Unter dem Radar #17: Coilguns

Es gibt das Klischee von der Schweiz: Reiche Finanzmenschen auf idyllischen Alpen-Residenzen, überall wird gejodelt. Und dann gibt es Coilguns, die ihre Musik selbst als “big sausage of violence” bezeichnen.
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Heimatstadt: La Chaux De Fonds, CH

Genre: Noise/ Hardcore

Bisher veröffentlicht: “Coilguns”-EP (2011), “Stadia Rods”-EP (2012), “Commuters” (2013), “Millennials” (2018), “Watchwinders” (2019)

Für Fans von: Swans, Metz

Das Schweizer Noise-Quartett - vormals noch Trio - Coilguns gibt es nun schon eine ganze Weile. Im Jahr 2011 veröffentlichten sie ihre erste EP und können sich nun mit mittlerweile drei Langspielern brüsten, vier wenn man das jüngst erschienene Solo-Album von Sänger Louis mitzählt, auf dem Coilguns als eine Backing-Band vertreten sind. Und all das in allerfeinster Indie-Manier, denn neben ihrem musikalischen Output führen Coilguns auch noch ihr eigenes Label mit dem schmackhaften Namen Hummus-Records. Wir trafen Sänger Louis und Gitarrist Jona Mitte Juni zum digitalen Distanz-Interview. Die erste Überraschung gibt es schon auf die Frage, wie die derzeitige Pandemie-Situation sie als Band beeinflusst. “Louis hat mir für April in meinen Terminkalender geschrieben: ‘zuhause bleiben und ein Album schreiben’”, erzählt Jona amüsiert. Nach dem erst letztes Jahr “Watchwinders” erschien, befindet sich die nächste Veröffentlichung also bereits in Arbeit. Allerdings fallen auch für Coilguns im Sommer 2020 ungefähr 15 Shows aus, da der Kulturbetrieb wegen Corona still steht. Und auch eine geplante US-Tour kann nicht stattfinden.

Die gute Nachricht - zumindest für Jona - ist, dass diesmal zum Schreiben des neuen Albums viel mehr Zeit zur Verfügung steht. Die beiden letzten Platten “Millennials” und “Watchwinders” schrieb die Band nämlich in jeweils vier Wochen, eingeschlossen in einem Haus irgendwo im nirgendwo, und komplett in Eigenregie. Es wurde gleichzeitig und im selben Raum geschrieben, geschlafen, aufgenommen und gegessen. Ist die Selbstisolation also ein kreativer Motor für Coilguns? “Ich mag es, ein paar Restriktionen zu haben”, sagt Louis. “Wenn du so viele Einschränkungen hast, musst du in einem sehr kleine Rahmen kreativ sein.” Außerdem seien die Songs so pur und unverfälscht, und niemand außer der Band kann sich einmischen. Jona erzählt, dass sie bei der Aufnahme von “Watchwinders” jeden Song höchstens fünfmal insgesamt gespielt haben. Auf das Album schafften es oft die rohen Demo-Fassungen der Tracks, einfach weil sie mehr Dynamik hatten und im richtigen Moment passiert waren. Nichts desto trotz zerrt so eine Marathonproduktion auch an den Nerven, was manchen in der Band besser liegt als anderen. Während es für Jona und Drummer Luc oft sehr anstrengend war, scheint sich Louis im Studio-Küchen-Proberaum-Schlafzimmer recht wohl zu fühlen: “Ich mag Kabel, ich mag Knöpfe.”

Aber mit dem neuen Album kommen auch neue Herausforderungen, trotz mehr Zeit und weniger Druck. Denn zum ersten Mal sind die mittlerweile vier Bandmitglieder nicht alle zusammen im Studio und Proberaum, sondern schreiben ihre Musik unabhängig voneinander. Trotzdem ist Jona zuversichtlich: “Wenn wir in vier Wochen ein ordentliches Album schreiben können, hoffe ich wirklich, dass die nächste Platte DAS Coilguns-Album wird.” Das lässt auf großes hoffen, denn immerhin staubte schon das ‘ordentliche’ “Watchwinders” in unserer Redaktion eine 8,5er-Wertung ab. Angesichts der Tatsache, dass Coilguns selbst dieses Album als ihr “poppigstes bisher” beschreiben, stellt sich allerdings auch die Frage, welche Noise-Bulldozer uns auf der nächsten Platte erwarten, denn immerhin war schon “Watchwinders” in Sachen Lautstärke und Aggressivität kein Kind von Traurigkeit. Die Intensität der Platte erklärt sich nicht zuletzt durch die vielen verschiedenen Klangspielereien, die sich immer wieder unter die trümmernden Riffs und schroffen Vocals mischen. Für diese Geräuschkompositionen hat sich Sänger Louis die Erwähnung in den Album-credits unter “noises” redlich verdient. Er baute einen, wie er es nennt, “Random-Stereo-Looper”, oder wie Jona es nennt, “some kind of computer shit that makes all this weird shit”. Hierbei handelt es sich um ein Gerät, dass Tonspuren aufnimmt und rein zufällig rauf- oder runterpegelt, die Abspielgeschwindigkeit verändert oder Klänge zufällig miteinander vermischt. Diese Sound-Experimente tragen zu der unheimlichen Stimmung der Platte bei. Auch das Artwork des Albums versprüht eine destruktive Aura und ist, wie könnte es anders sein, ebenfalls parallel zum Schreib- und Aufnahmeprozess der Platte entstanden. Der Künstler Noé Cauderay ist ein Freund von Louis und machte schon das Artwork für das vorherige Album “Millennials”. “Er hat die Fähigkeit, sehr gruselige Dinge zu erschaffen”, erzählt Louis. Er wohnte zusammen mit der Band in dem Haus, in dem “Watchwinders” entstand, und fertigte nebenbei die Bilder an, die später das Artwork zum Album wurden. “Wenn wir morgens aufwachten, fanden wir diese Bilder von diesen kleinen Monstern. Ich glaube er weiß gar nicht, was wir mit den Bildern machen.”

Aufgrund des anhaltenden Lockdowns haben Coilguns nun ein vielfaches der Zeit und des Raumes für ihr neues Album, und auch die Ablenkung durch Konzerte und Festivals fällt erstmal weg, denn ein Ausweichen auf alternative Live-Events wie Live-Streams oder Autokonzerte kommt für die Band nicht in Frage. “Wir sind eine laute Band. Ich mache meine Shows nicht auf der Bühne, ich bin im Publikum, ich umarme Menschen.” Coilguns sind, genau wie die kleinen Venues, in denen sie auftreten, eine selten Spezies. “Die Musik die wir machen ist quasi illegal in der Schweiz, weil wir uns an eine bestimmte Dezibel-Grenze halten müssen.” Das ist umso tragischer, auch weil Louis glaubt, dass Live-Musik und “cheap pleasure” in Zeiten, in denen viele Menschen an den Folgen der Isolation leiden, eine Art seelische Medizin sein können. Bis diese Medizin allerdings wieder erlaubt ist, müssen wir wohl einfach unsere Heimanlagen bis über das legale dB-Limit aufdrehen und der “big sausage of violence” so fröhnen.