“Musik bedeutet für mich Überlebenstraining” - Einblicke in das Leben eines Basslehrers mit MS

Zwischen Dankbarkeit für die Musik, für die Kolleg:innen und vor allem für die Familie, Kritik am deutschen Künstler:innensozialsystem und einer musikalischen Lebensphilosophie — die bewegende Geschichte eines Musikers mit Multipler Sklerose.
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“MS ist n' Schlag in die Fresse, die Diagnose kann man vergleichen mit: Du kriegst einen mit der Baubohle vor die Schnauze — das Leben ändert sich nicht einfach, es ist im Grunde vorbei. Wenn ein Arzt dir sagt, du hast MS, richtest du dich im Grunde darauf ein, das wars jetzt”, erzählt Peter. Er sitzt im Rollstuhl und hätte aufgrund der Krankheit sein Musikerleben im Grunde aufgeben müssen. Vor der Diagnose sah sein Leben noch ganz anders aus.

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“Ich war freiberuflicher Musiker und nebenbei habe ich an der Musikschule Unterricht gegeben. Um überhaupt über die Runden zu kommen, habe ich vor meiner Erkrankung in mehreren Bands gleichzeitig gespielt und dazu noch Unterricht gegeben. Sonst hätte ich von der Musik nicht professionell leben können. Ich hatte vorher immer eine 2/3 Stelle und daneben meine Gigs. Als ich aktiv war, habe ich ungefähr, je nach Lage, um die 100 bis 150 Gigs im Jahr gespielt. Daneben habe ich immer Unterricht gegeben — das passt auch ganz gut: zu den Zeiten, an denen man Gigs am Wochenende spielt, findet sowieso kein Unterricht statt. Dann fiel ich aus — das heißt nach einem Gig habe ich gemerkt, dass die rechte Hand ausgefallen war. Komplett tot. Kein Gefühl mehr, nix. Daraufhin habe ich trotzdem noch ein paar Gigs gespielt und dann kam raus, dass ich MS habe, multiple Sklerose. Das heißt für mich im Prinzip mit zwinkerndem Auge 'Multo-Scheiße'. Dann war ich in der Reha, hab aber währenddessen noch gespielt. Ging noch für ein Jahr ganz gut, da habe ich noch ziemlich viel gespielt. Das war so Ende 2006. 2007 hab ich auch noch gespielt, wurde dabei aber immer unbeweglicher. Dann konnte ich die Hand nicht mehr heben — da musste dann meine Frau Karin ran.”

Mit der Diagnose wurde also sein Leben als Bühnenmusiker beendet. Sein früherer Lebensinhalt, als Bassist auf der Bühne zu stehen, war nicht mehr möglich. Bis zum allerletzten Ton spielte Peter tapfer weiter — doch irgendwann machten sich seine Bandkollegen Sorgen:

“Karin musste mir helfen, zum Beispiel Bühnenkleidung anzuziehen. Ich hab dann später im Sitzen gespielt, zum Beispiel auf einem Barhocker – sieht sehr leger aus, wenn man das freiwillig macht. Dann habe ich aber gemerkt, dass die Leute um mich rum, die Band, alles vorwiegend Freunde, Angst bekamen. Das kann man sich so vorstellen: Jeder Ton tut dir weh. Richtig weh. Richtig. Du überlegst vor jedem Ton, ob du den überhaupt machst. Ich hab streckenweise beim Spielen geheult. Klingt jetzt doof, aber ich bin da ein bekennendes Weichei. Ich hab auf der Bühne solche Schmerzen gehabt, dass ich teilweise sogar laut geschrien hab. Und dann hat die Karin mir gesagt: 'Pass mal auf, die Jungs kriegen Angst, ob du den nächsten Ton noch spielen kannst.' Das war Anfang 2008. Sie hat gesagt: 'Das ist nichts mehr. Die Leute haben Angst mit dir zu spielen. Lass es.' Daraufhin habe ich gesagt, dass dies mein letzter Gig war. Ende.”

Jetzt muss man sich einmal vorstellen, was das für einen Musiker, der mit Herzblut bei der Sache ist, bedeutet. Für jeden Menschen ist die Diagnose MS eine tiefgreifende Erschütterung in das Leben. Nichts ist, wie es einmal war. Für einen Musiker, der für die Musik lebt und nicht mehr ausüben kann, was er gelernt hat, ist damit quasi alles vorbei. Peter erzählt mir, wie die Krankheit sich bei ihm ausgewirkt hat:

Das ist ja so eine schleichende Sache. Das heißt, erst kannst du noch gehen, dann fängst du an zu eiern: also dein Gangbild wird eirig, du brauchst immer ne Wand oder so, um dich zu stützen, das kann bei MS so passieren. Ich hab Glück gehabt. Es gibt verschiedene Arten von MS, du kannst Sensibilitätsstörungen haben, das heißt, du fühlst nichts mehr. Das habe ich nicht. Ich kann noch spüren, was los ist. Mein Problem ist meine Motorik. Meine Geistigkeit ist noch so, dass die Leute mit mir umgehen können, hoffentlich”, er lacht. “Ganz wichtig, weil ich habe auch schon erlebt, dass die Leute dachten, ich wäre besoffen. Klar, der Musiker trinkt halt. Dabei habe ich für mich entschlossen, dass Drogen und Alkohol mich in meiner professionellen Musik abstumpfen, weshalb ich vorher schon staubtrocken war. Nur die Schüler und Eltern dachten, ich wäre schon nachmittags besoffen, weil ich eben so ging.”

Nach seinem letzten Gig wurde es dann immer schlimmer:

“Dann konnte ich noch ne Zeit lang gehen, Mitte 2008 im Urlaub war Schicht. Da bin ich noch drei Schritte gegangen und dann kam der Rolli. Das ging dann rasend schnell bergab. 2009 konnte ich nicht einmal mehr einen normalen Sportrollstuhl bedienen und brauchte einen, den man mit 'nem Joystick steuern konnte, weil ich die Kraft in den Armen nicht mehr hatte. Das ging so schnell, die Therapeuten haben gedacht, ich bräuchte Psychopharmaka — weil es ganz normal ist, dass Leute in diesem Stadium Depressionen kriegen.”

Allein die Vorstellung, wie es sein muss, die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren und dabei zusehen zu müssen, wie man immer unbeweglicher wird, bereitet eine Gänsehaut. Es ist sehr gut nachvollziehbar, dass man da in Depressionen verfällt. Doch Peter hatte eine andere Herangehensweise als zu Psychopharmaka zu greifen:

“Da kann ich aber eins zu sagen: Musik und die Karin, da brauchte ich kein Psychopharmaka. Mit Meditation und Musik als Lebenselixir, kann man so sagen. Die Musik hat mich gerettet”, er verbessert sich: “Nein, die Karin hat mich gerettet.”

Er muss sofort lächeln, immer wenn er seine Frau erwähnt. Sie habe ihm auf seinem Leidensweg unheimlich viel gegeben und geholfen, wie auch seine zwei Söhne und seine Kollegen:

“Ohne die Karin würde ich wahrscheinlich entweder six feet under sein oder in irgendeinem Pflegeheim vergammeln. Und die Jungs, meine Söhne, Kai und Leon, die haben mir unheimlich geholfen. Und die Kollegen. Die haben mich unheimlich unterstützt und mir ziemlich unter die Arme gegriffen — muss man sagen”, spricht er in tiefer Dankbarkeit.

Das Thema rundet er, typisch Musiker, noch mit einem musikalischen Vergleich ab:

“Meine Krankheit ist ungefähr Highway To Hell. Ich fühle mich wie auf'm Highway To Hell und versuche, durch die Therapie eine Raststätte zu haben, um die Schussfahrt zu bremsen. MS ist 'ne Krankheit, die kannst du in der Regel nicht heilen. Durch die Karin und die Musik kann ich weiter lächeln.”

Einer der dunkelsten Momente für ihn nach der Diagnose, war eine Zeitspanne, in der er von schrecklichen Kopfschmerzen geplagt war und nicht einmal mehr in der Lage war, den Bass in Liedern zu hören. Das war für ihn als Musiker unmöglich.

“Zur Diagnose haben sie mir damals Rückenmarkflüssigkeit abgenommen und mich dabei bewegt, das heißt ich hatte tagelang rasende Kopfschmerzen, Migräne ist nichts dagegen. Und jetzt weißt du ja, ich spiel' Bass”, er korrigiert sich, “...habe Bass gespielt. Ich hatte Kopfhörer, meinen MP3 Player und dachte: 'Jetzt musst du ja irgendwie klarkommen.' Da habe ich die Kopfhörer aufgesetzt, Red Hot Chili Peppers angemacht — und keinen Bass gehört. Keinen Bass. Durch die Rückenmarksspritze ist das geschehen. Das wusste ich aber nicht. Das heißt du kriegst gesagt: 'Alter, du hast MS, richte dich darauf ein, das war es jetzt.' Und dann hörst du auf einmal keinen Bass mehr. Da hab' ich gedacht: 'Das kann doch wohl nicht wahr sein'. Ohne Karin und ohne zwei sehr gute Freunde von mir hätte ich damals eigentlich den Löffel abgegeben. Durch diese psychologische Unterstützung sitze ich jetzt noch hier”, erzählt er bewegt. Ein Glück, dass dieser Zustand nur vorübergehend war und er bald wieder in der Lage war den Bass in der Musik zu hören, denn ohne die Musik hätte er wohl nicht weitermachen können. Welche Rolle die Musik für ihn letztlich spielt, in einem Leben, in welchem er tagtäglich der Krankheit ausgesetzt ist, kommt im Interview immer wieder zum Vorschein:

Die Einschränkungen sind scheiße. Wenn ich zum Beispiel keine Rückenlehne habe, kipp' ich einfach nach hinten um. Ich kann gucken, ich kann hören, ich kann fühlen, aber ich kann mich fast gar nicht mehr bewegen. Lesen kann ich zum Beispiel, aber umblättern im Buch, da brauch ich schon Hilfe. Da muss man sich dann was überlegen. Gehen — null Schritte. Gerade stehen, da liege ich waagerecht. Also die ganze körperliche Sache, die ist einfach gequirlte Kacke, so kann man das sagen. Aber Musik, was auch mit M anfängt (wie die Krankheit, unter welcher ich leide), bedeutet Überlebenstraining für mich, das ist so. Bei mir läuft immer Musik, das ist psychisch wichtig für mich. Wie eine Therapie. Je nach Stimmung — man kennt das ja — mal ruhige Musik, mal aggressive Musik, mal richtig aggressive Musik, mal traurige Musik, da ist alles dabei. Das ist im Grunde besser als Chemie. Ich versuche einfach den Tag zu genießen. Durch die Musik und das weiterhin verbunden sein mit der Musik lebe ich.”

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Neben der physischen und psychischen Belastung, die die Krankheit für den Musiker bedeutet, gingen damit auch finanzielle Sorgen einher. Denn das deutsche Versicherungssystem für Künstler:innen birgt in Fällen wie diesem seine Tücken:

“Dadurch, dass ich dann ausfiel, flog ich auch direkt aus der KSK (Künstlersozialkasse) raus. Wenn du kein Geld mehr verdienst, weil du zum Beispiel keine Gigs mehr hast, fliegst du dann in kürzester Zeit raus. Das heißt: du wirst krank, dann gibt's kein Geld mehr, dadurch fliegst du aus der Krankenkasse raus. Das ist auch ein paar Kollegen von mir passiert. Einer hatte einen Schlaganfall und 'Guten Tag!' — ist er auch rausgeflogen. Wenn du nicht mehr genug Geld verdienst, bist du auch kein Künstler mehr — fliegste' raus. Soweit zu der deutschen Versicherungslage für Künstler”, kritisiert der Betroffene. Hier sieht er auf jeden Fall Verbesserungsbedarf, gerade da durch Corona viele Künstler:innen kein Geld mehr verdienen konnten. Wäre nicht sein Job in der Musikschule gewesen, hätte es für Peter und die Musik düster ausgesehen. Und auch die Tatsache, dass er weiter seinen Job ausüben durfte, war keine Selbstverständlichkeit.

“Ich konnte überhaupt nur weitermachen, weil [sein damaliger Chef] mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, weiterhin Unterricht zu geben. Er selber hatte damals 'ne Lehrerin, die nie selber vorgespielt hat. Ich hatte Glück, dass er mir das ermöglicht hat. Er meinte, man kann das ausprobieren: 'Wir checken das und wenn keine negativen Rückmeldungen kommen von Schülern oder Eltern, dann kann man das so weitermachen.' Das war eine Riesensache, die mir quasi den Kragen gerettet hat.”

So begann also sein Leben als Basslehrer, der selber nicht mal mehr in der Lage war, das Instrument zu halten. Zunächst vielleicht eine seltsame Vorstellung für Leute, die es anders kennen. Ich muss aus eigener Erfahrung berichten, dass ich das gar nicht seltsam fand. Ich habe damals in der fünften Klasse bei Peter angefangen und für mich war es ganz selbstverständlich. Wieso denn auch nicht? Er hat ein beeindruckendes musikalisches Wissen, ist lustig, nett, entspannt und kann dir die Töne aus Liedern, die du selber mitbringst, einfach heraushören. Er bringt dir gerne Theorie bei, aber es ist auch kein Problem, wenn du keine Noten lesen kannst. Für mich hätte es keinen besseren Basslehrer geben können. Doch nicht alle Schüler und Eltern haben das so gesehen, wie Peter zu meiner Erschütterung berichtet:

“Ich hatte dann natürlich neue Schüler und deren Eltern und mein Chef meinte einmal: 'Ach übrigens, du siehst, den meisten schlägt das Gesicht erstmal nach hinten weg.' Da sitzt dann so ein Typ und der sitzt im Rollstuhl. Was ist das denn für Einer? Und der soll Unterricht geben? Die Leute sind absolut perplex. Mein Chef hat sie dann immer darauf vorbereitet: 'Der sitzt im Rollstuhl, beißt aber nicht'. Mit sowas kann man nur mit Humor umgehen," ergänzt Peter. "Und nebenbei musste mein Chef auch oft bemerken: 'Ihr braucht keine Angst zu haben, das ist nicht ansteckend.' Das ist interessant, weil ich dachte 'Hä?' - wie kann man denn denken, dass im Rollstuhl sitzen ansteckend sei? Aber es gab tatsächlich Leute, die meinten: 'Oh ja, ein Glück'. Bei den meisten ging es sehr gut, aber ein Teil der Schüler hat sich direkt abgemeldet. Aber der Großteil hat gesagt, der sitzt im Rollstuhl, aber der lächelt noch, der kann ja noch reden — scheint ja nicht ganz so doof zu sein. Und wenn's um Musik geht, kann ich lange erzählen.”

Trotz der Umstände konnte Peter mit seinem Bassunterricht viele angehende Bass-Spieler von dem Instrument überzeugen, wie ich selber erleben durfte. Das Lebensgefühl, was er selbst mit der Musik verbindet, ist auch seine Quintessenz für das Lehren der Musik:

“Letztendlich versuche ich eigentlich nur die ganze Zeit, Wissen zu vermitteln und vor allem den Spaß am Instrument. Es gibt Lehrer, die sagen: 'Du kannst keine Noten, dann kannst du auch nicht spielen.' Ich hab' das zwar alles gelernt, aber ich hab' im Studium auch gelernt: Wer zu sehr an Noten klebt, der macht keine Musik. Die Leute, die nur in die Noten starren, denen fehlt der musikalische Antrieb bei der Sache. Überleg dir mal Stevie Wonder, der ist blind, spielt aber wie ein Gott. Jimi Hendrix kann keine Noten... Viele [bekannte Musiker], die keine Noten brauchen. Noten sind für Profis 'ne Erinnerung, um schnell neue Stücke zu spielen. Ansonsten sind Noten nichts anderes als 'ne externe Festplatte ... Ja, ich weiß, dass das sehr umstritten ist unter der Lehrerschaft, aber ganz ehrlich: Deswegen sage ich auch nie, dass ich Lehrer bin. Ich bin Musiker. Ich vermittle ein paar Tricks und Abkürzungen und versuche, Spaß zu vermitteln. Weil, wenn Musik keinen Spaß macht, warum machst du sie dann?

Mit dieser Einstellung lebt und lehrt Peter und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zwei seiner ehemaligen Schüler hat er derart überzeugt vom Bass-Spielen, dass diese jetzt beispielsweise seine Schüler:innen an der Musikschule übernehmen:

“Die Schüler lernen als erstes: a) es macht Spaß, b) im Gegensatz zur Klassenarbeit: keine Sau übt, c) kann ich nicht, gibt's nicht: Es wird vorgesagt und abgeguckt, gecheated, und es wird nicht gelangweilt. Und auf die Weise kommen wir weiter. Also ich nicht mehr, aber die. Die besten Beispiele dafür sind zwei Ex-Schüler von mir, die jetzt als meine Nachfolger an der Musikschule unterrichten. In dem Augenblick kann ich nicht mehr auf mich selber stolz sein, aber auf das, was meine Schüler an Musik machen. Da kann ich dann stolz sein und sagen: 'Da sind ein paar Leute, denen macht Musik wirklich Spaß.' Das ist im Grunde so dieser kleine Strohhalm, an dem ich mich festklammer.

Auch wenn er nicht mehr selber vorspielen kann, schafft Peter es, vielleicht auch gerade wegen der Krankheit, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohlfühlen kann. Das erklärt er so:

“Ich versuch das auch entspannt zu machen, weil gespannt oder zerspannt bin ich ja schon privat, das brauche ich ja nicht zu vermitteln. Vermitteln kann ich eigentlich nur das Positive, das Freundliche.” Und dass er das hinbekommt, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, wenn ich mich so zurückerinnere.

Peter erklärt, er könne mit der Musik nicht weitermachen, aber er könne sie abstrakt machen. Am wichtigsten dabei ist für ihn, den Spaß zu vermitteln:

“Wenn du Spaß hast, spielst du gerne, spielst mehr, spielst besser. Nicht müssen. Möchten, wollen, können. Du musst nicht der höchste Virtuose sein, um Musik zu machen. Das ist kein Ziel. Ziel ist, mit Musik im Leben glücklich zu sein.

Und dieses Gefühl steht auch in seinem privaten Alltag an erster Stelle:

“Durch meine Krankheit kommst du ziemlich schnell auf den Trip zu sagen: “Ich weiß nicht was mir die Zukunft noch bringt, aber ich lebe jetzt. Heute lebe ich, was später ist, weiß ich nicht. Ich lebe auch nicht in der Vergangenheit. Was ich erlebt habe ist schön, aber jetzt ist dran. Jetzt, wenn wir gleich durch sind, höre ich wieder Musik. Ich kann es für mich genießen und kann versuchen diesen Genuss an andere weiter zu vermitteln. Und ich freue mich über jeden, der da 'ne gute Zeit hat. Angefangen mit mir selber. Pläne — weiß ich nicht. Kann sein, dass ich morgen", er macht eine kurze Pause, dann fährt er fort: "...Was auch immer. Aber heute freue ich mich, dass die Karin da ist, dass wir uns mal wieder sehen, dass ich heute lebe.”

Da kommt seine Frau Karin herein, die ich noch von damals kenne, weil sie immer mal bei den Unterrichtsstunden dabei war und Peter bei verschiedensten Sachen geholfen hat.

“Wir haben's schwer, aber wir haben Disziplin”, wirft sie ein, als sie nach Hause kommt und ins Gespräch mit einsteigt. “Was soll man machen, 'ne?”

Die beiden witzeln herum und man merkt direkt, wie glücklich sie sind, trotz aller Umstände. Und man sieht, wie ein Lächeln sein Gesicht erfüllt, sobald sie hereinkommt. Die Verbundenheit des Ehepaars ist selbst über Zoom fassbar.

Musik als Lebenselixir, als Überlebenstraining, als Strohhalm, an dem man sich festhalten kann. Letztlich als Grund, weiterzuleben — neben Familie und Freunden. Das ist nicht nur für Peter als Musiker möglich. Er zieht den Vergleich zu Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

“Demente reagieren positiv auf Musik, sowohl von der Stimmung als auch Erinnerungen, die wiederkommen können. Oder auch auf Gedichte. Ich bin zwar nicht dement, aber bei mir wirkt es auch.”

Alles in allem lässt sich nach dem Interview sagen, dass Peter wohl den besten Weg gefunden hat, für sich mit der Krankheit umzugehen. Er hat, so gut es eben geht, daran festgehalten, was ihn ausmacht und glücklich macht. Mit Hilfe seiner Familie und seiner Freunde und der Musik hat er die schwierigen Umstände, denen er durch die Krankheit ausgesetzt ist, angenommen und das Beste daraus gemacht. Das konnte er unter anderem auch durch einige Vorbilder aus der Musikgeschichte.

“Dieser eine Sänger von einer amerikanischen Metalband, der rollt im Rollstuhl, nachdem er in LA mit drei Kugeln in der Brust angeschossen wurde, auf die Bühne und singt weiter Metal.” Ich schätze, er meint hier Jeff Becerra und Possessed, der sich nach dem Unfall zunächst zurückzog, aber einige Jahre später trotz Querschnittslähmung weiter Musik machte. “Oder Phil Collins... oder ganz alt aus den 60er Jahren, Small Faces. Der Bassist, Ronnie Lane, der hat damals in den 70ern, 80ern MS bekommen, da waren die noch nicht so weit wie heute — der hat abstrakt auch weiter Musik gemacht. Das sind so Leute, da denke ich mir, wenn die das können, kann ich das auch. Warum soll ich aufgeben, wenn ich noch nicht aufgegeben bin?

Abschließend fasst er noch zusammen, wie er das Ganze sieht:
“Die Musik und dieses Lebensgefühl, das ist geblieben, auch, wenn ich krank bin. Das ist die Hilfe mit der ich weiterlebe. Meine Frau, meine Söhne, meine nähere Umgebung und die Musik. Ich kann Musik als Stimmungs-Aufheller benutzen, tu ich auch. Ich kann sie benutzen, um Leute interessiert zu machen und interessiert zu halten und genau das ist diese Sache: ob ich behindert bin oder nicht — Scheiß drauf!"

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Beim Themenmonat “Musik und Beeinträchtigung” musste ich direkt an meinen ehemaligen Basslehrer Peter Wollek denken, bei dem ich von der 5. Klasse an einige Jahre Bass Unterricht erhalten habe. Der Musiker erkrankte an Multipler Sklerose und wird durch die Krankheit gezwungen, seinen Bass niederzulegen. Doch da die Musik nicht aus seinem Leben zu denken ist, kann er mit Hilfe seiner Kollegen und vor allem seiner Familie, wie er mehrfach betont, weiter mit der Musik verbunden bleiben. Dies hat ihm, wie er selbst berichtet, mehr oder weniger das Leben gerettet. Jetzt kann er sein Wissen und die Freude an der Musik an andere Menschen weitergeben. Ich hoffe, dass dieser Artikel Menschen Mut macht, die ähnliche Schicksalsschläge erlitten haben und bin dankbar für das Interview und die teils sehr intimen Einblicke in die schwierige Situation.