Die Beatles in Hamburg: Von Pilzköpfen und Stripclubs

Was wäre ein Themenmonatstext von Jannie ohne die subtile Erwähnung der Beatles oder Green Day. Wie passend, dass die britischen Pilzköpfe (und damit ist nicht Green Day gemeint, übrigens) ihre Karriere quasi in Hamburg gestartet haben und die Stadt zu einem wichtigen Teil der Bandgeschichte wurde.
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Hamburg ist irgendwie Musikstadt geworden, wie wir ja auch in den anderen Themenmonatstexten lesen durften und dürfen – von Musical bis Hamburger Schule, irgendwas hat diese Stadt an sich. Und auch die Beatles, die nach Verkaufszahlen erfolgreichste Band der Geschichte, verirrten sich relativ früh in ihrer Karriere in die Hafenstadt.

John Lennon gründete die Vorläuferband der Beatles, die „Quarrymen“ bereits im Alter von 16 Jahren, 1956. Durch verschiedene Gegebenheiten schlossen sich der damals 15-jährige Paul McCartney und der zum Zeitpunkt seines Beitritts 1958 14-jährige George Harrison an. Nach zwei Namenswechseln (Johnny and the Moondogs und The Silver Beatles) und der Aufnahme des Bassisten Stuart Sutcliffe war 1960 erreicht, das Jahr, das den Startschuss für die Karriere der Beatles markieren sollte.

Im Mai 1960 durften die Beatles den Sänger Johnny Gentle auf einer einwöchigen Schottlandtour begleiten – die war aber alles andere als das glänzende Tourleben, von dem junge Musiker:innen träumen. Zu wenig Probe vorher führte dazu, dass sie die Songs, die sie zusammen mit Johnny Gentle performen wollten, kaum beherrschten. Es gab wenig Publikum, die Jungs (zum Teil minderjährig!) mussten mit Hunger und Erschöpfung klar kommen, ein verwahrlostes Hotel musste in einer Hauruck-Aktion wegen Geldmangel verlassen werden und zu guter Letzt wurde der damalige Schlagzeuger Tommy Moore bei einem Autounfall verletzt.

Umso verwunderlicher, dass sie nach dem Tour-Fiasko dann noch Motivation für die Auslandsauftritte in Hamburg hatten – denn dazu kam es bereits im August des selben Jahres. Mit diesem Schritt wurden die Beatles dann übrigens auch final die Beatles und ließen den Namensteil „Silver“ weg.

Der deutsche Veranstalter und Nachtclubbesitzer Bruno Koschmider hatte nach jungen britischen Bands für Auftritte in seinen Nachtclubs gesucht und stieß über seinen Liverpooler Geschäftspartner und den damaligen Manager der Band Allan Williams auf die Beatles.

John Lennon, Paul McCartney, Stuart Sutcliffe und der wenige Tage vor Abreise engagierte Schlagzeuger Pete Best kamen schließlich am 16. August 1960 in Hamburg an. Direkt am nächsten Tag spielten sie ihr erstes Konzert unter dem Namen „The Beatles“ in St. Pauli. Ab da traten sie jeden Tag für etwa 30 DM im Stripclub „Indra“ an der Großen Freiheit auf – und passten sich mit der Zeit an das Rotlichtviertel-Umfeld an, nahmen Phenmetrazin (auch „Prellies“) als Aufputschmittel und gestalteten ihre Auftritte immer wüster, was sie irgendwann zu einem angesagten Geheimtipp an der Großen Freiheit machte. Als der Indra-Club Anfang Oktober wegen Ruhestörung schließen musste, wurden die nächsten Auftritte kurzerhand im Kaiserkeller gespielt, wo die Beatles die Band „Rory Storm and the Hurricanes“ kennenlernten und sich mit ihrem Schlagzeuger Ringo Starr anfreundeten – dem späteren Beatles Drummer. Die beiden Bands nahmen sogar gemeinsam in einem Hamburger Studio eine Version des Songs „Summertime“ aus der Oper Porgy and Bess auf, die neun in diesem Zuge gepressten Platten sind allerdings im Laufe der Jahre verschwunden.

Die Beatles lernten in Hamburg auch die Fotograf:innen Astrid Kirchherr (Stuart Sutcliffes spätere Freundin) und Jürgen Vollmer kennen, die nicht nur die ersten professionellen Fotos der Band schossen, sondern ihnen auch die berühmte Pilzkopf-Frisur verpassten, die daraufhin später ein großer Trend unter Fans wurde.

Die Band trat einige Male im Top Ten Club auf, sehr zur Verärgerung von Koschmider, da der Club in Konkurrenz zu seinen Clubs Indra und Kaiserkeller stand. Daraufhin zeigte Koschmider George Harrison, als damals mit 17 das jüngste Beatlesmitglied, an, da er sich als Minderjähriger nach 22:00 Uhr nicht mehr in Nachtclubs aufhalten durfte – woraufhin er am 21. November 1960 aus Deutschland ausgewiesen wurde. Und auch John und Paul verscherzten es sich mit ihm, als sie aus den Räumen von Koschmider ausziehen wollten, um fortan nur noch im Top Ten Club aufzutreten, und dabei Feuer machten. Angeblich um beim Packen Licht zu machen, zündeten sie, nach unterschiedlichen Darstellungen, entweder Kondome oder einen Wandteppich an – das Feuer glomm nach Verlassen des Raumes noch und Koschmider zeigte sie wegen Brandstiftung an. Die beiden wurden verhaftet und schließlich am 30. November ebenfalls ausgewiesen. Stuart Sutcliffe blieb bei seiner Freundin Astrid Kirchherr in Hamburg und verstarb tragischerweise ein halbes Jahr später im Alter von 21 Jahren an einer schweren Hirnblutung.

Die Beatles spielten in den folgenden zwei Jahren noch vier längere Spielzeiten in Hamburg, eine davon 1961 im Top Ten Club, wo sie 92 Nächte in Folge auf der Bühne verbrachten, die restlichen Engagements fanden im bekannten Star Club statt. Nach 1962 verschlug es die Beatles übrigens erst 1966 wieder in die Hansestadt, im Rahmen der „Bravo Beatles Blitztournee“ spielten sie zweimal halbstündige (!) Konzerte im heutigen Messegelände – und damit tatsächlich den letzten regulären Auftritt der Band in Europa.

Hamburg hat ihnen definitiv Türen geöffnet und die erste Bekanntheit verschafft, außerdem ein bisschen Club-Luft schnuppern lassen – auch wenn sich sicherlich drüber streiten lässt, ob die Große Freiheit bzw. das Rotlichtviertel für junge Künstler:innen zwischen 17 und 20 Jahren das beste Umfeld darstellt.