Petrol Girls und "Cut & Stitch" - Das Album der Anderen

Was tun, wenn ein Album viele Einflüsse mitbringt, dabei aber eigentlich keine eigene Identität entwickelt?

Die britischen Petrol Girls sehen sich dem klassischen Dilemma der zweiten Platte gegenüber. Und sie sind gewiss nicht die Ersten, die sich gegen eine stilistische Fortsetzung des Debüts entscheiden. Dabei ist das doch verwunderlich. War „Talk of Violence“ doch weitestgehend gefestigt und wusste zu begeistern. Aber es musste anders werden. Die überzeugten Feministinnen sind mehr denn je angepisst von der Gesellschaft im Allgemeinen und dem Patriarchat im Speziellen. Dem ist nichts entgegenzusetzen, jedoch hätte man doch darüber nachdenken sollen, auf dem Stile der ersten Platte aufzubauen. Oder zumindest der Struktur davon. Denn die ist den Petrol Girls ein wenig abhanden gekommen. Stile überschneiden sich nicht nur, sie fallen regelrecht übereinander her. Ist es in den einen Songs ein kruder Mix aus A Day To Remember und Rage Against The Machine, wie in „The Sound“ oder „Big Mouth“, kommt in anderen Tracks ein schwerer Sound, gespickt mit vielen Höhen, ganz im Stile von anorak. 

Gesanglich unterlegt ist das alles mit Shouts, die so sehr nach Benjamin Kowalewicz von Billy Talent klingen, dass eine erneute Recherche über etwaige Featureparts des Kanadiers nötig wären. Die Texte sind aggressiv und rotzig, ganz im Stile eines Mixes aus den Dead Kennedys und Rage Against The Machine. Besonders originell sind die Texte aber dadurch nicht, eher wirken sie, wie lasch aufgewärmt. So klingt das ganze Album nach nicht mehr als einer großen Kollaboration. Oder aber einer jungen Coverband, die sich nicht ganz entscheiden kann. Das Einzige, was einen Hauch Originalität verspricht, sind die Interludes, die sich in kürzester Zeit aus ganz verschiedenen Kisten bedienen. Besonders klassische Rockeinflüssen halten in den kurzen Unterbrechungen Einzug. Wobei der Schockmoment auch nochmal groß ist, wenn nach dem Interlude „They Say“ der Song „Rootless“ folgt und eigentlich sicher ist, dass es schlichtweg ein anorak-Cover ist.

 

„Cut & Stitch“ verströmt eine gähnende Langeweile, da die vielen Einflüsse jeden Anflug von Profil wieder ausbügeln. Ein echtes Meisterstück, dass ein so lautes Album so wenig Esprit versprüht. Nach dem großartigen Debüt haben die Petrol Girls einen großen Schritt rückwärts gemacht.

Fazit

3.3
Wertung

Das spannendste an „Cut & Stitch“ ist die Suche nach den vielen Stilen und Strömungen, die man woanders schon besser gehört hat. Nach dem noch vollkommen zurecht gefeierten „Talk of Violence“ war die Erwartungshaltung entsprechend hoch, doch das war selbst ohne die Berücksichtigung des Debüts einfach zu wenig.

Moritz Zelkowicz