Streampunks #02: Vom Hören und Wundern

Kai stellt in dieser Kolumne neue Musik vor, die ihm die Algorithmen diverser Streaming-Anbieter so in den Feed spülen. Diesmal mit dabei: Team Scheiße, Thizzy und Snake Eyes.
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Kennt ihr das, wenn man einen Song hört und sich dabei denkt: “Mensch, ich hätt’ nicht gedacht, dass ich sowas mal mögen würde”? Sowas dachte ich mir, als ich den Song “LAVA” von Mauli und VØR gehört habe. Autotune und Trap-Beats gehören eigentlich eher nicht zu den Genretropes, die mich interessiert oder gar begeistert stimmen, aber hier funktioniert das irgendwie. Diese düstere Introversion, die da mitschwingt, hat eher etwas von Post-Punk als von den oft eher oberflächlichen Emotionen, die viele andere Songs dieses Genres sonst so bedienen. “LAVA” ist einer von mehreren Rapsongs, die mich in letzter zeit begeistert haben. Neben der erwartbar krassen letzten HAXAN-Single “Troja” waren da noch “Intro (Balenciaga)” von Disarstar’s letztem Album “Deutscher Oktober” und der zugegebenermaßen etwas stupide Representer “Topinambur” von Fatonis Hausproduzenten Dexter. Aber von allen Songs dieses Genres hat mich “BEAT ‘EM UP” von Thizzy und Taby Pilgrim am meisten abgeholt. Schon das Sample im Intro des Songs offenbart, dass es sich hier um eine Liebeserklärung an einen der besten Filme der letzten 20 Jahre handelt: “Scott Pilgrim vs. the World”. Neben den Samples und dem Cover-Artwork sind auch die Lyrics zu “BEAT ‘EM UP” eine Verneigung vor Edgar Wrights Nerd-Meisterwerk.

Bei all diesen tollen Neuentdeckungen bewiesen die Algorithmen leider (oder zum Glück?) auch nicht immer hundertprozentige Treffsicherheit, und so gab es wieder einige sehr abgedrehte Hörerfahrungen. Zum Beispiel einfach nur langweilige Indiepop-Geseier diverser Bands, die glauben sie wären jetzt die nächsten Giant Rooks (nicht, dass das in irgendeiner Art und Weise erstrebenswert wäre). Die Hannoveraner Formation Steintor Herrenchor hat sich unterdes scheinbar jemand anderes zum Vorbild genommen und klingt auf dem Song “Postkarten” wie Edwin Rosen auf Wish bestellt. Wirklich perplex war ich allerdings beim ersten Hördurchgang des Songs “Demeng” von Otto von Schirach. Bitte was höre ich da?! Das klingt als würden King Gizzard and the Lizard Wizard GWAR covern. Blastbeats aus dem Drumcomputer und etwas, das ohrenscheinlich gesampelte R2D2-Geräusche sind, und darüber schreit sich jemand den Kehlkopf kaputt. Herrlich.

Spannende Gitarrenmusik war natürlich auch wieder dabei, unter anderem von der belgischen Stoner-Rock Band Gnome mit “Ambrosius”. Und woran erkennt man eine britische Schrammelrockband, wenn nicht an Albumcovern in schmuddeliger Fanzine-Optik und Worten, die außerhalb Brighton, UK noch nie jemand gehört hat? Genau das sind Snake Eyes, die sich mit “Scuttlebug” in meine Songrotation manövriert haben. Aus dem deutschen Sprachraum schaffte es unterdes Team Scheiße (großartiger Name übrigens), sich mit dem Song “Frank” einen Ohrwurm-Stammplatz in meinem Großhirn zu sichern. Mit schnörkellosem und eindringlichem Post-Punk erzählt die Band die Geschichte von Frank, einem KSK-Soldaten, der gerne mal das ein oder andere Merchandise-Produkt seines Arbeitgebers, naja, sagen wir zweckentfremdet. Inspiriert von wahren Begebenheiten? Wer kann das schon sagen…