Deaf Proof und “Brain Utopia”: Aller guten Dinge sind vier

Die Freiburger Stoner-Rocker Deaf Proof kreieren auf den gerade mal vier Tracks ihres neuen Albums eine derart düstere Soundkulisse, dass man sich fragen muss, ob der Albumtitel nicht vielleicht als freches Klickbait zu betrachten ist.
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Das Wort “Utopia”, zu deutsch Utopie, kommt aus dem Altgriechischen und bezeichnet einen sogenannten “Nicht-Ort”, also einen fiktiven Ort, der nicht an die Regeln und Ereignisse der Realität gebunden ist. Im alltäglichen Sprachgebrauch verstehen die meisten eine Utopie als einen Ort, der ungleich besser ist als ihre Lebensrealität, wohingegen eine Dystopie ein ungleich schlechterer Ort ist. Utopien haben eine lange Tradition in der Welt- und Popliteratur, von Platon über Orwell bis hin zu Octavia Butler oder Toni Morrison. Auch in der Musik ist die Thematik durchaus keine Unbekannte, so haben beispielsweise Twenty One Pilots mit ihrem letzten Album versucht, ihre Zuhörer in die dystopische Welt der Stadt "Dema" zu entführen. Diese Versuche bezogen sich aber zumeist auf textliche und konzeptionelle Überbauten. Deaf Proof gehen da einen anderen Weg.

Gesungen wird auf den 37 Minuten Spielzeit von “Brain Utopia” verhältnismäßig wenig. Die Lyrics setzen immer wieder an den richtigen Stellen kleine Impulse, die den Zuhörer von der fesselnden Klangwelt aus stampfenden Drums und hypnotischen Riffs losreißen, nur um ihn kurz darauf wieder in die Tiefen der sich bedrohlich aufbauenden Gitarren-Gemäuer zu entlassen. Gerade auf den beiden monumentalen 15-Minuten-Kompositionen “Brain Utopia” und “The Awakening” verliert man sich zusehends in der musikalischen Welt des Albums. Die düstere Ästhetik, die durch die verzerrten und effektreich dargebotenen Gitarrenmelodien und Bassläufe entsteht, wird von den textlichen Einwürfen des Sängers konterkariert: “There’s no rain in my private area, there’s no rain in my brain utopia.” Eine kryptische Anspielung auf die eigene Abschottung des Individuums vor der unangenehmen Realität in Zeiten von Filterblasen, Echokammern und Personalisierungsalgorithmen? Möglich, aber Deaf Proof geben hier keine einfachen Antworten und bevor man zum Nachdenken kommt, wird man auch schon wieder vom Strudel aus Fuzz und Overdrive eingesogen. Neben den beiden bereits erwähnten Monstertracks beherbergt “Brain Utopia” auch noch zwei kleinere Jams, die strukturell noch wilder und diffuser daherkommen als ihre großen Pendants. Die Songs kommen trotz ihrer Sperrigkeit fast nahtlos als Album zusammen, lediglich der Break vom eskalativen Finale von “Trial and Error” auf das fast schon bluesige Intro von “The Awakening” regt auf angenehme Weise zum Aufhorchen an.

Geht man nun also nach der landläufigen Definition von Utopie als einem ungleich besseren Ort, liegt der Vergleich zum Klickbait durchaus nahe, denn friedlich und paradiesisch sind nun nicht unbedingt die Adjektive, die sich für eine Assoziation mit “Brain Utopia” anbiedern. Besinnt man sich allerdings auf die ursprüngliche Definition eines fiktiven Nicht-Ortes, so offenbaren sich doch einige Parallelen. Die Platte kommt derart außerweltlich daher, dass sich beim Hören eine zwielichtige und zugleich faszinierende Kulisse auftut, die durchaus als Soundtrack für den ein oder anderen Cyberpunk-Film herhalten könnte. Der Albumtitel könnte also eine Hommage an die Utopie sein, die wir uns tagtäglich in unseren Köpfen schaffen, um angesichts der Absurdität der echten Welt nicht vollends den Verstand zu verlieren.

Fazit

7.9
Wertung

Deaf Proof schaffen es auf ihrer nunmehr vierten Veröffentlichung erneut, verkopfte Songs weit jenseits der 10-Minuten-Marke so aufzubereiten, dass sie zu keinem Zeitpunkt langweilig werden. “Brain Utopia” ist eine immersive und intensive Erfahrung und eine beeindruckende Demonstration kreativen Schaffens. 

Kai Weingärtner

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