SOKO LiNX und "„Auf die Fresze. Fertig. Los.“: Aus Spaß wird Ernst

Pöbelnder Crossover, eine neue Spezialeinheit in alteingesessenen Instanzen, absurd starke Features und der, Stand jetzt, beste Albumtitel des Jahres. SOKO LiNX ist mit „Auf die Fresze. Fertig. Los.“ nicht weniger als eine kleine Sensation gelungen.

Nun kann man von Crossover halten was man möchte. Es kommt doch stark auf die gemixten Genres an und ganz besonders auf die Gewichtung, denn es gibt in den allermeisten Fällen ein dominantes und ein eher rezessives Genre. Bei SOKO LiNX treten vorwiegend Punk, Rap und Electro auf. Wo Punk dominant auftritt, geben sich Rap und Electro stets die Klinke in die Hand. Auch, da so viele verschiedene Strömungen des Electro vertreten sind, fällt die genaue Einordnung schwer.

Thematisch stellen sich SOKO LiNX ebenso breit auf. Zu Beginn haben sie einen konkreten Plan für eine Ankurblung der deutschen Konjunktur, frei nach dem Motto „Randale und Krawall schaffen Arbeitsplätze“, eine erschlagende Logik, im wahrsten Sinne des Wortes. Der treibende Electrobeat hätte Potential zum Partyhit, wäre auf Partys aktuell nicht Sexismus so hoch im Kurs. Das ist Pech.

Es folgt auch direkt ein wunderbares Bild, welches SOKO LiNX mit Worten malen. Ein gammelnder Kartoffelsalat für eine zerfallende Demokratie, welches den Zerfall auch noch als Fortschritt propagiert. In „Demokraktienpilzkultur“ ist auch Platz für das erste Feature. Aus der süßen Kehle von Rodi, seines Zeichens Sänger von 100 Kilo Herz, entfleucht die zweite Strophe.

Die Einschätzung, dass die Band bei einer Ballade möglicherweise Unterstützung brauchen könnte, war ob der Wahl dieser Unterstützung absolut goldrichtig. Zwischen geraostet werden und einem Auftritt im ZDF-Magazin-Royale-eigenen Musical „Der Eierwurf von Halle“ hat der großartige Sebastian Krumbiegel Zeit für einen Gastauftritt in „Allein rumstehn“. Der Frontmann von Die Prinzen wird so zu einem Teil des "Was wäre, wenn ich nicht so schüchtern und somit nicht so einsam wäre". Besonders schönes Detail ist das gelbe Sommerkleid, welches Krumbiegel in dem Song trägt. Eine absolut sensationell geglückte Überraschung - außer man liest die Tracklist und ist somit gespoilert und man ist jung und kennt die Prinzen nicht mehr. Auch ein Schicksal.

Mit „Sorgenkind des Lebens“ wird es doch mal wieder handfester. Und weiter geht es mit einem Blick in die Vergangenheit und dem klassischen Mantra „Früher war alles besser!“ in „Sehnsucht nach Retrotopia“. Dieses entlarven SOKO LiNX als genau das, was es ist. Romantisierung einer Vergangenheit, die es so nicht gegeben hat und Leugnung der aktuellen Emergenzen. Das Ganze aufgeschlüsselt in einer absoluten lyrischen Genialität. Die Ähnlichkeit des Gesangs mit Farin Urlaub ist derart frappierend, dass ganze Tracks wirken, als wäre Farin stellenweise als Gast dabei. In „Sansibar“ ist es besonders extrem, ebenso wie in „muszichnich“. Hier ist wieder ein besonderer Featuregast am Start. Die multilinguale Rapperin Yetundey rappt sich textlich wie technisch brillant auf Anhieb in ein jedes hörendes Herz. Ein emotionaler und plötzlich gar nicht mehr so humorvoller Abschluss des Albums findet sich in „Produktionsfehler“. Eine Rückschau auf den Homo Faber, den arbeitenden und produzierenden Menschen und der schier unbeschreiblich falsche Weg der Welt, nachdem der Pfad in die ersten Produktionen geebnet war.

Das zwinkernde Auge täuscht immer wieder über die Härte hinweg, mit der sich SOKO LiNX verschiedensten politischen Themen stellen. Was dabei nie verloren geht, ist die hervorragende Lyrik und die tiefsinnige Bedeutung dahinter. Hinter jeder Pointe steckt ein harter, ernster Kern, auf den ersten Blick leicht verdaulich. Auf „Auf die Fresze. Fertig. Los.“ gibt’s wirklich auf die Fresse, manchmal auch erst auf den zweiten Blick.

Fazit

8.7
Wertung

Crossover doch endlich mal anders. Kreativ, humorvoll, bitterböse und hochintelligent. "Auf die Fresze. Fertig. Linx" ist ein Album, dasz perfekt in diese Zeit passt und genau deshalb so dringend gebraucht wird. Zeitgeist zum Einreißen.

Moritz Zelkowicz
8
Wertung

Wieviele Hits passen eigentlich auf ein Debütalbum? Die Hitdichte liegt hier knapp unter der Luftfeuchtigkeit einer Dachgeschosswohnung im Sommer nach einem kurzen Schauer. Abwechslungsreich, erfrischend und auf die Fresze!

Lucio Waßill