Unter dem Radar #26: Unbite

Mit ihrem ungehobelten Noise-Rock würde man die drei Mitglieder von Unbite eher in einem schmuddeligen Underground-Schuppen in Seattle vermuten, als im unaufgeregten Schwabenländle, aber wie so oft trügt der Schein. Wir haben Daniela und Helge von Unbite zum Interview getroffen.
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Heimat: Stuttgart

Genre: Noise-Rock

Bisher veröffentlicht: “Merge” EP (2019), “Fang” (2020)

Für Fans von: Metz, Young Windows

Die drei Mitglieder von Unbite, Daniela (Bass, Vocals), Helge (Drums) und Basti (Gitarre) waren schon seit geraumer Zeit in der Stuttgarter Noise-Rock-Szene unterwegs und tourten auch mit diversen Bands bereits durch die Republik, bevor sie schließlich mit Unbite eine neue musikalische Heimat fanden. Daniela und Helge spielten bereits zusammen in der Band Buzz Rodeo, später kam Gitarrist Basti dazu und die drei bildeten Unbite. Ihre Debüt-EP “Merge” veröffentlichten sie 2019 selbst, das 2020er-Album “Fang” erschien schließlich über das polnische Label Antena Krzyku.

Mit ihrer musikalischen Verneigung vor dem roughen Punk- und Hardcore-Sound der 90er reihen sich Unbite hinter Genre-Veteranen wie Metz ein, ergänzen die Dosis aus schroffen Gitarrenwänden und kryptischen Texten allerdings noch um einen melodischen roten Faden. Der war für Helge auch auf dem letzten Metz-Album eine willkommene Neuerung, wie er im Interview erzählt: “Bei den ersten beiden Platten bekomme ich dann auch schnell Kopfschmerzen.” Akutes Kopfschmerzrisiko besteht beim Hören der Musik von Unbite definitiv nicht, auch wenn “Fang” über seine knapp 30 Minuten Spielzeit eine beeindruckende Kulisse aus knurrigen Bässen, schmetternden Drums und überlebensgroßen Gitarrenwänden aufbaut. “Mit dem Album sind wir vielleicht wieder in die Noise-Rock-Schublade reingerutscht,” bemerkt Daniela mit einem Lächeln, nachdem die 2019 erschienene EP “Merge” mit ihrem aggressiv punkigem Songwriting noch ein bewusster Ausbruch aus den Genre-Grenzen war. Das Intro zum Opener “Empty Head” erinnert beispielsweise mit seinem inbrünstigen Drum-Intro fast schon an einen Rage-Against-The-Machine-Song.

Wie der kurze Veröffentlichungszyklus von gerade mal anderthalb Jahren zwischen EP und Album zeigt, sind Unbite eine sehr produktive Band. Beide Releases wurden innerhalb weniger Tage aufgenommen. “Wir gehen eigentlich fertig ans Mikro,” erzählt Daniela. Dass die drei Musiker:innen grundsätzlich immer live und mit allen im Raum aufnehmen, trägt ebenfalls zur Beschleunigung des Aufnahmeprozess bei. Die drei sind aber nicht nur was die Aufnahme angeht sehr Hands-on, sie tragen den DIY-Spirit auch außerhalb der Musik stolz zur Schau. Daniela produziert und schneidet die Musikvideos und hat schon in diversen Stuttgarter Clubs Konzerte veranstaltet, Gitarrist Basti macht das Layout für die Plattencover, Helge macht den Vertrieb der Tonträger. Auch die (hoffentlich) im Oktober stattfindende Tour mit der österreichischen Band Bug haben Unbite komplett in Eigenregie gebucht.

Auf der machen die drei unter anderem in Zagreb und Linz halt. Anders als viele deutsche Künstler:innen, die sich oftmals auf das Triplett Deutschland, Österreich, Schweiz beschränken, waren Daniela und Helge schon auf dem ganzen Kontinent unterwegs. Beim Gedanken daran beginnt Daniela davon zu schwärmen, wie unterschiedlich die Leute in den verschiedenen Ländern sind: “Ich bin großer Fan des französischen Noise-Rock Publikums. Da sind dann vielleicht nur 15 Leute, aber die stehen dann auch direkt vor deiner Nase und springen dir schon ab dem zweiten Takt ins Brett.” Da sie selbst sowohl schon viele Konzerte gespielt als auch veranstaltet hat, kennt Daniela beide Seiten des Alltags und weiß, wie schwierig Booking (und auch gebookt werden) sein kann: “Mein Traum wäre es, wenn ich einfach in einem Laden anrufen und fragen könnte: ‘kann ich dann und dann bei euch auftreten?’, und die sagen: ‘Klar kein Problem, komm vorbei!’”

Steht man als Band doch mal vor einer Aufgabe, die man selbst nicht lösen kann, fragt man eben andere Künstler:innen. So geschehen bei beiden Cover-Artworks der Band. Das Artwork zu “Merge” stammt von einem amerikanischen Comiczeichner, der so begeistert von der Musik war, dass er den dreien das Bild für einen sehr günstigen Preis überließ. Hinter dem Hund, der auf dem “Fang”-Cover nach einer Handgranate schnappt, steckt die Londoner Künstlerin Joni Belaruski. Beide hat Helge auf Facebook entdeckt und kurzerhand angeschrieben: “Ich stelle immer wieder fest, dass man sich einfach trauen muss Leute zu fragen.” Belaruskis Bild inspirierte auch das Wortspiel im Albumtitel “Fang” (engl. Reißzahn).

Die beiden Musikvideos zu “Windshield” und “Baby Dragon” stammen aus der Feder von Daniela. Für das letztere hat die Band die grün gestrichene Wand in Danielas Küche als Greenscreen benutzt und in der Postproduktion allerhand absurde Effekte mit eingebunden. Der im Titel erwähnte Cartoondrache ist ein rechtefreies Stockfoto aus dem Internet, dass der Tonmann der Band zufällig und unabhängig vom Video auch auf der Wade tätowiert hat. Das Video zu “Windshield” kommt dagegen wesentlich düsterer daher. Ein Livemitschnitt der Band wird immer wieder gegen geschnitten mit Aufnahmen diverser Proteste. “Wir sind eine politische Band, aber die Themen sind meine Themen,” antwortet Helge, der primäre Texter des Trios, auf die Frage nach politischen Statements in der Musik von Unbite: "Das schwankt zwischen politischen und persönlichen Sachen und Nonsense wie Baby Dragon.” Auch wenn Sängerin Daniela die Texte der Songs nicht selbst schreibt, fühlt sie sich ihnen emotional sehr verbunden, reflektiert sie im Gespräch: “Ich feiere die Texte total und es ist schön, dass das so funktioniert.”

Neben Danielas Gesang finden sich in den Songs von Unbite auch immer wieder Samples - ein eher ungewöhnliches Feature für eine Noise-Rock-Band, ist die Produktionstechnik doch eher im Hip Hop zuhause. Daniela und Helge sind beide große Filmfans und bauen Tonschnipsel ihrer Lieblingsstreifen gerne in ihre Songs ein. So findet sich auf dem Album ein Brad-Pitt-Zitat aus Terry Gilliam’s Kultfilm “12 Monkeys”, und auf dem nach ihr benannten Track auf der EP verneigt sich die Band sinnbildlich vor Daphne Oram. Diese war eine Toningeneurin, die schon in den 30er-Jahren mit Audioloops und elektronischen Soundgeräten experimentierte.

Wie diese kleinen Details beim Publikum ankommen, konnte die Band bisher noch nicht herausfinden. Da das Album erst im September 2020 - also mitten in der zweiten Welle der Coronapandemie - releast wurde, hatte das Trio noch keine Gelegenheit, die Platte live zu reproduzieren. Trotzdem ist Helge zufrieden mit dem Release, auch wenn es natürlich schmerzt, die neuen Songs nicht direkt live spielen zu können: “Wir haben viele schöne Besprechungen bekommen und auf den sozialen Medien gab es auch gutes Feedback.” Mit der kommenden Tour können Unbite ihr Album dann auch endlich live unter die Leute, und die PA der Konzertlocations wieder mal so richtig an ihre Grenzen bringen.