Hildegard von Binge Drinking und "Echo der Delfine": Songs wie Rutschen

Hildegard von Binge Drinking leben auf einem Spielplatz. Dort toben sie sich aus, hauen in die Tasten, erzeugen Beats und verkleiden Worte in Effekten oder Emotionen. Was dabei herauskommt, ist relevanter als es bis hierhin klingen mag. Die Nonnenkostüme der Band vervollständigen den Wahnsinn.
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Irgendwann müssen wir wohl alle im Hier und Jetzt ankommen. Die Zeit von Hildegard von Bingen (lebte bis 1179 und wird in der römisch-katholischen Kirche als Heilige verehrt) ist längst vorbei. Sie gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Über 800 Jahre sind seitdem vergangen und nun treten Hildegard von Binge Drinking auf die Bildfläche. Kaum denkt man, es müssten doch langsam mal alle zugegebenermaßen kreativ großartigen Bandnamen ausgelutscht sein, kommt jemand Neues um die Ecke und legt die Messlatte noch einmal ein paar Zentimeter nach oben. Das Duo aus Würzburg tritt dabei stilecht in Nonnenkostümen in Erscheinung und bringt Musik auf den Markt, die genauso gut als Mystik durchgeht wie alles, was die gute Hildegard damals so beschäftigt haben wird. Alle Angaben ohne Gewähr.

Auf "Echo der Delfine" entführen Hildegard von Binge Drinking in ihre ganz eigene Welt, die mit elektronischen Klängen und bestimmenden Drumbeats durch die Boxen schallt. Dabei muss man sich darauf einstellen, dass sich von hier oft beschriebenen klassischen Songstrukturen ("Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Refrain, Ende") verabschiedet werden darf. Jeder Titel funktioniert eher wie eine Rutsche, in die man sich oben reinfallen lässt und unten rauspurzelt. Die Rutsche ist der Beat. Links und rechts eckt man immer wieder am Rand an, und es ertönen glasklare, verzerrte oder gebrüllte Worte, die sich zu Lyrics vereinen. Der Grundmix aus Drums und elektronischem Rhytmus wird dabei immer wieder von Effekten, gar kleinen Soli ergänzt. Ein Album wie ein vertonter Trancezustand. Doch diese Trance ist keine Ruhe. Sie ist unruhig, aufgewühlt und doch eine Alternative zur realen Welt.

Hildegard von Binge Drinking sind ein Phänomen. Sie verdienen einen Preis für das Wortspiel ihres Bandnamens und halten der Hörerschaft die große Schwingtür des Klosters auf. "Komm doch rein. Lass dich fallen". Wer das macht, stößt auf ein Album voller Facetten. Auf Klänge, die wabernd die Sinne verführen, die Realität vergessen machen. Es bietet sich an die Augen zu schließen und immer wieder Neues zu entdecken, je nach eigener Grundstimmung, je nachdem ob man gerade auf Dieses oder Jenes im Track achten möchte. Fokussiert man sich auf die teilweise vorkommenden Lyrics, verpasst man klangliche Anekdoten im Hintergrund. Genauso kann es andersherum passieren. Die Band nimmt dabei jedoch keine Rücksicht auf Einzelne, sind teilweise penetrant mit Wiederholungen oder Brüllerei, sodass sich jeder seinen eigenen Traum in diesem Album erträumen kann.

Fazit

6.2
Wertung

Ich bin wahrlich kein Synth-Liebhaber. Doch wenn ein Album es schafft, mich in seinen Sog zu ziehen und für kurze Zeit zu entführen, ist es ernstzunehmen. Die als Nonnen verkleidete Band verpackt textlich relevanten Inhalt über Kunst und Gesellschaft in elektronische und drumlastige Klänge. Dabei gibt es viel zu entdecken!

Mark Schneider
5
Wertung

Auch wenn die Platte einem beim Hören sicherlich etwas abverlangt, so schafft sie es doch mit ihren sphärischen Klängen den Hörer/die Hörerin in eine Art Trance zu versetzen. Für Fans des Genres sehr zu empfehlen. Ob es relevante Kunst ist muss jede*r selbst beurteilen, aber es gilt für alle Neugierigen: Es schadet nicht, mal reinzuhören. 

Jan-Severin Irsch