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Unter dem Radar #12: Die Lieferanten

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Sa, 11.05.2019 - 11:53
Münster, DIY und studentische Attitüde: Was in dieser Kombination in letzten Jahren schon zu der ein oder anderen Punk-Perle geführt hat, lässt sich ebenso auf Indie-Bands wie Die Lieferanten übertragen. Julius hat die Jungs im Herzen Westfalens getroffen.

Genre-Begriffe sind outdated. Waren Eingrenzungen wie Blues, Rock oder HipHop irgendwann einmal hilfreich und sinnvoll, so ist die ehemalige musikjournalistische Institution spätestens seit akrobatischen Neologismen wie Experimental Neo Prog, Post-Indie oder Stoner-Avantgarde irrelevant. Hybrid-Genres wie Nu Metal oder aktuell Emo-Trap taten ihr Übriges. Die Postmoderne hat auch hier ganze Arbeit geleistet und eine ganze Generation geprägt: Dank omnipräsentem Internet, kostenlosem Zugriff auf die nahezu gesamte gesammelte Musik der Menschheit und dem Aussterben identitätsstiftender Subkulturen ist es für die meisten Angehörigen der Generation Y oder Z nichts Ungewöhnliches, in ihrer Playlist nach Travis Scott die Beach Boys und anschließend Tool zu hören.

Der Tod für das liebste Werkzeug des in Kneipen über Genre-Überschreitungen diskutierenden Musiknerds also? Nicht, solange das Medium sinnvoll eingesetzt wird. Bringen Begriffe wie Blackened Hardcore den Sound von Bands wie Kind Apathy fast schon unheimlich treffend auf den Punkt, tut das Wort "Schabernacksoul" dies auf charmante Art und Weise ebenso mit der Musik von Die Lieferanten. Das Münsteraner Vierergespann macht seit einigen Jahren sowohl die Bühnen der Kneipen- und Indie-Festivals als auch der Jazz-Clubs und Hipster-Bars unsicher. Und das, ohne einen überaus avantgardistischen Anspruch an ihre Musik zu legen, wie etwa die Alternative-Pop-(wieder ein völlig nichtssagender Genre-Begriff)-Pioniere Alt-J.

Die Musik der Lieferanten lässt sich vielmehr als ein durchironisierter Mix aus der Rotzigkeit deutschen Indie-Pops, Funk- und Soul-Grooves sowie dem dauerhaften Augenzwinkern der Ärzte beschreiben. In deren Shirt sitzt Sänger und Gitarrist Moritz Linnhoff auch auf der bequemen Couch eines Münsteraner Studentencafés, passenderweise mit dem Namen Dreiklang. Ein Umstand, der Bassist Aaron Falk neben ihm anfangs eher ungewohnt war, kommt er doch vielmehr aus den harmonischen Untiefen des Jazz und hört nach eigener Aussage viel Motown. "Bevor ich die Jungs kennengelernt habe, hab ich eigentlich gar keinen deutschen Indie gehört", offenbart er. "Und eigentlich fällt es dir immer noch schwer!", scherzt Moritz und wir alle lachen. Denn obwohl sich Moritz, Aaron, Lukas Lischeid (Drums) und Jonas Terwolbeck (Keys) in den letzten Monaten zu einer wichtigen westfälischen Anlaufstation für Musik entwickelt haben, die sowohl anspruchsvolle als auch einfache Gemüter anspricht, bleiben Humor und Leichtigkeit ein essentieller Bestandteil ihrer Band. Nicht zuletzt deshalb wurden sie wohl auch 2018 für den PopNRW-Preis in der Kategorie "Bester Newcomer" nominiert. Letztendlich mussten sie sich den Gewinnern International Music geschlagen geben, deren NDW-Revival "Die besten Jahre" sogar im Musikexpress zum besten Album des Jahres gewählt wurde. "Das war schon okay", sagt Moritz und lacht.

Auf die Debüt-EP "Eine Frage der Begeisterung" von 2017 folgte im darauffolgenden Jahr die aktuelle EP "Alles was du hast". Hört man die beiden Platten nacheinander, ist die musikalische, textliche und technische Weiterentwicklung nicht von der Hand zu weisen. Die ehemals fast schon komödiantischen Texte sind scharfsinnigen zwischenmenschlichen Beobachtungen und kleinen politischen Statements gewichen, der Anspruch gestiegen. "Ich achte besonders auf die Phonetik in meinen Texten", erzählt Moritz dazu. "Ich finde, dass gerade Bilderbuch in der deutschen Szene ganz wichtige Anstöße gebracht haben." War "Eine Frage der Begeisterung" zwar eine toll geschriebene, ambitionierte EP mit charmanten Ideen, merkte man ihr doch die begrenzten technischen Mittel der Band an. "Alles was du has(s)t" beginnt den gleichnamigen Titeltrack nicht nur mit ihrem charakteristischen Mix aus Blues-Groove und Indie-Eingängigkeit, sondern auch einem waschechten Ohrwurm-Refrain. Und Zeilen wie "Bitte, bitte, bitte denk nach/Für dich trag ich Selfmade-Camouflage" kann man einfach nicht böse sein.

Unabhängig von ihrer Musik sind Die Lieferanten aber auch eine klassische DIY-Band, deren Attitüde irgendwie im Münsteraner Kranwasser stecken muss. Tour-Organisation, Pressearbeit, Förderanträge, Social-Media-Arbeit? "Da kümmern wir uns alle selbst drum", sagt Aaron. Und das mit Erfolg: Die Band spielt kleine Touren in ausverkauften Münsteraner Cafés und betreibt eine Spotify-Playlist mit über 1.200 Followern: "German Indie Sound". Sie ist laut Aaron "Lukas' ganzer Stolz" – kein Wunder, ist eine große Playlist doch eine perfekte Art, sich mit anderen Künstlern zu verbinden.

Alle Mitglieder der Band studieren an der WWU Münster auf Lehramt, Aaron belegt als einziger das Fach Musikpädagogik mit Hauptinstrument E-Bass und hat gerade ein Auslandssemester im walisischen Cardiff hinter sich. Den studentischen Bezug merkt man ihrer Musik unüberhörbar an, glücklicherweise verfallen die Jungs nie in eine linke, gutbürgerliche Selbstgefälligkeit. Im Gegenteil: "Jeder sucht ja nach irgendetwas", stellt Moritz fest. "Ich finde tatsächlich Menschen, die gar nicht mehr suchen, total uninteressant. Das hat für mich was mit Neugier zu tun, sich für andere Dinge zu interessieren, aus seiner Blase irgendwie rauszukommen.“ Der Begriff "Blase" fällt unter Münsteranern auffällig oft, gerade unter den Zugezogenen. "Hier ist die Welt irgendwie in Ordnung", sagt man und ein unheilvoller Unterton ist nicht zu überhören, als wolle man der perfekten, studentischen Backstein-Idylle nicht so recht trauen. Der Ansatz der Lieferanten, sich zwischen eskapistischer Feelgood-Attitüde und kritischer Hinterfragung des First-World-Lebensstils zu positionieren, verdient Respekt. Das Ganze dann als "Schabernacksoul" zu verkaufen, verlangt Humor.