Im Kreuzverhör #56: 3Plusss - "Mehr"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Moritz 3Plusss mit "Mehr" in den Ring.

VBT 2011 und VBT-Splash-Edition 2012, danach kamen die Stars mit eigenen Alben. Weekend mit "Am Wochenende Rapper", BattleBoi Basti mit "Pullermatz" und 3Plusss mit "Mehr". 3Plusss war damals noch etwas anders drauf. Etwas weniger zynisch, deutlich mehr Humor in den Texten, insgesamt weniger Realtalk. Doch er war trotzdem stark. Er pinkelt Szenegrößen ans Bein, lacht aber auch viel über sich selbst. Er hat jetzt schon einen leicht verbitterten Blick auf deutschen Hip-Hop. Er schlägt aber nicht so ein wie von vielen gedacht, entfaltet nicht die populäre Schlagkraft eines Weekends und sorgt nicht für einen Aufschrei wie der BattleBoi. Aber er bleibt. Entwickelt sich weiter. BattleBoi Basti zerbricht am zweiten Album, sodass er fortan sein Dasein als Backup von Alligatoah fristet. Das ist negativer ausgedrückt als es ist, denn eigentlich ist das megacool. Ans VBT erinnern sich eigentlich nur noch ein paar Nostalgiker von damals, 3Plusss ist irgendwie übrig geblieben und hat erst letztes Jahr eins der krassesten Deutsch-Rap Alben des jüngeren Jahrzehnts gedroppt. Aber was hat das alles mit "Mehr" zu tun? Es war der Anfang. Von einem von dreien, von denen alle ihren Weg gegangen sind, von dem, den ich damals am wenigsten von den dreien mochte, der mich aber berührt hat wie kein anderer Rapper sonst. Dem ich viel verdanke, sehr viel verdanke. Danke 3Plusss, für "Mehr" und alles was danach kam.

3Plusss begegnet mir zum ersten Mal. Erst mal googeln! Ah, keine Band, sondern ein Rapper, der unter diesem Namen auftritt. Rap und Hip Hop ist, mit ganz wenigen Ausnahmen, ein Genre, das mich nicht fesselt, mich eher dazu bringt, nach kurzer Zeit nicht mehr zuzuhören. So ging es mir leider auch bei diesem Album. Da blieb mir nur, das einstündige Album in kleinen Etappen zu hören. Der Rapper aus Essen kehrt in seinen Texten viele persönliche Innensichten hervor. Das sind dann auch Lieder, die mich am ehesten ansprechen („Ehrlich“, „Langweiltmich“, „“Ungesund“). 3Plusss stellt sich mit seinem rotzigen Sprechgesang der Gesellschaft entgegen, kreiert in seinen Lyrics viele spitzfindige Reime, die den gesellschaftlichen Kontext im Visier haben, aber auch die eigene Szene gezielt entlarven („Hi & Tschüss“). Und auch wenn die Songtexte viel Tiefe aufweisen, ist der Rap des Künstlers mir auf die Dauer zu hektisch und zu unruhig. Vielleicht traut sich irgendwann eine Punk- oder Hardcore-Band an 3Pluss heran und überredet ihn, die Songs mit ihnen als erträgliche Drei-Minuten-Punk-Rap-Songs runterzuschrammeln.

Der Rapper 3Plusss begegnete mir das erste Mal, als ein guter Freund von mir, nennen wir ihn Paul, in der Schulzeit einen Hoodie trug, auf dem dieser Name auftauchte. Das Motiv war ein Yoghurt-Becher unter dem stand: "Das ist kein Yoghurt". Hab ich bis heute nicht verstanden. Reingehört hab ich dann irgendwann trotzdem, daher war "Mehr" zumindest soundtechnisch keine absolute Neuheit für mich. Und viel von dem, was dann später "Gottkomplex" und "Weine jetzt, lache später" interessant machen würde. Sympathische Verlierer-Attitude, selbtironische Lines, groovige Live-Band-Ästhetik statt 808s.

Damit reiht sich 3Plusss in eine lange Schlange von Künstler:innen, die das so oder so ähnlich auch schon machen oder gemacht haben. Nur fehlt mir dabei ein bisschen das große Alleinstellungsmerkmal. Es ist ein bisschen so, als wäre "Mehr" die Version 1.0, auf die dann später viele andere aufbauen werden. Es ist weniger bissig als Juse Ju, weniger witzig als Fatoni, weniger referenziell als Goldroger. Das macht es keineswegs schlecht, und man könnte ja durchaus argumentieren, dass "Mehr" schon vor den großen Releases der zuvorgenannten Artists rauskam, nur hör ich's eben erst jetzt um ersten mal. So bleibt der Eindruck eines kreativen Rap-Albums mit einer gewissen Throwback-Note, das mich aber wohl nicht auf Dauer fesseln wird.