Im Kreuzverhör #24: Yussef Kamaal - "Black Focus"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Kai UK-Jazz von Yussef Kamaal in den Ring.
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Ich höre selten Musik ohne Gesang, aber wenn, dann meistens Jazz. Und meistens “Black Focus”. Vocals würden bei dieser Platte aber vermutlich auch nur ablenken. Wer braucht schon Gesang, wenn der sich nur tölpelhaft zwischen diese famosen Instrumentals stolpern würde. Da gehört einfach mal die Klappe gehalten, zugehört und mit dem Kopf genickt. Ich habe das Album der beiden Londoner Musiker Yussef Dayes und Kamaal Williams über den Musikpodcast “Sorgenschall” entdeckt, reingehört und seither immer wieder aus dem digitalen Plattenregal gekramt. Und auch wenn die Tracks zuweilen echt ziemlich zappelig und hektisch sind, hat “Black Focus” für mich etwas unglaublich beruhigendes. Dieser dunkel wummernde Bass, die mal filigran gestreichelten, mal energetisch geprügelten Drums, und dann diese sphärisch verträumten Melodien. Ich kann mich mit diesem Album in einen tiefen Tunnel hören, aus dem ich nur mal kurz wieder herausgerissen werde, wenn eins dieser weirden Samples auftaucht, die hier und da auf dem Album aufploppen. Man muss kein Jazz-Sommelier sein, um bei Tracks Songs wie “Lowrider” mit einem breiten Grinsen Füße, Kopf, und alles, was sonst noch so wippen oder zucken kann, wippen oder zucken zu lassen. Ich kann “Black Focus” in jeder Situation hören, ob zum Einschlafen, zum Aufwachen, beim Lernen für die Uni oder beim Feiern. Wenn ich Steuererklärungen schreiben müsste, würde ich “Black Focus” beim Steuererklärung schreiben hören.

Ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, wann ich im Kreuzverhör das letzte Mal etwas wirklich, wirklich Gutes gehört habe. Insofern gilt Kai mein innigster Dank dafür, dass ich hier zur Abwechslung mal nicht mit schwäbischen Mundart-Liedermachern oder sonstigen akustischen Foltermethoden beglückt wurde. Stattdessen also Yussef Kamaal. Das Cover von "Black Focus" muss schon öfter mal als Geheimtipp durch meinen Feed gewandert sein. Scheinbar hatten alle diese influencenden Tippgeber recht. Glaubte ich in den ersten Minuten noch, Kai wollte uns nun bewusst mit möglichst unkoordiniert klingendem Free Jazz quälen, entpuppt sich dieses Albums schlussendlich als das Ergebnis eines bisweilen zwar extrem frei aufspielenden Ensembles, das dann aber dennoch immer sein Ziel in beachtlichen Grooves mit viel Tiefgang, beeindruckend viel Spielfertigkeit und unfassbar intensiven Momenten findet. Der Taumel zwischen artifizieller Klangfärberei und koordiniertem Zusammenspiel macht "Black Focus" zu einem mitreißenden Trip. Fantastischer Tipp, ich habe immer noch viel zu wenig gute Jazz-Platten in meiner Musiksammlung.

Ach du liebes Kreuzverhör! Jazz?! Eine Art zu Musizieren, die man getrost als abgelegensten Fleck in meiner ganz persönlichen Musikwelt betiteln darf. Ich komm da einfach nie vorbei, und will das auch gar nicht. Etwa so wie in... Aus Rücksicht auf die Menschen, die an irgendeinem dieser Orte für mich leben (müssen), nenne ich diese Orte heute nicht. Leider knistert es auch zwischen Yussef Kamaal und mir nicht. Ich will den Musikern dabei keineswegs ihre Skills absprechen und gerne betonen, wie viel Respekt ich vor jedem Künstler habe, der ein Instrument auf einem solch hohen Niveau beherrscht. Da mögen für euch echt schöne Jazzklänge in meine Gehörgänge schwingen, aber mein Gehirn sagt hier eiskalt "NEIN!". Was andere wohl wirklich genießen, löst bei mir ein Empfinden von Chaos aus. Freiwillig anhören? Never. Kulturbanause? Möglicherweise... Aber echt nur bei Jazz.