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Konzertbericht: Sonata Arctica in Bochum

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Mi, 03.04.2019 - 16:41
Sonata Arctica begeben sich mit den Kaliforniern Witherfall auf die „Acoustic Adventures“ und bereisen dabei ganz Europa. Beide Bands präsentieren ihre eigentlich härteren Klänge im akustischen Gewand und sorgen in der Bochumer Christuskirche für einen humorvollen Abend, der allen Beteiligten lange in Erinnerung bleiben wird.

15 Shows in 16 Tagen und über den gesamten Kontinent verteilt haben Sonata Arctica und Witherfall bereits hinter sich, als Witherfall die für Metalbands zugegeben ungewöhnliche Bühne der Bochumer Christuskirche betreten. Die Band nimmt vor dem steinernen Altar, auf dem die Heilige Schrift aufgestellt ist, auf einfachen Stühlen Platz. Am rechten Bühnenrand steht ein großes Kreuz. Die Christuskirche ist eine etwas andere Konzertlocation. Das Publikum sitzt auf Holzbänken, einige wenige auf ergänzenden Stühlen. Was auf den ersten Blick nach einem Gottesdienst aussehen mag, ist der letzte Abend der „Acoustic Adventures“, einer Akustiktour zweier Bands, welche sich normalerweise viel härteren Klängen widmen.

Die Kalifornier Witherfall gehen die Sache locker an, bringen Wassermelone und eine Wasserpistole für Kleinkinder mit auf die Bühne. Warum sie das tun, bleibt vorerst ein Rätsel. Was die Band aus ihren Songs macht, gleicht großer Kunst und lässt nicht darauf schließen, dass hier eine Metalband auf der Bühne sitzt. Der Sound setzt sich aus zwei Akustikgitarren, Bass, Keyboard und der vielfältigen Arbeit des Perkussionisten zusammen. Er verleitet dazu, die Augen zu schließen und zu lauschen. Keiner der Zuhörer steht auf. Jeder sitzt wie gebannt auf seinem Platz und saugt die Klänge auf, die die Reise mit sich bringt, auf die Witherfall jeden einzelnen Gast gerade mitnehmen.  Aus diesem Zustand werden alle unvorbereitet herausgerissen, als Sonata Arcticas Frontmann Tony Kakko mit einer elektrischen Zahnbürste im Mund vor der Bühne auftaucht und schallendes Gelächter in der Kirche ausbricht. Auch den sichtlich überraschten Musikern auf der Bühne steht ein breites Grinsen ins Gesicht geschrieben. Beide Bands leben augenscheinlich die Tradition, zum Tourabschluss zu Scherzen aufgelegt zu sein. Kaum ist Tony unter Applaus wieder verschwunden, geht die Reise noch eine gute halbe Stunde weiter. Sänger Joseph Michael bekommt von der Crew kurz vor dem Ende der Show eine Prinzessinnenkrone aufgesetzt und wirft diese anschließend entsetzt, aber lachend wieder weg. Ansonsten bleibt der Auftritt scherzfrei. Witherfall werden vom Bochumer Publikum lautstark verabschiedet und man merkt dem Applaus an, dass dieser Auftritt einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Witherfall

Noch lauter fällt der Empfang für die Headliner des heutigen Abends aus. Sonata Arctica wundern sich bereits beim Betreten der Bühne über so viel Liebe, die ihnen Bochum ohne einen einzigen gespielten Ton entgegenbringt. Sonata Arctica nehmen ihren Songs aus 23 Jahren Bandgeschichte teilweise das Tempo, schaffen durch die akustischen Interpretationen völlig neue Rahmenbedingungen und Songs, sie machen diese durchaus kirchentauglich. Es ist kaum verwunderlich, dass Fans aller Altersklassen an diesen Werken Freude finden und in der Christuskirche vom Kleinkind bis zu seinen Großeltern heute Abend alles vertreten ist. Während sich Sonata Arctica an ihren bekannten Songs wie „Only The Broken Hearts (Make You Beautiful)“, „Fullmoon“, „Letter To Dana“, „Black Sheep“ oder „Flag In The Ground“ entlang hangeln, animiert Tony Kakko das nach wie vor sitzende Publikum immer wieder zum Mitklatschen, Mitsingen und Mitmachen. Das klappt auch in einer Kirche und ihrem Zwecke entsprechend genutzten Holzbänken richtig gut, sodass dauerhaft richtig gute Stimmung bei Band und den Fans herrscht, die Tony mit seiner sympathischen Art zwischen den Titeln aufrecht zu erhalten weiß. Er erzählt Geschichten, wie die, als er sich beim Sport verletzte und nicht das Haus verlassen konnte. Da er in dieser Zeit „Letter To Dana“ schrieb hat er einen guten Rat für alle Anwesenden: mehr Sport zu machen. Nachdem alle Bandmitglieder erzählen dürfen, welches ihr erstes Auto war, schlägt er die Brücke zum folgenden Titel „Paid In Full“, denn vor allem das erste Auto lässt sich eben meistens in einer Summe zahlen. Hier macht sich Drummer Tommy am beliebtesten in Bochum. Sein erster Wagen war ein Opel. Aber Sonata Arctica können es auch gefühlvoll: „Tallulah“ lässt die Menge zum Chor mutieren, während Tony sein Herz ausschüttet. Die erste Zugabe „Victoria's Secret“ präsentieren Tony und Gitarrist Elias zu zweit mindestens genauso emotional. Ausklingen lassen die Finnen ihren Tourabschluss mit dem Song „The Wolves Die Young“, bei dem noch einmal alles drunter und drüber geht. Witherfall mischen sich ein, bringen erneut die Wassermelone auf die Bühne, spritzen mit ihrer Wasserpistole Wein in die Münder der Musizierenden und alle Musiker haben sichtlich Spaß zusammen.

Unter dem Strich haben beide Bands vor allem eines: unterhalten. Unterhalten durch Musik für die Ohren und für die Augen. Durch emotionale Momente und die des tosenden Gelächters. Es gelingt Sonata Arctica auch nach 23 Jahren musikalischen Schaffens nach wie vor, neue Ideen umzusetzen und Menschen zu begeistern. Besser können die Finnen die Weichen nicht stellen. Im Laufe des Jahres erscheint ihr zehntes Studioalbum, und damit einhergehend hoffentlich die Rückkehr auf die Bühnen dieses Kontinents.

Tony Kakko während Witherfall