Highly Suspect mit "The Midnight Demon Club" - Moderner Epos

Die meisten Deutschpunkbands wollen ihre Vielseitigkeit durch eine mittelmäßige Ballade am Ende einer Platte propagieren. Doch wer wirklich mehr draufhat, muss sich oft genug mit dem Vorwurf des Ausverkaufs konfrontieren lassen. So auch Highly Suspect mit „The Midnight Demon Club“?
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Highly Suspect sind ein absolutes Phänomen. Sie sind in so vielen Nischen und Genres Geheimtipp geworden, dass sie beinahe zum Mainstream degradiert wurden. Das Problem: Für jedes Genre waren zu viele Songs im Repertoire, sodass der Band ein wenig die Reputation in der Szene fehlte - was beinahe schändlich ist, da es kaum einen Musikstil gibt, welchen Highly Suspect nicht mustergültig bespielen können. Beinahe könnte man sich wünschen, sie würden eine deutsche Trap-Platte herauszubringen. Aber erstmal kann man sich mit „The Demon Midnight Club“ vergnügen. Und es ist für jeden etwas dabei. Denn das Spiel aus einer absolut unglaubwürdigen Vielfalt an Stimmen der Meyer-Brüder und Johnny Stevens passt plötzlich zu allem, denn sie stellen sich instrumental noch breiter auf als auf den Vorgängern „MCID“ und „The Boy Who Died Wolf“. Verzerrte, beinahe weinend anmutende Gitarren würden den perfekten Einstieg auf ein neues Heisskalt bieten (WANN HERR BLOECH? WANN?), doch der Gesang nimmt einen mit in ein ruhigeres Gefilde, ohne, dass die Drums und Gitarre auch nur minimal ruhiger werden. So startet „The Sound" überaus episch ins Album. Das ist auch der rote Faden. Gesang, der stilistisch nicht unbedingt zum Instrumentalen passt und eben deswegen die perfekte Melange ergibt.

Es gibt natürlich auch Ausreißer aus diesem Muster. Der labile Kämpfer das besungene Steh-Auf-Männchens in „Natural Born Killer“ wird in ein episches Synth-Pop-Massaker gehüllt und ist ein absoluter Top-Contender auf den besten Pop-Song des Jahres. Und es ist grandios, wie die Stimmen der Meyer-Brüder hörende Ohren in diesem Song einerseits wie mit einer weichen Pfauenfeder streicheln und dann wieder wie mit einer Kartätsche torpedieren. Zerbrechlichkeit, in der nächsten Sekunde rohe Gewalt und all das in rohen Shouts. Genau in diesem Stil macht „Ice Cold“ weiter und lädt zu einem musikalischen Gedankenspiel ein. Was, wenn man Phillip Lynott von Thin Lizzy mit vorgehaltener Waffe heutzutage zwingen würde, einen Synth-Pop Song zu schreiben? Das wäre dann „Ice Cold“. Das Album ist ein stilistisches Minenfeld, denn eins von beidem wird hochgehen, ob Gesang oder Musik oder beides. Und beides wird einen erwischen und das im positivsten Sinne.

Spätestens, wenn man am Ende bei „Evangeline“ angekommen ist, holt einen eine gänzlich neue psychedelische Schiene. Gitarren wie Sirenen, der schiere Wunsch zu verschwinden, weil man vermeintlich nicht hierhergehört und dann das Klammern an eine höhere Macht, an die man selber nur aus Verzweiflung glaubt. „Evangeline“ zieht einen runter bis auf den Grund des Ozeans, den man Einsamkeit nennt. Ein epischeres Finale hätte man dieser Platte kaum bieten können. Haben Kritiker der Band darauf gehofft, endlich etwas zu finden, was Highly Suspect nicht können, so werden sie warten müssen, denn „The Midnight Demon Club“ ist eine wahre Machtdemonstration. Bis auf das Cover, das ist streitbar.

Fazit

8.1
Wertung

"The Midnight Demon Club" präsentiert Highly Suspect wiedermal als stilistische Alleskönner, die sich überall zurechtzufinden zu scheinen. Man wartet mit jedem Album auf einen Makel und endlich findet man ihn: Es ist das erste ziemlich hässliche Cover. Solange es nur das ist...

Moritz Zelkowicz