Trivium und "What The Dead Men Say": Charta der Vielfalt

Trotz andauernder Social-Media-Beschallung und intensiver Medienpräsenz scheint Matthew Heafy schlussendlich die Zeit für das nunmehr neunte Studiowerk seiner Mannen um Trivium gefunden zu haben. Und während zahlreiche Interpreten ihre Veröffentlichungen virusbedingt aufschieben, steht mit „What The Dead Men Say“ ein durchaus facettenreiches Werk in den angestaubten Startlöchern.
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Was sich in Wirtschaftskreisen nur allmählich etabliert, hat auch in der Musikbranche noch einen weiten Weg vor sich: Vielfalt als Schlüssel zum Erfolg. Seit geraumer Zeit können sich Unternehmen der freiwilligen Selbstverpflichtung zu mehr „Diversity“ anschließen. Ohne Quoten und laufende Zertifizierungsverfahren keimt zwar schnell der Eindruck einer Marketinghülse auf, doch der löbliche Ansatz bleibt bestehen. Einer musikalischen Charta der Vielfalt scheinen sich auch Trivium verpflichtet zu haben. Schwenkte man auf den Werken der jüngeren Vergangenheit zwischen Einzelkämpfern verschiedener Ausprägung umher, nimmt man hier gleich den gesamten Backkatalog zu Rate. Die Verschmelzung der bandeigenen Stärken stellt eine hochexplosive Mixtur da.

Starten wir mit dem vorab bekannten Titeltrack, so bewahrheiten sich die benannten Trademarks prompt. Das US-amerikanische Quartett versucht gar nicht erst, die für Single-Auskopplungen magische Drei-Minuten-Marke zu knacken. Einem Song des Kalibers von „What The Dead Men Say“ müssen Freiräume gegeben werden. Erst dann entfaltet er seine brachiale Härte, die mitunter von düsterer Harmonie angereichert wird. Ebenjene brachiale Härte hatten Anhänger der ersten Stunde auf Werken wie „Silence In The Snow“ schmerzlich vermisst. Um etwaigen Zweifeln vorzubeugen, schießen Trivium „Amongst The Shadows And The Stones“ gleich hinterher. Zusammen mit „Bending The Arc To Fear“ handelt es sich hier um konsequente Moshpit-Vorlagen. Eine unnachgiebige Dampfwalze rollt auf den Hörer zu.

Gleichwohl schielt man ab und an auch in Richtung der US-Alternative-Charts. „Bleed Into Me“ oder „Scattering The Ashes“ kommen mit gedrosseltem Tempo und dezenten Chören aus. Zwischen Stone Sour und Five Finger Death Punch dürften somit auch Trivium ihren Platz in den algorithmisch kreierten Playlists erhalten. Diesen Eindruck könnte man anfänglich auch bei „Catastrophist“ erlangen. In der zweiten Hälfte mäht die komplexe Songstruktur mit deutlich angezogenen Zügeln allerdings alles nieder. Viel Brimborium im besten Sinne.

Auf „Sickness Unto You“ erproben Trivium speziell zu Beginn bislang ungekannte Kompositionen und fahren folgerichtig die verdienten Lorbeeren ein. Ein ebenso mächtiger Song präsentiert sich mit „The Defiant“, welcher augenscheinlich im Antlitz des 2000er-Metalcores arrangiert wurde. Darüber hinaus ist die durchweg ästhetische Gestaltung des Artworks hervorzuheben. Die Protagonisten scheinen verstanden zu haben, dass man ein Metal-Album frei von Kriegsszenarien, Totenköpfen und monströsen Ungeheuern konzipieren kann. Eine wohltuende Abkehr von überstrapazierten Klischees.

Unter dem Strich ist „What The Dead Men Say“ mehr, als die Summe seiner Teile. Fans jeder (!) Bandepoche kommen auf ihre Kosten - fast ohne Reproduktion und/oder Füllmaterial. Trivium scheinen sich ihrer Stärken (und Schwächen) bewusst zu sein und liefern lupenreinen, modernen Metal mit Anleihen verschiedenster Subgenres. Handwerkliches Können trifft auf hörbare Spielfreude.

Fazit

7.3
Wertung

Nach dem grandiosen Vorgänger fällt die Objektivität an dieser Stelle schwer. In den vergangenen drei Jahren ist der Sound weiter gereift und man muss lange schon keinem Trend mehr hinterhereifern. Das Album bewegt sich zwischen innerer Mitte und qualitativem Fortschritt.

Marco Kampe
8
Wertung

Trivium hauen mit „What The Dead Men Say“ ein sehr abwechslungsreiches Album raus, das eine große Bandbreite an Metal-Subgenres abdeckt. Besonders auffällig ist „Bleed Into Me“ mit Dreivierteltakt, das trauen sich auch wirklich nicht viele Metalbands. Alles in allem ein spannendes Album mit einigen Highlights.

Jannika Hoberg