Anti-Flag und "Lies They Tell Our Children": Punkrock 3.0

Es macht sich eine gewisse Ambivalenz breit, wenn man Bands wie Anti-Flag betrachtet. Einerseits sollte es keine Band geben müssen, die sich mit dieser Vehemenz politischen Themen widmet, andererseits würde man „Lies They Tell Our Children“ definitiv missen.
anti-flag_lwtoc.jpeg

30 Jahre Anti-Flag, Zeit für ein 13. Album. Und auch wenn Donald Trump nicht mehr Präsident ist, so gehen Justin Sane und Co. der Stoff nicht aus. Im Gegenteil, denn der Blick weitet sich auf weitere Themen außerhalb des großen Orangenen im Weißen Haus. Vielmehr geht es zu den vielen Wurzeln der Probleme der Vereinigten Staaten. Eine Besonderheit ist das Namedropping auf der Platte und wie es umgesetzt ist. Denn alle eingeladenen Künstler*innen bringen etwas Eigenes mit. Jeder Song trägt dann ihre Handschrift, auch der mit Campino, das wiederum ist aktuell eher schade, „Victory Or Death“ ist eindeutig der Schwachpunkt der Platte. Der Hate für Campino nutzt sich ab, aber die schlagereske Mukke die er aktuell macht und die hier gemacht wird leider auch.

Aber alle anderen Gäste machen das besser. Jesse Leach von Killswitch Engage hat nicht nur in seiner Band seinen Platz und seinen Sound gefunden, sondern bringt den auch in „Modern Meta Medicine“ mit. Shane Told sorgt in „Laugh. Cry. Die. Smile“ für einen Silverstein-Sound und das passt hervorragend auf das Album. Ashrita Kumar von Pinkshift arbeitet sich in „Imperialism“ mit Justin Sane genau daran ab, einer der komplexeren Texte des Albums.

Ein absolutes Highlight des Albums ist „Shallow Graves“, welches ganz besonders durch den Gast, den Songwriter Tré Burt zu einer außergewöhnlichen Erscheinung wird - auf einem Album voller außergewöhnlicher Erscheinungen.

Das Album ist geprägt von Gewalt, nicht von der Band ausgehend, es ist schlichtweg eine Schilderung des American Way of Life, eine milde Umschreibung von einem Leben in Gewalt. Bei den Opferzahlen der durch Gewalt getöteten Menschen würde man in anderen Ländern von Bürgerkrieg sprechen. Knapp 20.000 Menschen sind in den letzten drei Jahren jeweils durch Schusswaffen in den USA umgekommen, dabei immer ca. 5000 Kinder und Jugendliche. In diesem Land läuft so unglaublich viel schief, dass Anti-Flag natürlich nach gut 30 Jahren Dasein als Band nicht fertig sind, all diese Probleme anzuprangern. Und es stellt sich natürlich immer die Frage, was es denn überhaupt bringen soll, denn gemeinhin werden wohl nicht viele mit den Songs erreicht, die etwas bewirken könnten.
Aber sie erreichen Menschen, denen die Luft ausgeht, Menschen die nicht wissen, wie sie in diesem System überleben sollen. Anti-Flag, geben ihnen so wie viele andere Bands eine Stimme. Und es schadet dabei nie, wenn eine Gruppe nicht davor zurückscheut sich stilistisch weiterzuentwickeln. Auch das ist ihnen hier wieder gelungen.

Fazit

8.8
Wertung

In vielerlei Hinsicht das beste Anti-Flag-Album bisher. Und das keinesfalls wegen des Namedroppings. Besseres Songwriting, bessere musikalische Umsetzung in kongenialer personeller Besetzung und vor allem textlich-thematisch breiter aufgestellt, haben Anti-Flag wieder einmal eine bessere Version ihrer Selbst geschaffen.

Moritz Zelkowicz