Mein Lieblingssong: Neue Deutsche Welle

Wieder einmal kürt die Redaktion ihre musikalischen Favoriten in einer Kategorie. Dieses Mal ist eine Melancholie-Bombe dran, über deren Grad an Geschmackfülle man sicher streiten kann.

„Aus grauer Städte Mauern“ heißt der dreiteilige Artikel von 1979, in dem Alfred Hilsberg zum ersten Mal die Neue Deutsche Welle beschreibt und benennt. Die graueste Stadt mit der längsten Mauer (die Welt auf der anderen Seite dieser Mauer mal außen vorgelassen) war zu dieser Zeit wahrscheinlich Westberlin. Dort fand sich im Jahr nach Hilsbergs Artikel die Band Ideal zusammen, die all das vorwegnahm, was in den nächsten Jahren endgültig mainstreamtauglich werden würde: eine subversive Wirtschaftswunder-Ästhetik, musikalische Unbedarftheit und mit Annette Humpe eine selbstbewusste weibliche Sängerin. In „Berlin“ besingt sie ihre Welt zwischen Bahnhof Zoo und Kottbusser Tor, das lyrische Ich stolpert aus den grauen Altbauten Kreuzbergs in die VIP-Disko Dschungel und trifft auf dem Weg Philosophen, Türken, Junkies und die „scene“. Die gleichsam stolpernde musikalische Begleitung unterstreicht die Ruhelosigkeit des Vortrags perfekt.
„Berlin“, ein Zeitdokument im mehrfachen Sinn: als Hymne auf die Frontstadt im Kalten Krieg, voller Freiräume und Weirdos, aber auch als ein Song, der den Scheideweg der Neuen Deutschen Welle aus dem Punk-Untergrund in die Pop-Charts markiert.

Weitere Lieblinge: Grauzone - "Eisbär", DAF – "Als wärs das letzte Mal", Fehlfarben - "Das war vor Jahren", Nena – "Irgendwie Irgendwo Irgendwann"

In die „Hochphase“ der Neuen Deutschen Welle fielen unsere ersten Klassenpartys in der fünften Klasse. Gut behütet von unserer Klassenlehrerin tanzten wir zu fragwürdigen Liedern. Ob es nun der „Sternenhimmel“ war oder Fräulein Menkes „Hohe Berge“, sogar Ixi wurde gespielt, nur dass der echte „Knutschfleck“ bei uns Jungs reines Wunschdenken war.

Richtig zu schätzen gelernt habe ich NDW erst, als ich mich mit den Ursprüngen auseinandergesetzt habe. Als Seitenlinie aus dem deutschen Punk entsprungen, waren die frühen, wegbereitenden Bands dem englischen New Wave viel näher als diesem „Ich will Spaß“-Getue. Das Aha-Erlebnis kam Ende der Achtziger mit dem DAF-Song „Der Mussolini“. Diese minimalistische Instrumentierung mit dem Einsatz von Synthesizern und Drum-Computer und einem provozierenden Text, der nicht nur zu Beginn der 80er Jahre für Empörung bei den bornierten Alten sorgte. Auch ich fühlte mich anfangs überfordert, aber verstand schnell, dass ich mit Provokation auch etwas anstoßen kann. Noch heute liebe ich es, mein Umfeld, gerade das berufliche, mit Provokationen herauszufordern, seien es meine Shirts oder die Musik, die mich in meinem Büro begleitet.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle aber auch Fehlfarben mit „Grauschleier“, wobei das ganze Album „Monarchie und Alltag“ ein Meisterwerk der wahren NDW ist. Aber Trio mit ihrem verstörenden „Da Da Da“ sind ebenso ein markanter Punkt der Neuen Deutschen Welle. Zu guter Letzt die Band Abwärts mit dem prophetischen Song „Computerstaat“. Das sind alles nicht die typischen NDW-Songs. Die Musik aber, die auf den ganzen Revival-80s-Partys als NDW gespielt wird, ist eh nur ein Vermarktungsprodukt der Musikindustrie. Für mich steht NDW in enger Verbindung mit New Wave, experimentell und textlich verklausuliert und provokant.

Die Neue Deutsche Welle ist nun wirklich kein Genre, in dem ich behaupten würde mich auch nur ansatzweise auszukennen. Über viel mehr als schmachvolle Versuche, Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" beim Singstar auf der PlayStation 2 zu "performen", geht meine Erfahrung mit diesem für viele selbsternannte Musiknerds Stück verbrannte Erde der deutschen Musikhistorie nicht hinaus. Ich bediene mich an dieser Stelle also aus dem Repertoire eines Künstlers, der zwar strenggenommen nicht wirklich dem Genre - und schon gar nicht der Zeit - entstammt, der sich der Ästhetik beider aber erfolgreich bedient und damit redaktionsintern sowas wie einen Kultstatus aquirieren konnte (Stichwort "Graubrot"). Die Rede ist natürlich von Max Gruber, a.k.a. Drangsal.

Eben dieser wandte sich mit seinem zweiten Album "Zores" ein Stück weit ab von der düsteren New Wave aus Großbritannien, zu Gunsten einer gewissen anderen Welle, die zugleich in Deutschland zu schwappen begann. Was bei einem gewissen Chefredakteur zur Zeit der Veröffentlichung auf blankes Unverständnis stieß, ließ mich die flauschi-überdrehte Spielart der NDW ein bisschen lieb gewinnen. Songs wie "Turmbau zu Babel" oder "Laufen lernen" tragen ihre NDW-Einflüsse zwar stolz auf ihrer Brust, kombinieren sie aber mit frischen Ideen und diesen wunderbaren Texten, die immer nur ganz kurz vorm Kitsch die Kurve bekommen und dann doch noch im Kopf bleiben. Ganz erwehren kann ich mich meiner Liebe zum Post-Punk aber dann doch nicht, denn mein Lieblingssong dieses Machwerks ist dann doch der eher knurrige und weniger quirlige "Jedem das Meine" mit seinen knarzigen Bassläufen und dieser Direktheit in Grubers stetig wankendem Timbre. Ich habe mich so zwar ein wenig drumherum manövriert, mich längerfristig mit den Ergüssen der "echten" NDW auseinanderzusetzen, aber hey, es geht hier schließlich um meinen Lieblingssong.