Brutus und „Unison Life“: Runner´s High

In der Sportwelt ist bisweilen von unglaublich anmutenden Leistungen die Rede. Die Sporttreibenden erfüllt ein Gefühl von jugendlicher Frische, von eiserner Vehemenz. Was der sogenannte „Runner´s High“ mit dem neuen Werk von Brutus zu tun hat und wieso man für „Unison Life“ trotzdem unsportlich sein darf, das erfahren wir in den fortfolgenden Zeilen.
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Spezielle Hormonausschüttungen beflügeln beim Langstreckenlauf die Wahrnehmung auf das Geschehnis: keine Anstrengung erscheint zu groß, die Strecke könnte sich noch endlos fortsetzen. Auch nach dem Sport sind noch emotionale Veränderungen feststellbar, wie einschlägige Fachmagazine berichten. Brutus lösen vergleichbare Gemütszustände aus, indem sie kaum aushaltbare Spannungsbögen in einer überschaubaren Spielzeit unterbringen und indem sie hinter jeder Straßenecke wahlweise mit dem Vorschlaghammer oder einem wohligen Teegedeck aufwarten. Was als nächstes passiert? Man ist sich nicht sicher.

Etwaige Sicherheit kann auch gar nicht erst aufkeimen, wenn man sich „Miles Away“ als Opener (oder doch vollwertigen Song?) einmal näher zu Gemüte führt. Als würden Rammstein und Cascada gemeinsame Schnittmengen ausloten, fühlt sich das, was hier passiert, gleichermaßen falsch und doch vielversprechend an. Allerdings sollen die teils harmonischen Stilelemente, die u.a. auch von „Victoria“ als sommerlichem Rocker aufgenommen werden, nicht über einen albumübergreifenden Trend hinwegtäuschen: es wird immer verwegener, es wird immer intensiver.

Während „Brave“ noch wagemutig nach vorne prescht und durch diverse Stromschnellen und gelungene Vocals auf ganzer Linie überzeugt, wird es im Falle von „Liar“ schon langsam ungemütlich. Dem Namen entsprechend erwartet man die volle Dröhnung und man bleibt mitnichten enttäuscht zurück. Das Album befasst sich mit dem Wechselspiel zwischen der persönlichen Gedankenwelt und äußeren Gegebenheiten (hier nähern wir uns dem Runner´s High) und „Liar“ richtet sich hier auch und besonders textlich betrachtet, wohnlich ein. „Chainlife“ ist eine Kampfansage an das Leben in Ketten – ein teils verschieden ausgelegter Freiheitsgedanke ist der Rockmusik seit jeher zu eigen und Brutus bilden hier keine Ausnahme. „What Have We Done“ prägt eine mysteriöse Melodie, die so durchaus aus dem Symphonic Metal entlehnt sein könnte. Eine sehnsuchtsvolle Powerballade, die so nicht unbedingt zu erwarten war und vielleicht gerade deshalb einwandfrei funktioniert.

Auf „Storm“ brüllt sich Stefanie Mannaerts allen Schmerz von der Seele, perfekt untermalt von einer vielschichtigen, musikalischen Begleitung. Als würde man feinste Instrumentalmusik (etwa Long Distance Calling) mit einer charakeristischen Gröle verfeinern. Einzig „Dust“ wirkt vergleichsweise holprig, unausgegoren und dadurch auch langatmig. Die einen würden von roher Energie sprechen, mich hindert möglicherweise (m)ein ambivalentes Verhältnis zu Noise-Rock und ausgeprägtem Garagenmief. Die Teile passen nicht zueinander, trotz starkem Outro. Bleibt am Ende noch etwas Platz für Utopien? „Dreamlife“ verschafft jenen Freiraum, den auch diese besorgniserregenden Zeiten zu bieten haben.

Chaos und Aufgeräumtheit, Verbitterung und Hoffnung, Sonnenstrahlen und Anarchie - Ebenjene Paarungen sind Eckpfeiler von „Unison Life“. An jeder Ecke lauert eine Überraschung, die es zu erfahren gilt. Eine eindeutige Empfehlung für Menschen, die untypischen Stilwechseln und viel kreativem Freigeist etwas abgewinnen können. Und für alle anderen eigentlich auch. Aber Achtung: Etwas Kondition fordert dieser Gitarrensport selbst von den größten Sofaheld*innen ein.

Fazit

8
Wertung

Ich werde mich schleunigst durch die bisherigen Werke hören (müssen), mir waren Brutus bislang kein Begriff.

Marco Kampe