Liedfett und "Hi!": 15 Jahre reinbügeln!

Liedfett melden sich über drei Jahre (WHAT?!) nach dem letzten Album "Durchbruch" mit Studioalbum Nummer sechs zurück. Das hat zum Glück auf den zweiten Blick doch noch mehr als seine Laufzeit von nur etwa 29 Minuten mit dem Punk zutun, für den die Band auf den ersten Blick lange stand.

Sei es "Schmierlappenkommando", "Spaß spendet Trost", "Verpiss dich", "Verkackt bevor es los geht" oder "Billiger Wein": Wer Liedfett in der Phase ihres Schaffens kennen gelernt hat, als die Musik noch aus reinen Akustiknummern und die Texte der Band (zumindest teilweise) aus Punkklischees wie Saufen und Antihaltung bestanden, wird sofort wissen welche bereits in der Zusammenfassung von "Durchbruch" angeführte Entwicklung hier noch einmal aufgegriffen werden soll. Liedfett haben sich dem reinen Akustiksound in der Zwischenzeit abgewendet, den Schritt in die verzerrten Klänge gewagt und bereits ein Album voller krachender Punkrocknummern veröffentlicht. Das bleibt auch auf dem neuen Album "Hi!" teilweise so. Und dennoch klingt das neue Album gänzlich anders und kehrt zum entspannteren Stil zurück, ohne das Harte außen vor zu lassen.

"Wir kommen um zu bleiben, müssen uns nichts beweisen," singen Liedfett auf ihrem neuen Album und blicken damit auf 15 Jahre "reinbügeln" zurück. Ein Schlachtruf, welcher sowohl auf den Konzerten der Band als auch auf den vergangenen Alben seinen festen Platz gefunden hat und längst fest zur Band dazugehört. "Wir kommen" ist ein Song, der vor allem durch die Anspielungen auf die Vergangenheit beweist, dass Liedfett keinesfalls vergessen haben, wo sie herkommen. Im Gegenteil, der eingeschlagene Weg wird konsequent weiter verfolgt, als Entwicklung gesehen und weiter durch Veränderung vorangetrieben. Und auch wenn sich die Inhalte seit den oben genannten Nummern verändert haben, streuen Liedfett immer wieder Momente in dieses leider recht kurze Album ein, die die Vergangenheit der Band mit ins Boot holen oder im Sound oder Songwriting sehr daran erinnern. Das geschieht entweder durch Textzeilen wie "Werden nicht klüger, nur immer älter (...), wir sind untrennbar, in uns kocht die Wut!" in "Wut", der übrigens durch den Support von LaBrassBanda einen Gesamtsound mit sich bringt, den man so von Liedfett noch gar nicht gehört hat. Im Gesamten gehen Setting und Flow des gesamten Albums zurück zu den Wurzeln. Es festigt sich auf "Hi!" der Eindruck, dass die Songs in ihrer Art und Weise im Gegensatz zu "Durchbruch" einen Schritt zurück in melodiösere Richtungen mit dem gewissen Groove gehen, wie man ihn von Liedfett von Anfang an gewohnt war. Nur heute eben deutlich lauter.

Eine weitere Besonderheit des Albums ist ein deutlich zu hörender Ansatz von Pop-Elementen, die kurzen und knackigen Punkrocknummern wie "Herz" (Stufe eins: Viel Punkrock!) entgegen stehen. In Stufe zwei, dem Mix aus Punkrock, Liedfett-typischem Flow und den gefühlvolleren Momenten finden dann alle Tracks zwischen "Herz" und "Ups & Downs" statt, der das zweite Novum im Sound der Hamburger neben "Wut" darstellt und mit ordentlich Effekten bis hin zum Autotune den hartnäckigsten Ohrwurm der Platte liefert. Dieser bildet dann als einziges Beispiel Stufe drei mit ordentlich Pop, Melodie und Quatsch wie den Imitationen von Hühnern. Und auch wenn die Punkrockpolizei, für die jede Abweichung in Spektren außerhalb des Punks zu Problematiken führt hier den Finger heben wird, tun solche Nummern Liedfett auf ihrem Weg auch verdammt gut. "Wir kommen um zu bleiben, müssen uns nichts beweisen": Unter dieser Prämisse scheinen Liedfett trotz der Kürze der Platte in der Variabilität an einem Hochpunkt ihrer Kreativität angekommen zu sein. Dass sich die Gesangsstimmen von Daniel und Lucas seit jeher so großartig ergänzen, ordnet dieses Album unweigerlich seiner Band zu, und die klingt vielleicht stark wie nie.

 

Fazit

7.9
Wertung

Liedfett segeln auf ihrer Reise munter weiter, und ich segele gerne auch weiterhin mit! Nachdem „Durchbruch“ sich auf krachende Punkrocknummern konzentrierte, kehrt „Hi!“ zurück zur Spielfreude. Die Band klingt unverwechselbar wie eh und je, zudem immer besser. Unter diesen Umständen hätten es lediglich ein paar Minuten mehr sein dürfen.

Mark Schneider