Kapelle Petra und "Hamm": Die Melancholie der Generation X

Die Indierock-Band Kapelle Petra veröffentlicht mit ihrem neunten Album „Hamm“ nicht nur ein klares Bekenntnis für das Leben, so wie es ist, und eine Hommage an das Leben in ihrer gleichnamigen und kaum beachteten Ruhrpott-Heimat Hamm, sondern liefern der Generation X und allen anderen Menschen einen Soundtrack und einen Flashback, der Melancholie erzeugt.

Im Jahr 1997 haben Kapelle Petra mit ihrem Debüt „Felsen“ die Türen der Musikwelt für sich aufgestoßen und geben den Hörenden seit nunmehr 27 Jahren das Gefühl, verstanden zu werden. Dabei bildet das Album „Hamm“, wie die Stadt selbst, einen Knotenpunkt, der in verschiedene emotionale Richtungen führt: Schwermut, Hadern, Hoffnung oder der Wunsch, alles „Auf Null“ zu setzen.

Von Beginn wartet die Band mit einem Indie-Sound auf, der zwischen Pop und Rock hin und her mäandert. Gitarre, Bass und Schlagzeug, mehr benötigen Kapelle Petra nicht, um einen Sog zu erzeugen, der die Hörenden tief in die Musik hineinzieht. Und wenn sich mensch in ihr verliert, dringen die so nach Alltäglichkeiten klingenden Texte in den Kopf und erzeugen ein Gefühl, als ob das eigene Leben die Blaupause für den Songwriter der Band Guido Scholz war. Er verzichtet bewusst auf verklausulierte Texte und Botschaften, denn der klare Aus- und Rückblick auf die aufgegriffenen Lebenssituationen, ermöglicht es, sich wiederzufinden. Kapelle Petra haben sich noch nie als politische Band gesehen. Auch „Hamm“ schlägt nur versteckt gesellschaftskritische Töne an, macht aber deutlich, dass ihre Lieder "Nicht für böse Menschen" geschrieben werden.

Die Texte der Band setzen den Fokus auf die Widrigkeiten des Lebens, die scheinbar fortwährend bedrohliche Schatten auf unsere Existenz werfen und wollen das Leben zurück ins Licht holen. Bereits der Opener „Mittelmäßiges Leben“ vertreibt die Gespenster und erzeugt tiefe Erleichterung, denn genau diese Mittelmäßigkeit, erlaubt es dem Menschen unbekümmert sein Leben zu führen. „Nicht alleine“ trägt diese spürbare Erleichterung weiter, weil es anderen Menschen im Guten und Schlechten genauso wie allen ergeht.

Guido Scholz (Gitarre, Gesang), Rainer Siepmann (Bass, Gesang) und Markus Schmidt (Schlagzeug) sind Kinder der Generation X. Somit darf mensch bei den Liedern „Es war nicht alles schlecht“, „Auf Null“ und „Freibad Pommes“ autobiografische Anleihen vermuten. Gerade bei letztgenanntem Lied wird mensch an die eigene Freibad-Jugend erinnert und der Geruch von Pommes Rot-Weiß manifestiert sich.

Scheinbar trivial setzt sich die Band mit unserer, den Alltag bestimmenden Unentschlossenheit („Zwischending“) und Hektik auseinander und stellt stellvertretend für alle die Frage, „Wann ist wieder Samstag“? Aber die Trivialität weicht der erschütternden Erkenntnis, dass das Leben der meisten Menschen genauso verläuft.

Das Album entlässt mit „Hör nicht auf“ und „Niemand ist schöner als du“ die Hörenden mit so wohltuenden Botschaften, dass mensch am liebsten sofort in den Zug steigen möchte, natürlich steigt mensch an diesem auf dem Cover abgebildeten Bahnhof in Hamm aus, um die Band und besonders Texter Guido Scholz tränenreich und unendlich dankbar in den Arm zu nehmen.

Diskografie
  • 1997: Felsen
  • 2002: Schrank (ohne Label)
  • 2008: Stadtranderholung (Skycap)
  • 2010: Ramba Zamba und Ruck Zuck 
  • 2013: Internationale Hits (Skycap)
  • 2016: The Underforgotten Table (Skycap)
  • 2019: Nackt (OMN Label Services)
  • 2021: Die vier Jahreszeiten (Konzeptalbum aus vier EPs, Gute Laune Entertainment)

Fazit

9
Wertung

Kapelle Petra haben mit „Hamm“ ein generationsübergreifendes Indie-Rock-Werk geschaffen, welches nicht nur meiner Generation X ein Gefühl vermittelt, auch in heutiger Zeit noch verstanden zu werden, sondern gleichzeitig sind Songs enthalten, die in ihrer wichtigen Alltäglichkeit allen Menschen, außer den bösen, Verständnis entgegenbringen. Auch wenn in den Texten viel Schwermut zu finden ist, tragen die Lyrics und der Indie-Sound, der sich auch nach 27 Jahren immer noch frisch anhört, mich empor, befreien bei mir Empfindungen und Einsichten, die schon viel zu lange auf einem viel zu wenig beachtetem Bahnhof warteten.

Frank Diedrichs