gerippen Gegæmmelt” oder “(❍ᴥ❍ʋ)”. Hinter den kryptischen Namen verbirgt sich eine immens kreative halbe Stunde instrumentaler Metalmusik, die vor Spielfreude nur so trotzt. Beim Release gingen Coping Mechanism ihren ganz eigenen Weg. Keine EP, kein Label, keine große Promo. Hat “Shiak Kasim” auch gar nicht nötig, denn die Musik spricht für sich. Im Schreibprozess sind die vier Mitglieder der Band in Sachen Homeoffice und Digitalisierung weiter als so manche städtische Behörde. “Wir sind keine klassische Proberaum-Jam-Band,” erzählt Leon. Stattdessen arbeiten die Vier eher in Eigenregie und schicken sich ihre Demos hin und her. Meistens bedient sich die Band dafür der Software Guitar Pro, in der sich Instrumentalspuren am PC programmieren lassen. Hier fügt die Band — meist in Person von Schlagzeuger Immo — die Ideen der Einzelnen zu den Demos und Songs zusammen. “Weil Immo einfach 'n Gott in Guitar Pro ist, nehmen wir das einfach auf und schicken ihm das,” sagt Marcel lächelnd. Das Problem an den programmierbaren Demos sei allerdings, so Immo, dass sowas am Computer dann doch immer etwas einfacher aussieht als im Proberaum: “Bei den neuen Songs haben wir's auch ganz schön auf die Spitze geschrieben,” reflektiert er.

Von diesen besagten neuen Songs existieren übrigens bereits zwei als Demos, es darf sich also auf neuen Output der Band gefreut werden, denn am neuen Album wird auch fleißig gearbeitet. Die Arbeit als Band beschränkt sich heutzutage längst nicht mehr nur auf das reine Musik machen, sondern umfasst - gerade bei aufstrebenden und unabhängigen Bands und Künstler:innen - viel Promo, Social-Media-Arbeit und Networking. Glücklicherweise scheint das für Coping Mechanism keine allzu große Herausforderung darzustellen. Schaut man sich einmal den Instagram-Account der Band an, merkt man schnell, wie intuitiv die Band dieses Outlet zur Kommunikation mit Fans und anderen Künstler:innen nutzt. Die eifrige Arbeit hat auch bereits erste Früchte getragen, so entstand das Logo der Band beispielsweise über einen Kontakt zu einem ukrainischen Künstler mit dem markanten Namen Stoned Dozer, der die Band auf Instagram angeschrieben hatte. Die niedlichen Augen hat Immo, der wohl nicht nur in Guitar Pro, sondern auch in Gimp außerordentlich bewandert ist, dann später hinzugefügt.

Manchmal ist eine digitale Zusammenarbeit allerdings denkbar unpraktisch, zum Beispiel wenn es um den Dreh von Musikvideos geht. Glücklicherweise sind Coping Mechanism auch hier gut vernetzt. Hochinvestigative Recherchen der Album-der-Woche-Redaktion ergaben, dass die Produktionsfirma, die hinter dem Musikvideo zum Song “Hast du schon alles erledigt?” steckt, von einem der Bandmitglieder geführt wird. Vetternwirtschaft? Leons Statement zu dem Thema: “Wir freuen uns, sowohl von der Firma als auch von der Band.” Sehr diplomatisch. Von einer weiteren Investigation wird abgesehen, das Urteil lautet: dringend reinhören!