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Rogers beweisen Mut und Kredibilität auf „Augen auf“

So, 03.09.2017 - 22:07
Mit ihrem neuen Album haben die Düsseldorfer eine neue Dimension erreicht. Ihre dritte Platte geht in eine andere Richtung als noch „Nichts zu verlieren“ und „Flucht nach vorn“.

Hört man das Album das erste Mal, merkt man schnell, dass irgendetwas anders ist. Die Dramatik hat sich gesteigert. Das Feiern neigt sich dem Ende. Rogers waren schon immer sehr politisch. Mit „Augen Auf“ erreichen sie aber ein neues Level. Die Texte sind ernster, aggressiver und direkter. Dafür ist das Musikalische nicht mehr das, was es war. Konzerte der Düsseldorfer waren immer eine gemeinsame Party. Das hat man auch auf den Alben hören können. Nun gibt es Tracks wie „Früher“, „Helden sein“ mit Sebastian Madsen und „Unter Tränen“. Ist das gut oder schlecht?

Das ist eine wirklich schwere Frage. Eines fällt beim Hören auf. Während „Nichts zu verlieren“ wirklich ein Album war, stehen die Titel auf der neuen Platte mehr für sich selbst. Schnell wird klar, Rogers haben sich weiterentwickelt. Von Anfang an herrscht eine Dramatik, die ihresgleichen sucht. „Nie euer Land“ besitzt ein fast schon episches Intro, welches mit einer Offenheit gleich schließt, die man oftmals nicht so sieht. „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen müsste“ und „Ihr seid sowas von 1933“ sind nur zwei Beispiele. Während sich aber früher der Refrain stark aufgebaut hat, steht hier die Melodik im Vordergrund. Zudem hat die Düsternis wirklich die Oberhand gewonnen. Durch eine sehr niedrige Tonlage der Gitarre und der Stimme harmoniert alles miteinander und es wirkt sehr ernst.

Das soll sich auch durch das ganze Album ziehen. Menschlichkeit, Freiheit und Antirassismus sind schon früher Themen gewesen, die Rogers in ihren Texten aufgearbeitet haben. Die Darstellungsart war ebenfalls offen und direkt. Nie standen die Texte aber so sehr im Vordergrund wie bei „Augen auf“. Rogers haben sich mit ihren bisherigen Veröffentlichungen eine gute Grundlage gebaut, um mit ihrem neuen Album darauf aufzubauen. Zudem ist das Spektrum der Stilmittel deutlich weiter. Ein Track wie „Vorbei“ war bislang fast undenkbar. Jeder Takt wird stark betont, die Gitarrenline weist schon fast in den Jazz-Punk.

Sehr bemerkenswert ist in der Richtung auch der Track „Helden sein“ mit Sebastian Madsen. Eigentlich sollte noch nicht zu viel verraten werden, aber „Einen Scheiß muss ich“. Dass die Rogers tatsächlich auf „Das Phantom der Oper“ zurückgreifen, flasht im ersten Moment einfach nur. Aber auch hier findet man wieder nicht diese typische Punkrock-Party, welche die Band früher noch gegeben hatte. Der Track wirkt fast schon selbstkritisch und bietet zum Schluss noch mal einen schönen Part zum Mitsingen. Ist das noch Punkrock?

Vielleicht nicht. Vielleicht ist es aber gerade wegen dieser absoluten Freiheit und erst recht wegen dem Text eine der ausgeklügeltsten Punkrock-Balladen. Das bleibt bestehen, auch wenn es musikalisch wieder etwas kraftvoller wird. Man hat mit „Sie hören zu“ oder auch mit „Wohin“ immer wieder Songs, die im Refrain mitsingbar sind. Was aber auch mit der Zeit klar wird, die Songs sind oftmals wirklich gleich aufgebaut. Natürlich gibt es das fast auf jedem Album, wünschenswert wäre aber ein Song, der komplett aus dem Muster fällt. Es gibt immer wieder leichte Tendenzen zu so einem Break, die werden aber beispielsweise auf „Mensch“ auch wieder gebrochen. Hier hört man auf der letzten Bridge eine Wutrede über den Menschen. Warum hört der Song danach nicht einfach auf?

„Tagesschau“ bricht dann aber doch dieses Muster ein bisschen. Hier ist zwar wieder der Refrain erkennbar, die Übergänge sind aber fast schließend, und so ist die Bridge mit Gitarrensolo der Zentralpunkt. Von der Schnelligkeit übertrifft der Track aber auf alle Fälle die anderen. Auch wenn das Grundmuster oftmals gleich ist, kommt bei den ersten zwanzig Mal Hören kaum Langeweile auf. Man merkt, dass es nicht das erste Album der Rogers ist. Es gibt noch kleine Dinge, die vielleicht zu verspielt sind. „Einen Scheiß muss ich“ hätte den Effekt der zerbrechenden Scherben zum Schluss beispielsweise nicht benötigt. Dennoch haben Rogers mit „Augen auf“ ein sehr persönliches, aber auch hyperkritisches Album gefertigt.