Unter dem Radar #34: Joschka Brings

Wer Musik macht, steht manchmal vor sehr verzwickten Lebenssituationen. Wie viel Raum kann und will ich in meinem Leben dafür einräumen? Was sollen meine Songs für mich sein? Und für wen mache ich all das eigentlich? Mit Singer/Songwriter Joschka Brings lässt sich darüber hervorragend reden.
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Heimat: Hamburg

Genre: Singer/Songwriter, Pop

Bisher veröffentlicht: „Daisy + Rain“ (2017), „Coquitlam, BC“ (2018), „Tomorrow“ (2020)

Für Fans von: William Fitzsimmons, Julien Baker, Bon Iver

„Ich bin gerade sehr zufrieden in meinem Leben“, resümiert Joschka Brings seine aktuelle Situation. „Diesen Sommer spiele ich wieder ein paar Konzerte und freue mich, dass das nun wieder losgeht. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass das Songschreiben für mich ein bisschen aus der Übung geraten ist. Ich sitze aktuell wieder an neuer Musik und wollte eigentlich auch dieses Jahr mal wieder etwas fertig machen. Aber es fehlt mir momentan ein bisschen, das so richtig mit Haut und Haaren zu machen. Wenn ich jetzt an einem Nachmittag einfach mal einsteige, kommt meistens nicht so viel dabei rum wie früher, als ich mich wochenlang in ein Projekt reingesteigert habe.“

Die Frage, wer man als Künstler:in eigentlich sein möchte, stellt sich wohl jedem irgendwann einmal, wenn er sich ernsthaft mit dem auseinandersetzt, was er oder sie da auf der Gitarre fabriziert. Für Joschka war diese Frage besonders in den letzten Jahren wichtig. 2019 zieht er von seiner nordrheinwestfälischen Heimat nach Hamburg, um eine Ausbildung zum Mediengestalter zu beginnen. Es ist der Aufbruch in ein neues Leben mit vielen neuen Erfahrungen und gleichzeitig ist es der Abschied aus einer Zeit, in der Joschka vor allem einfach Musiker sein konnte. „Ich habe es damals sehr genossen, mich einfach den ganzen Tag mit meiner Kunst beschäftigen zu können“, erinnert er sich. „Dadurch waren dann einfach auch viele Dinge selbstverständlicher und haben besser funktioniert. Damals habe ich Sachen einfach gemacht und die Leute haben das so hingenommen. Ich bin damit ja nicht reich geworden, es war nie eine ernsthafte Berufsoption, aber es war damals einfach mein Selbstverständnis, dass ich Künstler war. Dann war ich aber plötzlich Mediengestalter-Azubi gewesen und Musikmachen war mein Hobby. Das hat mal mehr, mal weniger gut geklappt.“

Die Auseinandersetzung mit diesem Prozess hat besonders Joschkas jüngstes Album „Tomorrow“ stark geprägt. Speziell in „Laundry“, einer Reflektion über die Sehnsucht nach dem Leben, das man sich selbst doch immer gewünscht hat, werden die Gedanken deutlich, die den Sänger mit dem Aufbruch in sein neues Leben zu diesem Zeitpunkt verfolgen. „Don’t grow up“ ist die mahnende Zeile, die aus diesem Prozess am meisten hängen bleibt – und gleichzeitig wird im Gespräch mit Joschka auch sichtbar, dass man aus manchen Dingen auch mit mehr Gelassenheit herausgehen kann, als es in den schwierigsten Momenten manchmal scheint. Vielleicht auch, weil das Hadern mit der eigenen Identität auch manchmal zur Erkenntnis führt, dass der eigene Kampf nicht immer ganz so wahr ist, wie man in seinen intensivsten Momenten glaubt. „Mir wurde von zuhause immer sehr bewusst mitgegeben, dass Musiker sein keine valide Berufsoption ist“, sagt Joschka. „Ich halte meiner Mutter bis heute vor, dass ich den Weg in die Ausbildung nur ihretwegen gegangen wäre. Aber vielleicht war das auch eher Trotz und weniger mein wirklicher Wille.“

In welcher Konstellation auch immer – Musik erweist sich im Leben von Joschka Brings als beeindruckend vielfältige Quelle des Ausdrucks. Neben seinen sehr introvertierten Solo-Songs spielt er so zum Beispiel auch noch mit seinem musikalischen Weggefährten Moritz Hermann alias Moe in der Metalcore-Band Driftwood. In der Live-Band von besagtem Moe, der solistisch wiederum deutlich harmonischeren Folk-Pop spielt, war Joschka viele Jahre lang ebenso vertreten – beide spielen bis heute sogenannte „Doppeldate-Konzerte“, bei denen beide gemeinsam ihre jeweiligen Solosongs spielen. Seit dem ersten Lockdown ist Joschka sogar Teil des Pop-Punk-Duos Long Goblin, das sich thematisch durch so genuine Themen wie einen Disstrack gegen Richard Wagner, die Abscheu gegen Brettspiele oder eine Erklärung des Doppler-Effekts auszeichnet. Der Künstler Joschka Brings ist also nicht bloß Singer/Songwriter. Ihn zeichnet vielmehr in besonderem Maße aus, dass ihn der Wunsch nach Selbstverwirklichung in alle möglichen Facetten seiner Persönlichkeit treibt und das er dafür entsprechend auch immer wieder ganz unterschiedliche klangliche Ausdrucksformen findet. Joschka ist – trotz aller Verwirrungen darüber in den letzten Jahren – immer vor allem Musiker gewesen.

„Musik ist die Ausdrucksform, die ich am besten sprechen und verstehen kann“, sagt Joschka selbst zu seinem Verhältnis zu seiner Kunst. „In meiner späten Kindheit habe ich irgendwann gemerkt, dass Musik das Einzige ist, was mich aus dem Nichts zum Weinen bringen kann, was mich aus dem Nichts Dinge fühlen lässt, was mich aber auch trösten kann.“ Entdeckt hat Joschka dieses Faible nicht in erster Linie übers Musik hören, sondern übers Musik machen. In seiner Familie hat das auch einen deutlich höheren Stellenwert als das pure Hören. „Musik war in unserem Alltag immer selbstverständlich“, erinnert sich Joschka. „Ich habe erst später gemerkt, dass Musik mir total viel gibt, wenn ich sie nur höre. Bei meinen Eltern findest du auch nicht viel mehr als irgendwelche Bach-CDs im Schrank. Popmusik hat also auch bei mir nicht so eine große Rolle gespielt bis zu dem Alter, wo man sich so etwas selbst erschließt.“

Besonders evident ist im Gespräch mit Joschka immer wieder, dass seine Kunst vor allem zum eigenen Ausdruck gedacht ist – ganz egal, ob es nun die eher augenzwinkernd gemeinten Pop-Punk-Hommagen von Long Goblin sind oder seine Solo-Songs, in denen er sich ganz direkt mit den Fragezeichen seines Lebens auseinandersetzt. Das geht sogar so weit, dass das oftmals mehr oder weniger ehrlich angepriesene Ideal des Künstlers, der die Musik nur für sich selbst und nicht für seine Wirkung nach außen macht, zumindest in gewissen Teilen bei Joschka sehr überdeutliche Züge annimmt. „Meine Musik ist gedacht zum Rausgeben, aber nicht dafür, dass man mir etwas zurückgibt – ganz egoistisch“, meint Joschka. „Ich mache die Musik nicht, damit Leute kommen und mit mir darüber reden, was ich da gesagt habe. Leute können das gut finden, die können sich da was rausziehen und die sollen natürlich zu meinen Konzerten kommen. Aber ich will nicht wie William Fitzsimmons nach meinen Auftritten immer noch ausführlich mit den Menschen dort reden. Das schaffe ich nicht, das kann ich nicht, davor habe ich Angst.“

Der letzte Satz fasst implizit eine Sache zusammen, die sowohl Joschkas Musik als auch ihn selbst als Mensch stark auszeichnen: Sein starkes Bewusstsein darüber, wer er selbst sein will und was er kann führt umgekehrt auch zu einer Angst, dieses Bild wanken zu sehen. Wieder sind wir bei der Frage nach Identität, die „Laundry“ stellt, aber Joschka selbst stellt sich diesem Problem auch immer wieder in anderen Kontexten. „Ich habe ein sehr großes Selbstbewusstsein, was meine Musik betrifft“, erzählt Joschka. „Da weiß ich ganz genau, dass das, was ich mache, mir selbst sehr gut gefällt. Das reicht mir. Ich habe keinen anderen Anspruch. Und anderseits habe ich große Angst davor, dazu mal Feedback zu bekommen, weil ich eben auch manchmal ängstlich und ein vermeidender Typ bin.“

Am Ende des Tages ist aber dieses Taumeln zwischen dem Wunsch nach eigenem Ausdruck und der Sorge davor, wie das in der Welt ankommt, wohl ein Problem, dass sich metaphorisch auf viele Lebensbereiche übertragen ließe. Beeindruckend, wie oft Musik dabei als Auffangnetz dienen kann – sei es in der Teenage-Angst, die aus jeder Pore der Emo-Wellen der vergangenen Jahrzehnte trieft, sei es aus Touché-Amoré-Sänger Jeremy Bolm, der seine tiefsten Dämonen immer dann am besten teilt, wenn er sie völlig maßlos ohne Schranken vorträgt. Für Joschka ist dabei in allen seinen Projekten, so verschieden sie auch sein mögen, eine Maßgabe ganz besonders entscheidend, die seine Kunst erstaunlich gut auf den Punkt bringt: „Ich möchte, dass meine Musik echt ist. Ich kann es nicht leiden, wenn man etwas nur macht, weil man sich davon Geld verspricht. Andersherum hasse ich aber auch Leute, aus deren Persona die ganze Zeit trieft, dass sie Künstler sind und dass es ihnen so schlecht gehe. Ich glaube zu wissen, was Popmusik kann und was sie nicht kann. Und das finde ich schon ziemlich viel.“