Kind Kaputt und "Morgen ist auch noch kein Tag": Optimismuss

Die deutsche Posthardcore-Band Kind Kaputt hat sich mit vergangenen Veröffentlichungen eine wirklich hohe Erwartungshaltung erarbeitet. Kann dieses Level überhaupt wieder erreicht werden?
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Es ist definitiv nicht leicht, eine unfassbar starke EP wie Kind Kaputts letztjährige Veröffentlichung „Endlich Wieder“ abzuliefern. Noch schwerer ist es, an diese Leistung anzuknüpfen und sie auch auf Albumlänge halten zu können. Und dann kommen Kind Kaputt um die Ecke und sprengen alle Erwartungen. Bekannt sind die drei (bzw. offiziell vier) Jungs für tiefgründige Texte, deren Bedeutung teils erst nach mehrfachem Hören, Text lesen und darüber nachdenken vielleicht ansatzweise verstanden wird, und das über einem leicht roh klingendem DIY-Sound und dann doch perfekt abgemischten Klangteppich. Ebenfalls besonders: Die Formation kommt gänzlich ohne Bass aus. Wenn man das weiß, hört man es durchaus raus, aber die Musik klingt auch ohne das tiefe Instrument erstaunlich voll. 
Ein Stück weit entfernen sie sich auf „Morgen ist auch noch kein Tag“ von ihrem rohen, ungeschönten Gesang, sie wagen sich sogar an das oft verachtete Mittel des Autotunes. Vorsichtig tasten sie sich in „Vergessen“ ran, setzen im folgenden Song „Stolpern“ komplett auf die elektronische Stimmkorrektur und sorgen damit fast für den aktuell modernen typischen Deutschrap-Sound. Zum Glück - was natürlich Geschmackssache ist - wird der Autotune nach zwei Songs wieder weggelassen und der altbekannte Klang ist zurück. 

Haben die alten Veröffentlichungen fast immer klassische Songstrukturen aufgebrochen, sind „Vers, Refrain, Vers“-Abläufe auf „Morgen ist auch noch kein Tag“ das neue Normal. Von Vorteil hierbei: Die Refrains bleiben schneller hängen und die Musik ist deutlich leichter mitsingbar als früher. Dabei hilft auch ein offenbar gesteigerter Fokus auf die Melodik statt auf ausgeklügelte, überkomplizierte Gitarren- oder Drumparts. Was keineswegs heißt, dass Kind Kaputt jetzt überaus leichte Kost produzieren, fast simpel, eindimensional wären, sie wagen nur den Schritt aus der Nische hin in die (jedenfalls etwas stärkere) Massentauglichkeit. 
Zu wünschen wäre ihnen ein wachsendes Publikum jedenfalls, besonders bei den wie erwartet tiefgründigen Texten, in denen sich ungefähr eine gesamte Generation wiederfinden wird. 
Ein Zeugnis des Rantasten an die Massentauglichkeit ist sicherlich „Alles erreichen“, das stark an die frühen Zeiten von Kraftklub erinnert. Der textliche Witz und die Betonung in den gerappten Parts könnte auch aus der Feder der Chemnitzer stammen - verbunden mit der eigenen Emotionalität und dem rohen Klang schaffen Kind Kaputt einen unglaublich starken Track, der zwar etwas aus dem Rest des Albums heraussticht, aber nur ein weiteres Zeichen der Tatsache ist, dass sich diese Band partout nicht in eine Klangschublade stecken lässt. Zu dieser Tatsache passt mit "CH2O" auch der Einbau einer sanften Ballade, die nur mit E-Gitarre auskommt. Ruhig gesungene Zeilen wie "Ein Augenblick in Formaldehyd. Ich will uns konservieren, solange das noch geht" braucht genau diese Bühne, um angemessen zu wirken. 

Die thematische Bandbreite der Texte ist ebenfalls groß, von Kapitalismuskritik in „Anfang und Ende“ („Warum spielt es eine Rolle, welche Wertsachen ich kauf? Ich habe viel zu viele Dinge, die ich viel zu selten brauch“) bis hin zu vertextlichten komplexen Sinnkrisen auf dem Weg zum Erwachsenwerden in „Glücklich sein“ („Wir werden niemals glücklich sein, wir haben es nur vor“) oder „Gegen Dich“. Auch das Verkriechen und Zurückziehen als Folge psychosozialer Erkrankungen verpacken Kind Kaputt auf einfühlsame und nachfühlbare Weise, beispielsweise in „Stolpern“. Phrasen wie „Ich falle durch die Tage, kann den Boden nicht mehr sehen […] Ihr wachst über euch hinaus und ich schrumpf in mich hinein“ lassen Raum zur Interpretation und zum Anwenden auf die eigene Gefühlswelt. Kind Kaputt beherrschen das tiefe Hineinschauen in die eigene Seele und das zu Papierbringen all der Gedankenspiralen wie kaum eine andere Band. Man fühlt sich irgendwie gesehen, und das ist wunderschön. Besonders bei diesen Themen. Richtig politisch wird es mit "Wartezimmer". Der Text fasst zusammen, dass uns das Bewusstsein fehlt, dass wir im Kampf gegen die Klimakrise und für unsere Zukunft ausschließlich um unser eigenes Überleben kämpfen. "Dass es auch ohne Menschen auf der Kugel immer weiter geht", scheint vergessen zu werden. Gleichzeitig lässt sich der Text in Richtung der multiplen Krisen des Gesundheitswesens interpretieren, Unterbesetzung, Ignoranz der Menschheit, sich an simple Hygieneregeln zu halten, um das System nicht kollabieren zu lassen - "Hinter der Tür im Wartezimmer, kann man das Schlimmste nicht verhindern. Und an der Tür im Wartezimmer stand 'Wir können uns nicht mehr um alle kümmern'".

Eine gute Zusammenfassung der musikalischen Leistung auf diesem Album, aber auch der in herausragenden Texte verpackten Sinnkrise birgt wieder „Alles erreichen“. Fast verzweifelt singt Johannes Prautzsch davon, wie er alles, was er macht, vergleichen muss und gleichzeitig eigentlich nicht weiß, wozu überhaupt, vielleicht auch in Vorausschau auf die schwierige Zukunft unserer Generation. 

Fazit

9.5
Wertung

Kind Kaputt sprengen Erwartungen, Genres und irgendwie auch emotionale Grenzen. „Morgen ist auch noch kein Tag“ balanciert Hoffnung und Schmerz, rohen Klang und eingängige Melodik wie kaum ein anderes Album. Auf Papier gebrachte und in wunderschöner Musik verpackte Gedanken einer ganzen Generation. Unfassbar hörenswert.

Jannika Hoberg