OG Keemo und “Fieber”: Werkschau

Der Beste zu sein ist schwer. Ständig schlagen einem Erwartungen entgegen, die einen wollen was neues, die anderen mehr vom selben, wieder andere wollen ein diffuses Gefühl von “früher” zurück. OG Keemo schafft es mit seinem neuen Mixtape, all diese Ansprüche an sich abperlen zu lassen. Zumindest teilweise.

Mixtape ist an der Stelle ein nicht unwichtiges Stichwort. Denn “Fieber” ist eben explizit kein Album, sondern ein Tape. Damit kommen im Rap historisch andere Herangehensweisen, Umstände und auch Ansprüche. Weniger duchkonzeptionalisiert, mehr aus dem Moment. Wären Bring Me The Horizon eine Rap-Crew, wäre “Sempiternal” ein Album und “amo” ein Mixtape. Also vielleicht, you never know bei Bring Me The Horizon… So viel jedenfalls zum Thema Mixtape. Zumindest den Punkt, dass ein Tape eher eine Momentaufnahme eines/r Künstler:in ist, scheint OG Keemo mit “Fieber” zuzustimmen. Das lässt sich zumindest den Lyrics zum letzten Track der Platte “3 Ringe – Outro” entnehmen:

Sie meint: „Karim, wieso ist das Tape nicht deep?“ / Das ist wie ein Reboot, ich muss wieder lernen, wie man Musik liebt. 

Die Erwartungen machen dem Mannheimer Rapper offenbar mehr zu schaffen, als er während des restlichen Tapes durchblicken lässt, doch damit, es nicht allen recht machen zu können, hat Keemo sich scheinbar abgefunden:

Es nicht allen recht zu machen ist ein Preis, den ich doppelt zahl'

Vorwort-Fans hab'n kein'n Bock auf ignoranten Shit

Moshpit-Fans woll'n Geist zurück, die anderen woll'n was Langsames

Trolls hör'n Mann beißt Hund nur bis Anfang und finden's langweilig

Doch hätten besser nicht auf den Termin beim Arbeitsamt geskippt

Mein N*gga, wie viel krasser kann das hier werden?

Und das ist eine durchaus berechtigte Frage, denn das hier, “Fieber”, ist ziemlich krass. Allein in Sachen Flows, Sprachakrobatik, lyrischer Finesse und Produktion bewegt sich OG Keemo, der auch auf dieser Platte wieder mit seinem Freund Funkvater Frank zusammenarbeitet, in ganz anderen Sphären als ein großer Teil seiner Konkurrenz.

Auch wenn die insgesamt 19 Tracks auf “Fieber” inhaltlich längst nicht so sehr ineinander greifen wie noch auf “Mann Beisst Hund”, zieht sich doch ein roter Faden durch den Sound des Mixtapes. Das “Fieber”-Sample, das bereits die erste und namensgebende Single ziert, taucht über den Kurs der Platte mehrfach wieder auf. Im Unterton suggeriert das Tape so eine hochinfektiöse neue Musikkrankheit. Wenn das “Fieber” dich packt, hilft auch keine Impfung. Zum ersten Mal hören wir als Zuhörende dieses “Fieber” im Intro “Konsil”, das wiederum ein Patientengespräch beschreibt. Ziemlich viel Konzept für ein Mixtape also. Auch darüber hinaus wirkt “Fieber” sehr aus einem Guss. Oft besinnen sich Keemo und Funkvater auf jazzige Instrumentals, die sich mit wuchtigen Bässen abwechseln. Die großen Banger-Hooks á la “Geist” oder “Big Boy” bleiben dabei aus, stattdessen steht das Spiel mit der Sprache hier häufig im Vordergrund, und “Fieber” enthält ein paar der kreativsten Lines aus Keemos Karriere.

Unterstützung holt er sich dafür bei zahlreichen Feature-Gästen. Alte Szene-Hasen wir RIN und Shindy, bekannte Gesichter wie Ramzy und Souly und gefeierte Newcomer wie Levin Liam, der auf “Bee Gees” das Spotlight des Songs komplett an sich reißt. Sowohl Funkvater Frank als auch Keemo selbst beweisen hier mal wieder ein exzellentes Gefühl für den Zeitgeist, ohne sich anzubiedern. “Fieber” ist zu jeder Sekunde ganz offensichtlich eine OG-Keemo-Platte, klingt gleichzeitig aber trotzdem komplett anders als die bisherigen Veröffentlichungen. Natürlich gehören dazu auch wieder zahlreiche Vergleiche zu Personen, die Keemo bewundert oder mit denen er sich solidarisiert. Das sind auf diesem Tape nicht mehr die Filmlegenden wie Heath Ledger oder Denzel Washington, sondern vor allem Sportler. Manu Ginobili, Erling Haarland, der frisch gebackene Basketball-Weltmeister Dennis Schröder und Keemos ewiger Lieblingsvergleich: Kobe Bryant (vornehmlich die Version von ihm, die seinen dritten Championship-Ring gerade in der Tasche hat).

Auch wenn “Fieber” nicht mehr der Deep Dive in das Innenleben eines Künstlers ist, den uns Keemo mit seinen beiden Alben gewährt hat, platt ist das Tape auf keinen Fall. Es fehlt nur eben immer öfter dieser doppelte Boden, der “Geist” und vor allem auch “Mann Beisst Hund” so spannend gemacht hat. So bleibt am Ende ein Tape, das zwar unglaublich viel Kreativität und handwerkliches Können zur Schau stellt, aber inhaltlich außer Prahlereien und teilweise argen Objektifizierungen nicht besonders viel bereit hält.

Fazit

6.9
Wertung

Musikalisch ist dieses Tape ein ganz neues Kapitel für den spannendsten deutschen Rapper der letzten Zeit, und auch dieser ganzen Wortjonglage, die Keemo auf “Fieber” abzieht, kann ich durchaus was abgewinnen. Aber am Ende ist es, wie OG Keemo selbst sagt: “„Vorwort“-Fans hab'n kein'n Bock auf ignoranten Shit”. Lust auf mehr davon habe ich nach “Fieber” trotzdem.

Kai Weingärtner