Das Streaming ist dem Tonträger sein Tod? Zur Zukunft des Musikvertriebs

Auch in der Musikindustrie hat das digitale Zeitalter Einzug gehalten und Streaming-Anbieter drohen den “guten alten Plattenladen” zu verdrängen. Aber stimmt das wirklich? Wird man in 15 Jahren nirgends mehr CDs oder Platten kaufen können?
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Norbert Richter ist Einkaufsleiter des Bereichs Klassik bei jpc, einem der relevantesten Versandhändler für Tonträger in Deutschland. Wir haben mit ihm über die Auswirkungen der Coronapandemie, den Hype um das Vinyl und die Zukunft des Tonträgers gesprochen. Soviel schonmal vorweg: von Untergangfantasien und Schwarzmalerei ist sein Blick in die Zukunft weit entfernt. “Seit Corona hat die Musik wieder einen höheren Stellenwert. Wir sehen das an deutlich höheren Umsätzen seit dem Lockdown. Ebenfalls sehr erfreulich ist unsere weltweit gestiegene Anzahl an Neukund:innen.” Neben dem konstanten Aufschwung der Vinyl helfen hier laut Richter vor allem auch Radio-Features und Zeitungsartikel, beispielsweise im Feuilleton, das Medium Musik in die Öffentlichkeit zu tragen.

Gleichzeitig verliert die CD immer mehr von ihrem einstigen Prestige. Das äußert sich neben dem schwindenden Marktanteil, der immer mehr zur Vinylschallplatte übergeht, auch an der Verfügbarkeit der jeweiligen Abspielgeräte. “Immer mehr Firmen fertigen Plattenspieler in allen Preislagen, während es kaum noch möglich ist, CD-Player zu moderaten Preisen kaufen zu können. Fast alle PKW-Hersteller verzichten auf CD-Laufwerke in ihren Autoradios.” Aus rein praktikabler Sicht ergibt diese Entwicklung durchaus Sinn. Das Argument der Kompaktheit der CD wurde von der Digitalisierung der Musik mehr oder weniger überflüssig gemacht, und wenn man im heimischen Wohnzimmer Musik hören möchte, greift man dann eben zur eindrucksvolleren Vinyl, möglicherweise noch als farbige Deluxe-Variante. “Dank Vinyl kommt das haptische Moment zurück. Neben der eigentlichen Musik sind Covergestaltung und Informationsgehalt des Begleittexts wesentliche Bestandteile eines Albums, auf die man nicht verzichten möchte.” Presswerke sind mittlerweile so ausgelastet, dass man mit einer langen Wartezeit rechnen muss, um seine Musik auf Vinyl veröffentlichen zu können. Außerdem ist die Kaufbereitschaft derjenigen, die Vinyl kaufen, sehr hoch, erzählt Richter: “Die Anzahl der Vorbesteller:innen ist bei den LPs extrem groß, da man fürchten muss, leer auszugehen, wenn man nicht ad hoc bestellt und sich somit sein Exemplar sichert. Das erinnert ein bisschen an die Planwirtschaft der DDR.”

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Es ist zwar nicht zu leugnen, dass das Hauptaugenmerk — vor allem bei großen Major-Labels — auf dem Streamingmarkt liegt, trotzdem hat sich der Tonträger in den letzten Jahren eine feste Existenz aufgebaut. Viele kleinere Labels setzen weiterhin auf den Tonträger und vor allem aus der Klassik ist physische Musik nicht wegzudenken. Aber auch in der Popmusik hat vor allem das Vinyl-Revival dem Tonträger zu neuem Aufschwung verholfen: “Seit dem zaghaften Beginn von Veröffentlichungen auf Vinyl hat das Thema eine ungeahnte Dynamik entwickelt. Besonders im Rock/Pop-Bereich verkaufen sich LPs deutlich besser als die zeitgleich erscheinenden CDs. Scheinbar wächst eine junge Musikhörerschaft heran, die ihre Musik per Streaming konsumiert, gleichzeitig aber auch die neuen analogen Medien kauft.” Diese Entwicklung zeigt im Hinblick auf die Zukunft des Mediums eindrucksvoll, dass Streaming und physische Musik nicht in unbedingter Konkurrenz zueinander stehen, und das junge Menschen sich auch trotz — oder vielleicht auch gerade wegen — der uneingeschränkten Verfügbarkeit bewusst für das physische Moment entscheiden.

Alle gegenwärtigen Entwicklungen weisen also entgegen vieler vermeintlicher Hiobsbotschaften darauf hin, dass uns Musik auch in Zukunft weiterhin als physisches Medium begleiten wird. Und wer weiß, vielleicht folgt auf das Plattenrevival ja dann in ein paar Jahren das große Comeback der CD oder der Kassette. Zum Abschluss dieses Artikels möchte ich Norbert Richters persönlichen Blick in die Zukunft für sich stehen lassen:

“Die Musik war, ist und bleibt ein gefragtes kulturelles Gut, das in allen Zeiten und Lebenssituationen einen immensen Stellenwert hat. Kein Film kommt zum Beispiel ohne Musik aus. Bestimmte Stücke — ob Popsong oder klassische Musik — begleiten uns unser ganzes Leben. Ich bin sehr sicher, dass die Musikindustrie — wenn auch verändert durch die verschiedenen Vermarkungskonzepte — profitabel bleibt und auch in Zukunft unser Leben bereichert.”