Kaffkiez und Ekstase: Indie-Poesie

Kaffkiez sind der "neue" Stern am deutschen Indiehimmel - und das vollkommen zu Recht, wie sie mit ihrem neuen Album "Ekstase" wieder beweisen.

Schon in den Singles hat sich angedeutet, wofür das Album steht: Groovige Gute-Laune-Musik, die zum Mittanzen einlädt, oft dazu konträre, tendenziell negative und tiefgründigere Texte übers Verlassen werden, die Quarterlifecrisis oder gleich der Zustand der Menschheit. "Sommer mit dir" als Singleauskopplung hat aber auch die andere Seite angekündigt, die das Album komplettiert: Emotionale Texte, die tief blicken lassen über sentimentaler Musik, die Sperling und Co in wirklich gar nichts nachsteht. "Sommer mit dir" erzählt vom letzten wunderschönen Sommer mit einem geliebten Menschen, der verstorben ist - Zeilen wie "Das Leben ist ein Spiel, doch ich wollt' nie verlieren" oder "Und jetzt steh ich hier vor einem grauen Stein und wir schweigen uns seit langen Stunden an, ich würd dir so viel erzählen, doch das Schweigen macht mir Angst" beweisen die mitunter poetische Qualität, die das Texterteam aus Johannes, Johannes und Johann (kein Witz) ausmacht. Johannes' (also einer von denen halt) kraftvolle und emotionale Stimme wird nur von sanften getragenen Klavierklängen und ganz vorsichtigen Trommel- und Beckensounds untermalt. 

Der Song sticht aus den sonst so fröhlich klingenden Liedern als (subjektiv) mit Abstand stärkster heraus und hat irgendwie wie das Tor zur Emotionalität aufgestoßen - denn auch mit "Zum ersten Mal Nice", "Zeit" und "Wie du lachst" liefern die Rosenheimer ruhigere Titel mit. Zwar ist das jetzt keine komplett neue Richtung - auf "Alles auf Anfang" von 2022 gab es bspw. "Ohne Euch", aber die Titel auf „Ekstase“ betreten definitiv ein neues Level. Den Sound, für den sie vor allem bekannt sind und der komplett in die Indiepop/-rock-Schiene fällt, haben sie aber natürlich nicht zurückgelassen und der kommt auf "Ekstase" extrem stark zurück. 

Und tatsächlich ist kein einziger der so positiv klingenden Songs textlich wirklich positiv - zum Glück, möchte man fast meinen, wenn man sich die sonst so "Friede-Freude-Eierkuchen"-Popwelt anschaut. Diese Ambivalenz zwischen Text und Musik ist vielleicht auch das Alleinstellungsmerkmal im Indie-Sumpf – und wurde schon bei älteren Songs wie "Oh Wien" oder "Du bist Schuld" geliebt. 

Kaffkiez sprechen in vielen Texten für eine gesamte Generation und treffen den Nagel meist ziemlich exakt auf den Kopf. "Ich bin Mitte 20, meine Eltern war'n das auch, nur hatten die nen Plan und Perspektive oben drauf" aus "Mitte 20" oder "Alles gut, dachte ich zumindest mal, ehrlich gesagt, dachte ich das als Kind das letzte Mal" im Weltschmerz-Song "Galaxis" verpackt die Angst einer ganzen Generation so on point. Und das einfach in tanzbar. Von wegen lasst uns die Welt kurz ausschalten, ohne wirklich ignorant wegzuschauen - lasst uns die Probleme dieser Welt oder auch persönlichen Schmerz nicht aus den Augen verlieren und trotzdem irgendwie LEBEN. 

Und das ist so wertvoll.

Fazit

9.6
Wertung

Kaffkiez finden einfach wie kaum eine Band im deutschsprachigen Raum Worte und Klänge für das, was in uns vorgeht, ohne dabei plump oder plakativ zu wirken. „Ekstase“ ist jetzt schon – und es ist ein Januar-Album – ganz vorne, wenn es um die Entscheidung um mein Lieblingsalbum 2024 geht. Ich wüsste wirklich nicht, was da noch groß kommen soll. 

Jannika Hoberg