Unter dem Radar #21: Sperling

Eine Posthardcoreband mit gerappten Texten und einem Cello. Was auf den ersten Blick wie ein mäßig interessantes Gimmick wirkt, brachte unter dem Namen Sperling eine der brachialsten Posthardcoreplatten der letzten paar Jahre hervor.
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Heimat: Hunsrück
Genre: Post-Hardcore, Crossover
Bisher veröffentlicht: “Pssst”-EP (2015), “Stille Post”-EP (2017), “Zweifel” (2021)
Für Fans von: Heisskalt, Kind Kaputt, Fjørt


Treffen sich ein Rapper, ein Schlagzeuger und ein klassischer Cellist beim SWR. Was klingt wie die Einleitung zu einem Witz mit sehr begrenztem Zielpublikum, ist in Wahrheit der Anfang der Band Sperling. 2013 lernten sich Jojo (Gesang, Rap), Josh (Schlagzeug), und Luca (Cello) über ein Musikprojekt für besagten Regionalsender kennen, und gründeten kurz darauf die Band, die einmal Sperling werden sollten. “Damals hatten wir noch keine richtige Vorstellung davon, wie unsere Musik mal klingen würde. Wir hatten zu der Zeit noch einen anderen Gitarristen, der aber aus zeitlichen Gründen irgendwann nicht mehr mitmachen konnte. Josh war vorher schon in einer Band, welche sich aber auch aus Zeitgründen aufgelöst hatte. Wir haben uns dann aus dieser Band Max und Malte als Bassisten und Gitarristen “geklaut” und die Chemie zwischen uns Fünf hat von Anfang an so gut gepasst, dass wir von da an als Band zusammen geblieben sind,” erzählt Jojo.

Bei ihrer Gründung gab sich die Band zuerst den Namen “Indianageflüster”, den sie allerdings — auch aufgrund ihres wachsenden linkspolitischen Bewusstseins, wie Jojo sagt — einige Jahre später wieder ablegten. “Es war natürlich keine leichte Aufgabe einen Bandnamen abzulegen, den wir schon so lange mit uns tragen und der in Fleisch und Blut übergegangen ist. Aber wir sind sehr froh, dass wir es gemacht haben! Es war die absolut richtige Entscheidung und wir können jetzt vollkommen hinter diesem Namen stehen.” Der jetzige Bandname war dann unter den ersten Vorschlägen, als es um die Findung eines neuen Namens ging. Der Sperling ist ein hartgesottener kleiner Vogel, der im Gegensatz zu seinen weniger frostfesten Artgenossen auch im tiefsten Winter hierzulande ordentlich Krach macht. “Wir finden das Bild schön, dass ein Singvogel mit viel Abstand zu uns Menschen in der Luft schwebt und uns zusieht. Das Gefühl haben wir auch oft bei unseren Texten. Es ist eine Art Abstand nehmen von uns selbst, in einer Art Vogelperspektive auf unsere Zweifel und unsere Sorgen zu blicken um besser in Worte fassen zu können, was in uns vorgeht.”

Texte sind ein gutes Stichwort, denn neben dem Bandnamen haben auch die Lyrics einen erheblichen Wandel über die Jahre vollzogen. Fanden sich auf den ersten beiden EPs der Band noch bissig-arrogante Representer in Battlerapmanier, die sich über die eintönige und unkreative Popmusiklandschaft der Republik ausließen, ist davon auf dem Langspieldebüt lediglich der Opener “Eintagsfliege” übrig geblieben. Ist das also nun die letzte finale Abrechnung mit der Industrie, bevor Sperling ihre Schwingen ausbreiten und sich größeren Themen widmen? Jojo findet, ja: “Wir finden es einfach super schade, dass in der Musik, aber auch anderen Medien, immer das Gleiche immer wieder gemacht wird und Erfolgsrezepte einfach wieder aufgewärmt werden. Das macht es innovativen Künstler:innen, die versuchen, diesen Rahmen zu sprengen, unglaublich schwer Fuß zu fassen und sich zu etablieren. Da geht es nicht mal so viel um uns. Wir entdecken immer wieder kleinere Bands und Künstler:innen die unfassbar talentiert und innovativ sind, aber immer unter dem Radar bleiben, weil sie in den glattgebügelten Rahmen nicht reinpassen wollen. Es ist natürlich mutig, als junge unerfahrene Band auf ihrem ersten Album 'immer noch die gleichen Kriecher kriegen viel zu viel Applaus' zu sagen, aber damit haben wir unseren Unmut und unsere Kritik kundgetan und können uns jetzt guten Gewissens wichtigeren Problemen und relevanteren Themen widmen.”

Der Wandel der Texte ist dabei analog zu Jojos persönlichem Wandel. Die Lyrics sind, wie er selbst sagt, eine Momentaufnahme der Gedanken und Konflikte, die ihn gerade beschäftigen. “Ich denke, dass der Wandel von Wut und Arroganz hin zu Traurigkeit viel mit dem Erwachsenwerden und der veränderten Wahrnehmung von sich und seiner Umwelt zu tun hat. Damals habe ich mir noch nicht viele Gedanken um mich selbst gemacht, sondern mich eher von anderen Rappern und ihren Themen beeinflussen lassen. Das ganze 'keiner kann mir das Wasser reichen' ist also etwas, aus dem ich rausgewachsen bin.” Ein maßgeblicher Faktor dieses Prozesses ist auch sein Beruf als Altenpfleger, bei dem Jojo immer wieder Menschen am Abend ihres Lebens kennenlernt und begleitet. Von diesen Erfahrungen handelt zum Beispiel der letzte Song der Platte, “Schlaflied”. “In dem Song geht es um den Tod, allerdings nicht als drohender Schatten, wie wir ihn oft erleben, sondern als eine Art Erlösung nach einem langen, anstrengenden Tag. Es hat eher etwas friedvolles und beruhigendes und ist für mich deshalb einer unserer am wenigsten düsteren Titel.”

Die oft schwer verdaulichen Texte werden durch die einzigartige Instrumentierung der Band mit der Kombination aus Jojos rauchiger Rapstimme und dem hölzernen Klang des Cellos, der gleichzeitig wohlig und unbehaglich klingt, hervorragend transportiert. Der Stilmix, den Sperling auf ihrem Debüt “Zweifel” bis zur Perfektion ausüben, ergibt sich aus den unterschiedlichen Einflüssen der Bandmitglieder, wie Jojo erklärt: “Max und ich kommen eher aus dem Rap, Josh und Malte haben Post-Hardcore- und auch Indie-Einflüsse mitgebracht, während Luca aus dem Klassischen kommt. Dadurch brachte jeder seinen eigenen Schwerpunkt mit und wir haben schnell gemerkt, dass die Kombination unserer Musikrichtungen zwar ungewöhnlich ist, aber trotzdem sehr gut zusammenpassen kann.”

Luca spielt, wie er im Interview erzählt, schon seit der Grundschule Cello, wozu ihn sein Klassenlehrer, der früher selbst Cellist war, inspiriert hat. Trotz seiner klassischen Ausbildung hält er aber nichts von elitären Genregrenzen und engstirnigen Vorstellungen davon, wo ein Instrument hingehört oder nicht. “Ist doch ganz egal, was man mit einem vermeintlich klassischen Instrument spielt, solange es auch einem Post-Hardcore-Song gut tut und man das ausdrücken kann was einem vorschwebt. Ich mag die Schwere und die Melancholie die das Cello in einem Song transportieren kann – und diese Gefühle zum Beispiel findet man ja in jedem Musikgenre, nur sind sie eben meist durch andere Instrumente ausgedrückt.” Wie divers das Instrument sein kann, lässt sich gut am Song “Toter Winkel” erkennen. Hier zupft Luca die Saiten des Cellos, statt sie mit dem Bogen zu streichen. Das ist soweit erstmal keine großartige Innovation, in Kombination mit verschiedenen Effekten wie Hall und Delay lässt sich dadurch, ähnlich wie bei der Manipulation des Klangs einer E-Gitarre, ein völlig neuer, verfremdeter Klang erzeugen, der in diesem Fall den Eindruck erweckt, man stehe allein in einer riesigen Kathedrale, von deren Wänden der Schall zurückgeworfen wird.

Neben den brachialen Riffwänden und der wabernden Omnipräsenz des Cellos macht auch die großartige Produktion “Zweifel” zu einem intensiven musikalischen Erlebnis. Federführend war hier neben der Band Freund, FOH und Produzent Beray Habip, seines Zeichens Drummer der Band Kochkraft durch KMA (die übrigens auch schon einmal in einer Ausgabe dieses Format vorkamen, checkt’s aus). “Beray ist einfach ein unglaublich cooler Typ,” schwärmt Jojo. “Auch, wenn wir nicht gearbeitet oder Musik gemacht haben, haben wir uns alle super verstanden und hatten eine tolle Zeit zusammen. [Er] bringt in der Produktion einfach eine riesengroße Energie und Kreativität mit. Ein Beispiel ist der Song 'Zweifel'. Dieser Song war einer der ersten, den wir nach unseren ersten beiden EPs geschrieben hatten, wir waren allerdings nicht wirklich zufrieden mit dem Ergebnis. [Beray] wusste sofort, was zu tun ist. Das Geheimnis war einfach, den Song an den richtigen Stellen aufzuräumen, anstatt immer neue Elemente hinzuzufügen. Innerhalb von 30 Minuten war der Track für uns fertig und ist inzwischen einer unserer Lieblingssongs.” Wie Sperling im Interview erzählen, herrschte während der Produktion des Albums eine Art Ferienlager-Atmosphäre. Vor dem Proberaum der Band im idyllischen Hunsrück befindet sich ein großer Hof, auf dem die Band kurzerhand ein Zelt und einen Wohnwagen aufstellten, um es sich dort gemütlich zu machen. Das befeuerte offensichtlich auch die Kreativität der fünf Bandmitglieder, was sich, wie Jojo anmerkt, unter anderem auf dem bereits erwähnten Song “Schlaflied” äußert: “Der Track war eine eher spontane Aktion, da die Energie und der Vibe auf einmal so gut gepasst haben, dass wir einfach ein Mikro in unser Zelt gelegt und Malte und ich den Song zusammen aufgenommen haben. Neben dem eigenen Proberaum wurde “Zweifel” zum Großteil im Toolhouse Studio in Rotenburg an der Fulda aufgenommen.

“Zweifel” erschien am 22. Januar 2021 und damit in einer, vor allem für die Kulturbranche, extrem turbulenten Zeit. Sperling haben sich aber trotz der immer noch wütenden Pandemie und nicht absehbarer Wiederaufnahme des Konzertbetriebs entschieden, ihr Debütalbum genau in dieser Zeit rauszubringen. Die Platte macht so, geprägt von Jojos Erfahrungen in einem Beruf, der insbesondere in genau diesen Zeiten enorm viel abverlangt, das melancholische und bedrückende Gefühl der aktuellen Zeit musikalisch erlebbar. Sperling sehen 2021 dennoch hoffnungsvoll entgegen und planen, wenn möglich dieses Jahr noch eine Tour spielen zu können. “Auf der Bühne stehen und seine Songs mit dem Publikum zu teilen ist einfach ein essentieller Bestandteil vom Musik machen und das vermissen wir schon sehr stark. Gerade auch der echte Kontakt mit unseren Fans und dem Publikum fehlt uns, nach dem Auftritt ist es eigentlich normal, noch zusammen zu stehen und über dies und jenes zu quatschen.” Man darf der Zukunft also optimistisch entgegensehen, und sich auf intensive Konzerte mit den Songs freuen, die einen gerade durch die schwere Zeit der Pandemie tragen.