Pixies und "Doggerel": Bandspreading

Die verschrobenen Pixies als breitbeinige Rocker? Funktioniert das? Das neue Album "Doggerel" zeigt: nur so halb.
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Der Opener "Nomatterday" hätte mit stampfenden Beat und chuggender Gitarre das Zeug zum Hardrock-Hit. Wäre da nicht Black Francis und sein Spoken-Word-Vortrag: "I suppose that I probably irritate you". Potential zu irritieren hatten die Pixies früher massig. Zu den frühen Einflüssen gehörten das Folk-Trio Peter, Paul und Mary genau so wie die Post-Hardcore-Prä-Alternative-Band Hüsker Dü. Das gleichzeitig sensible wie kantige Songwriting brachte ihnen viele, auch prominente, Fans und einen verdienten Kultstatus ein.

Aber schon bei ihrem ersten Post-Reunion-Album "Indie Cindy" von 2014 war das Irritations-Potential massiv gesunken. Die von ihnen geprägte Songwriting-Formel "leise Strophe, lauter Refrain" ist etablierter Teil der alternativen Musikwelt geworden. Was macht man also als eigensinnige Kult-Band im Jahr 2022? Die Antwort der Pixies lautet anscheinend: Classic Rock.

Joey Santiago darf die elektrischen Gitarren heulen lassen, die akustischen hingegen sind so sehr vom Folk-Rock beeinflusst, dass sich Francis anscheinend von ihnen dazu inspiriert fühlt, in "Pagan Man" Neil Youngs näselnden Gesang zu kopieren.

Der Rest der Band muss sich dann eher unter ferner liefen einsortieren. Der Bass, mittlerweile bedient von Paz Lenchantin, bekommt seine Momente, wird aber meist genauso im Breitwand-Mix begraben wie Davod Loverings Drums.

Lediglich "Get Simulated" erinnert mit seinem prägenden Basslauf und Doppelgesang an die frühen Großtaten der Band. Auch die Laufzeit hat nur wenig von den verknappten Pixies der späten 80er: fast alle Songs dauern über 4 Minuten, aber die wenigen Ausnahmen gehören zu den besten Stücken auf dem Album.

Der Apokalypto-Folk von "The Lord Has Come Back Today" macht genauso viel Spaß wie "There's a Moon On". Dieser klassischste Rocksong auf "Doggerel" (inklusive Instrumental-Aussetzer vor dem Chorus!) bringt seine Ideen in weniger als drei Minuten auf den Punkt und vermeidet so den größten Fehler des Albums: Dass zu häufig zu schwache Melodien Stücke über zu lange Zeit tragen müssen. Dass Black Francis so etwas zulässt, irritiert dann leider doch.

Fazit

5.9
Wertung

Das Konzept "Pixies-go-Classic-Rock" geht auf. Das beweisen Lichtblicke wie "There's a Moon On" und "The Lord Has Come Back Today". Aber um wirklich zu überzeugen, müsste "Doggerel" einiges an unnötigem Ballast abwerfen.

Steffen Schindler