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Mega-Konzert: Leprous, Agent Fresco, Alithia und Astro Saur in Köln

Sa, 04.11.2017 - 11:46
Auch die unerreichbare Toilette des überfüllten Luxors konnte Julius diesen Abend nicht vermiesen: Leprous und Agent Fresco liefern grandiosen Alternative-Prog-Rock aus dem hohen Norden.

Das Kölner Luxor ist ausverkauft. Typischerweise steht der große Tour-Bus direkt davor – es gibt keinen Hintereingang. Vier Bands müssen hier samt Personal und Equipment Platz finden und trotzdem dürfte er nicht so voll wie der Club sein. Das Luxor platzt aus allen Nähten, was nicht zuletzt seiner Architektur geschuldet ist. Der Weg nach vorne ein einziger Schlauch, die Toiletten unmittelbar neben der Bühne. Beim Wasserlassen ist also Taktik gefragt. Kein Wunder, wenn neben den Headlinern, den Prog-Metallern Leprous aus Dänemark nicht nur mit Astro Saur und Alithia zwei hochkarätige Supportbands mit auf Europa-Tour sind, sondern mit „Special Guest“ Agent Fresco auch eine der spannendsten Bands der letzten Jahre. Die Isländer wussten bereits mit zwei Alben voller Prog-Rock zwischen Hardcore, Alternative und Math-Rock zu begeistern und werden sich am heutigen Abend als die heimlichen Helden entpuppen. Aber der Reihe nach.

Punkt 19 Uhr fängt das Trio Astro Saur an und wärmt den Club mit instrumentalem Psychedelic-Prog-Rock auf, repetitiv und mit fiebrigem Stoner-Einschlag. Noch haben sich recht wenige vor die Bühne verirrt. Auffällig ist jedoch bereits jetzt die hohe Anzahl der Agent-Fresco-Shirts. „Ich bin heute aus Mainz gekommen. Aber die fünf Stunden Zugfahrt waren es wert. Agent Fresco halt!“ erzählt mir Jasper vor dem Club. Nach dem Konzert würde er nach Haarlem nach Holland fahren, um sich die Bands noch einmal anzuschauen. „Die kommen eben so selten nach Deutschland!“

Den mit Abstand verrücktesten Auftritt des heutigen Abends liefern ohne Zweifel Alithia ab: Mit sieben Musikern auf der Bühne spielen sie eine wilde Mischung aus klassischem Prog-Rock, Mittelalter-Rock und abgespacetem Hardcore. Als zusätzlichen Gast holen sich die Australier die Sängerin Marjana Semkina der russischen Progger Iamthemorning auf die Bühne, die sich gegenseitig großartig ergänzen. Vor der Bühne treffe ich Agent Fresco, die in den Pausen immer vor ihrem Tourbus stehen, und werde nach einer Begrüßung sofort nach guter isländischer Art von Sänger Arnór Dan Arnarson umarmt. So viel Liebe hatte ich nicht erwartet. Die vier Musiker freuen sich sichtlich auf ihre Show, man merkt ihnen aber die Routine der vergangenen Tage an. Wie alle Bands betreten sie durch den Vordereingang die Bühne und liefern einen unbeschreiblichen Auftritt ab.

Bereits mit dem Debüt „A Long Time Listening“ von 2014, spätestens aber mit ihrem aktuellen Album „Destrier“ bot das Quartett modernen, durchdachten Rock zwischen Prog und Alternative mit mancher Härte und ganz viel Gefühl. Ihren Hang zu ungewöhnlichen Taktarten, Rhythmuswechseln, extrem durchdachten Arrangements und dem stimmungsvollen, hochvirtuosen Einsatz von Klavier zwischen Jazz und Klassik, alles im Überbau eines zugänglichen, stellenweise fast poppigen Formats lebt das Quartett auch auf der Bühne voll aus. Mittlerweile ist es rappelvoll und die Menge zeigt ihre Begeisterung vor, während und nach jedem Song mit frenetischem Jubel – mehr, als man für eine Vorband erwarten würde. Moshpits bilden sich nicht, dafür ist die Musik zu sperrig und die Stimmung eher psychisch als physisch durchdringend. Anders als Agent Fresco: Das charakteristische Zusammenspiel von Schlagzeug und Gitarre sitzt perfekt und auch die Stimme von Sänger Arnason, der immer wieder mit dem Publikum Kontakt aufnimmt und seine Begeisterung kundtut, klingt mit ihren Verzierungen, die sich immer wieder zu eigenständigen, kleinen Melodien entwickeln, unfassbar gut. Wo man glaubt, schon in der Studioversion ihrer Alben hohe Virtuosität zu erleben, wird bei einem Konzert dennoch überrascht: Alles klingt mindestens genauso gut und ist darüber hinaus noch sehr angenehm gemixt. Die Tingeltangel-Bob-Matte von Schlagzeuger Vignir Rafn Hilmarsson ist bei all seiner Bewegung nur noch ein undefinierbares Etwas und auch der Aushilfbassist einer befreundeten Band macht eine gute Figur. Dieser musste für Hrafnkell Örn Guðjónsson einspringen, der in Island geblieben ist und gerade Vater wird, wie wir erfahren. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle. Gitarrist Þórarinn Guðnason windet und wendet sich während des Spielens wie eine Echse. „Anders kann man sich zu der Musik ja auch garnicht bewegen“ sagt eine Stimme neben mir. Eine andere: „Du bist also auch wegen Fresco hier?“

Wie Leprous-Sänger Tor Oddmund Suhrke letztlich in einem Interview erzählte, werden seine Band und Agent Fresco ständig miteinander verglichen. Auf YouTube finden sich unter zahlreichen Videos der Bands Anspielungen aufeinander, was augenscheinlich an den ähnlichen stilistischen Ausprägungen ihrer doch sehr schwer zu kategorisierenden Musik liegt, die in beiden Fällen Anklänge von Prog-Metal, Alternative und Hardcore hat. Dazu erinnern die hohen, virtuosen Stimmlagen der Sänger stark aneinander. Und wie das bei Brüdern im Geiste nun mal so ist, ist ihre Live-Performance ebenso überzeugend.

Leprous haben bereits über 15 Jahre auf dem Buckel, aber gerade erst im August ihr aktuelles Album „Malina“ veröffentlicht. Neben dem beachtlichen Erfolg wusste dies auch musikalisch zu überzeugen und gilt als eines ihrer stärksten bisher, was bei der durchgängig sehr hohen Qualität ihrer Veröffentlichungen etwas heißen will. Die fünf Musiker hüllen sich im Gegensatz zu ihren isländischen Kollegen allerdings mehr in ein atmosphärisches Gewand, schaffen ihrer Musik eine inszenatorische Metaebene. Fast keine verbale Kommunikation mit dem Publikum, viel Nebel, gleißendes Licht von hinten und ihre wie in Trance, aber brillant vorgetragene Performance lassen die Band wie Götter erscheinen und unterstreicht damit ihre Stellung als Headliner und untermalt absolut stimmig die Aussage ihrer Musik.

Am Ende ist das Luxor dann doch zum Brechen voll. Ein breit gebauter Mann versucht, sich durch die Menge zu drängeln. „Keine Chance, Alter“ höre ich aus der Menge. Im Luxor gilt schließlich: Je besser das Konzert, desto unerreichbarer die Toilette.