Eskimo Callboy und „Rehab“: Der musikgewordene Big Vegan TS

Für ein Eskimo-Callboy-Album kann eigentlich kaum eine abgenudelte Metapher über bestialische Foltermethoden oder beim Hörgenuss wahnsinnig gewordene Anstaltspatienten treffend genug sein. Jetzt die Überraschung: „Rehab“ ist die erste minimale Aufwärtskurve in einer beispiellosen Geschichte furchtbarer Musik.
Eskimo Callboy Rehab Cover

Im Grunde lässt sich die neue Platte der personifizierten Geschmacksverirrung aus Castrop-Rauxel aber immer noch mit der aktuellen Entwicklung von McDonalds vergleichen. In Anbetracht neuer Markttrends und öffentlichem Umdenkens im „Fridays For Future“-Zeitalter brachte der Fast-Food-Riese jüngst einen veganen Burger in seinem Sortiment unter. Zwar mieft der gesamte Rest der Speisekarte noch immer nach billiger Fleischorgie und auch der Pflanzenburger selbst ist natürlich geschmacklosestes Essen für Anspruchslose und Unreflektierte, denen Nebensächlichkeiten wie Patties des sympathischen Familienunternehmens Nestlé egal sind. Aber immerhin müssen für die Herrschaft des goldenen M in Zukunft vielleicht ein paar weniger Rinder ihr Leben lassen. Ungefähr von diesem Level des Aufwärtstrends redet man, wenn es um Eskimo Callboys „Rehab“ geht. Was früher auf einem Genusslevel mit Alufolie auf Zahnkronen oder einer aufgekratzten Kindergartengruppe in der U-Bahn auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit war, ließe sich mit der neuen Veröffentlichung fast als Bullshit-Mucke im Asi-Pavillon des ranzigen Dorf-Festivals akzeptieren.

Natürlich bedeutet das noch lange nicht, dass „Rehab“ nicht immer noch zu den grausigsten Peinlichkeiten gehören würde, die die deutsche Musikindustrie in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Einige ganz besonders entstellte Exemplare vom fünften Album des Sextetts wollen daher noch unbedingt gewürdigt werden. Den Preis für den traurigen Anführer der prä-pubertären Zombieparade darf sich dieses Mal „Nice Boi“ sichern, das mit seinen völlig verstandslosen Wechseln zwischen unfassbar peinlichen Party-Core-Parts und schmalzig-hauchender Akustik-Redundanz wohl versucht, eine Art System Of A Down für Arme zu sein. Auch der Titeltrack macht seine Sache nur unwesentlich weniger schrecklich und beweist gleich in seinem Eröffnungspart, warum man nicht rappen sollte, wenn man über den Flow von Money Boy verfügt, aber nicht Money Boy ist. Der Song „Okay“ wiederum fasst mit seinem rotzdämlichen Scooter-Grausamkeitsdrop noch einmal gut zusammen, warum man Eskimo Callboy einfach hassen muss: Das ganze Konzept einer Fusion aus generischstem Metalcore und schrecklichster Partymusik existiert einzig und allein deswegen, weil um Abgrenzung bemühte Szene-Teenies eine legitimierte Ausrede brauchen, um genau den selben Mist wie die angesagten Kids der Schule zu hören. Ein reumütiger Ablassbrief der allerschlimmsten Sorte.

Abseits dieser wieder einmal unerträglich schlimmen Garde an Songs – und das ist die versprochene Aszendenz – enthält „Rehab“ vor allem Musik, die zwar immer noch auf allen nur erdenklichen falschen Entscheidungen beruht, im Endergebnis aber einfach nur nach redundantem Müßiggang klingt. Jeder Breakdown dieser Platte ist mit sekundengenauer Prognose vorhersehbar, die Refrains tönen anstatt nach maximalem Fremdscham einfach nur nach kraftloser Reißbrett-Arbeit. Das hintergründige Elektronik-Gedudel scheint die meiste Zeit nur noch als Alibi vorhanden zu sein und man gewinnt den Eindruck, Eskimo Callboy wünschten sich insgeheim, damals einfach nur den Weg einer x-beliebigen Scheiß-Metalcore-Band eingeschlagen zu haben. Stattdessen steht „Rehab“ vor dem nicht mehr zu rettenden Trümmerfeld einer prägenden Vorgeschichte, die jeder Mensch mit minimal einsetzender Adoleszenz geradebügeln wollen würde. Dieser viertelherzige Versuch des Sextetts wird aber nur dafür sorgen, dass sich am Ende gar keiner mehr für Eskimo Callboy interessiert. Unter dem Musikvideo zu „Prism“ werfen die Fans der Band schließlich schon vor, ihre Ideale zu verraten, weil sie „zu Mainstream“ geworden sei. Lol.

Fazit

2
Wertung

Eskimo Callboy scheinen endlich erkannt zu haben, dass es aus ästhetischer Perspektive keine gute Idee ist, eine ganze Karriere auf der akustischen Version eines Reddit-Shitposting-Threads aufzubauen. „Rehab“ ist erträglicher als all seine Vorgänger und gerade deswegen über weite Strecken einfach nur gähnend langweilige Trancecore-Gülle. Ist der Albumtitel also vielleicht tatsächlich als extrem vorsichtiger Startschuss einer allmählichen Läuterung gemeint? Unwahrscheinlich, aber möglich.

Jakob Uhlig
3.5
Wertung

Eskimo Callboy supporten mit ihrem Screamo-Elektro-Mix mittlerweile die ganz Großen im Business.  Für mich behalten die Störgeräusche auf „Rehab“ aber die Oberhand über die ordentlichen Aspekte der Musik. Die Entwicklung, weg von einer etwas „speziellen“ Party-Band zu Anfangszeiten kann man nicht abstreiten. An Rap erinnernde Parts und chaotische Brüllerei nehmen mir aber die Lust auf weitere Hördurchgänge.

Mark Schneider

Comments

  • Gespeichert von Felix Haller (nicht überprüft) am/um Mo, 28.10.2019 - 22:08
    Sehr geehrter Herr Uhlig. Die von Ihnen vorgelegte Rezension ist eine der dümmsten und polemischsten, die ich je gehört habe. Statt sachlicher Kritik scheint man hier den Wutausbruch eines Teenagers zu verfolgen. Ich wünsche Ihnen eine baldige und erfolgreiche Genesung! Mit freundlichem Gruß Felix Haller
  • Gespeichert von Jakob Uhlig am/um Do, 31.10.2019 - 10:39

    Hi Felix,

    die Textform des Verrisses zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass man das fragliche Objekt für eine ernsthafte Kritik nicht ernst genug nehmen kann/ will. Insofern empfinde ich das nicht als Lapsus, sondern als Grundmerkmal der von mir gewählten Besprechungsvariante. Danke für die Genesungswünsche, ich glaube aber, dass ich tatsächlich ganz gut bei Sinnen bin.

    Liebe Grüße,

    Jakob

    In reply to by Felix Haller (nicht überprüft)

  • Gespeichert von Niklas (nicht überprüft) am/um So, 03.11.2019 - 17:43
    Also, am Anfang: Ich habe noch nie einen So unnötigen Beitrag zu einem meiner Meinung nach gut gelungenen Album einer Top-Band gehört. Ich war hier eigentlich nur auf der Suche nach einer Sachlichen Bewertung des Albums, der Verfasser dieses Textes scheint aber anscheinend einfach einen persöhnlichen Hass auf Die Band Eskimo Callboy zu hegen und steht nicht auf neutraler Ebene. Man könnte überlegen, diese Seite vom, in der Hinsicht dass das Album hier eher als Stupide Blödes Album dargestellt wird, Unpassenden Namen "Album der Woche" auf "Ich lasse hier auf dieser Seite meine Wut der letzten Arbeitswoche einfach raus". Lg Niklas
  • Gespeichert von Jakob Uhlig am/um Mo, 04.11.2019 - 14:16

    Hi Niklas,

    ich kann verstehen, dass man über den Verriss einer geliebten Band nicht unbedingt hocherfreut ist und es ist dein gutes Recht, meine Meinung nicht zu teilen. Ist doch super, wenn dir die Platte gefällt! Ich möchte deinem Kommentar aber dennoch gerne zwei Punkte entgegenstellen:

    1. Bei dem Text oben handelt es sich offenkundig um einen totalen Verriss. In der Grundnatur dieser Textform liegt es, dass sie das Kunstwerk in keiner Weise ernst nehmen will. Tatsächlich mag ich die Band eben so wenig, dass ich mich lieber humorvoll mit ihr auseinandersetze, als mir die Mühe zu machen, die Platte dezidiert auseinanderzunehmen. Man kann sicher streiten, ob der Text an einigen Stellen zu überzogen ist, aber seine Grundausrichtung halte ich für absolut legitim. Dass ich die Band am Anfang mit einer Fast-Food-Kette vergleiche, stellt ja eigentlich schon klar, dass hier absolut keine fundierte Kritik zu erwarten ist.

    2. Ich glaube, einer der größten Fehlschlüsse, mit der ungeliebte Kritiken immer wieder erwidert werden, ist der, dass eine Review irgendwie so etwas wie einen Anspruch auf Neutralität haben kann. Viele Magazine erwecken möglicherweise den Anschein, dass ihre Kritiken objektiv seien, das ist aber gar nicht möglich. Letztendlich ist die Aufgabe von Musikjournalist*Innen, ihrem Gefallen oder Nicht-Gefallen Ausdruck zu verleihen. Das Gefallen eines Kunstwerks ist aber IMMER subjektiv. Ich kann meine Kritik in dem Sinne fundiert gestalten, dass ich gegebene Umstände benenne. Mal ganz platt zum Beispiel: Da ist eine Gitarre zu hören. Ob eine Gitarre nun aber etwas Gutes oder Schlechtes ist, dafür kann es keine festen Regeln geben. Insofern ist der Ausgang einer Kritik immer der selbe, ganz egal, auf welche Weise ich meine Argumentation gestalte. Ich kann dir versichern, dass ich mich der Platte trotz meiner definitiv bereits vorher vorhandenen Meinung über diese Band so offen genähert habe, dass ich eine andere Kritik geschrieben hätte, wenn Eskimo Callboy wider erwarten ein Album gemacht hätten, das in meinen Ohren total gut klingt. Das war hier aber nicht der Fall. Eine vorgeprägte Meinung hat man übrigens immer, wenn man vorher schon mal irgendetwas von einer Band gehört hat und nicht total unbefleckt an die Sache herangeht. Das ist auch überhaupt nichts Verwerfliches, sondern ganz natürlicher Teil des Prozesses.

    Liebe Grüße,
    Jakob

    In reply to by Niklas (nicht überprüft)

  • Gespeichert von Gast (nicht überprüft) am/um Do, 07.11.2019 - 13:18
    Es ist möglich eine objektive Kritik zu schreiben

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