Daughters und „You Won’t Get What You Want“: Verstörende Destruktion

Sieben Jahre waren die Noise-bis-Grindcore-Veteranen Daughters von der Bildfläche verschwunden. Ihre Rückkehr feiern sie mit einer Manifestation der Angst und dem wohlmöglich beklemmendsten Werk des Jahres.
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Als unheimlich produktive Musiker konnte man Daughters noch nie bezeichnen. Obwohl die Band bereits seit über 15 Jahren besteht, bildet das diesjährige Comeback gerademal das vierte Album des Quartetts aus Rhode Island. Wer dabei allerdings über den Tellerrand der nackten Zahlen hinweg zur Musik blickt, der versteht, dass eine derartig visionär denkende Band wohl ihre Zeit braucht. „You Won’t Get What You Want“ ist bereits als eigenständig betrachtetes Werk höchst beeindruckend, wird aber umso faszinierender, wenn man es mit dem Debüt „Canada Songs“ aus dem Jahr 2003 vergleicht. Das war seinerzeit ein recht naives Grindcore-Gewitter von schlanken elf Minuten Laufzeit, das genretypisch stets nur möglichst schnell und garstig sein wollte. Dass die neue Daughters-Platte diese Spielzeit mehr als vervierfachen kann, ist dabei nur das oberflächlichste Merkmal einer unfassbaren Reifung. Denn: „You Won’t Get What You Want“ ist ein Noiserock-Meisterwerk, das nicht nur zum Denkmal dieser Band, sondern auch zum Referenzpunkt eines ganzen Genres werden wird.

Dem Quartett gelingt diese Ausnahmeleistung mit einigen der intensivsten Klangkonstellationen des Jahres. In Zeiten des Loudness Wars sind gigantische Produktionen wahrlich keine Seltenheit mehr, aber Daughters unterscheiden sich in zwei wesentlichen Punkten von den immer größer auffahrenden Stadionrockbands, wenn man diesen Vergleich überhaupt wagen mag. Zum einen sind die Songs von „You Won’t Get What You Want“ trotz all ihrer Gewalt keine zur möglichst offensichtlichen Gefälligkeit hochgebauschten Seichtigkeits-Plätschereien, sondern nutzen ihre unfassbare Lautstärke im Gegenteil dazu, möglichst viel Dreck als gebündelte Klang-Armee loszuschleudern. Und zweitens versucht die Band mit diesen verstörenden Sound-Gatlings offensichtlich kein mangelhaftes Songwriting zu verstecken, sondern schreibt im Gegenteil so progressiv und beeindruckend wie noch nie. Das Ergebnis ist ein unheimlich mitreißender und gleichzeitig abschreckender Trip, bei dem die Faszination über die herausfordernden Songs aber stets den Mut zum erneuten Eintreten in diese unheimliche Welt legitimiert.

Wie diese beschaffen ist, belegt bereits der Opener „City Song“ mit aller Deutlichkeit. Zwischen einem knarrend bebenden Synthesizer-Nebel und kruder Perkussion predigt Frontmann Alexis Marshall in unheilverheißendem Sprechgesang minimale Lyrik über eine ausgestorbene Stadt, die in Kombination mit dem unheilvollen Soundgewand wie das niederschmetternde Resultat einer Endzeit-Katastrophe wirken. Die vorsichtig-progressive Dramaturgie des Songs erinnert dabei an die späteren Werke der Noise-Prog-Großmeister Swans – und selbst die dürften angesichts des markerschütternden Ausbruchs dieses Tracks wohl in Ehrfurcht erzittern. Die martialische Eskalation von „City Song“ setzt ein eindrückliches Brandmahl, das trotzdem gerademal den Auftakt zu einer verrückten Achterbahnfahrt durch sämtliche Gefühlsregionen menschlicher Angst bildet.

Die diversen Aspekte dieses schaurigen Horrortrips manifestieren sich in einer wahnsinnig gelungenen Variabilität innerhalb der zehn Kompositionen. „The Reason They Hate Me“ stellt ein gnadenlos schnelles Terror-Gewitter aus scharfen Elektronik-Messerstichen dar, das über seine gesamte Dauer niemals seine Ruhelosigkeit aufgibt. Das grandiose „Satan In The Wait“ schlägt ein wesentlich langsameres Tempo an, erzeugt dabei aber mit seinen klagenden Arpeggien dramatischen Kummer. „Less Sex“ wirkt dagegen im Mittelpunkt des Albums fast schon als dringend notwendiger Ruhepol, bewirkt dabei aber trotzdem mit seinen extraterrestrischen Soundwänden ein Gefühl von abnormer Unwirklichkeit.

„You Won’t Get What You Want“ lässt einen fassungslos zurück, weil es die pure Fassungslosigkeit in Audioform verkörpert. Daughters haben mit ihrem vierten Album blanken Nerventerror inszeniert, der nicht leicht zu schlucken ist, aber mit jeder mutigen Neuerkundung immer und immer drastischer zu klingen scheint. Der finale Schlusspunkt ist das schlussendliche Resignieren vor dem inneren Krieg. Alexis Marshall fleht in einer immer verzweifelter werdenden Klimax um die Befreiung aus einem düsteren Albtraum: „I’ve been knocking and knocking/ Let me in“. Seine Gebete bleiben unerhört. Das Album schließt mit einem apokalyptischen Orchester, das kaum andere Schlüsse als das Scheitern an der eigenen Schwäche zulässt. Die Furcht wird in diesem Moment perfekt und zeugt gleichzeitig von grausiger Schönheit. Daughters setzen damit das perfekte Requiem auf ein Album, an das man sich noch in vielen Jahren erinnern wird.

Fazit

9.1
Wertung

Mit gnadenloser Spielfertigkeit, fantastisch geschriebenen Songs und einer großmütig wütenden Produktion schaffen Daughters das perfekte Kunstwerk des Grauens. Wen dieses Album kalt lässt, der hat Nerven aus Stahl – oder traut sich schlichtweg nicht, richtig hinzuhören. „You Won’t Get What You Want“ ist das vielleicht größte Werk des Jahres.

Jakob Uhlig