Editorial Juli 2022: Seht her - ein Sommerloch?

Die letzten Sommer waren - trotz verhältnismäßiger Freiheiten zwischen den düstersten Pandemie-Wintern - irgendwie anders als dieser im Jahr 2022. Ist es das Sommerloch, das wieder zurückkehrt? Mal wieder müssen wir uns diesen Monat wohl mit ganz grundsätzlichen Fragen beschäftigen.
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Liebe Leser*innen,

man kann wohl auch mal offen zugestehen, wenn man sich gerade ein wenig merkwürdig fühlt. Ich werde aktuell unglaublich eingenommen von einem Projekt, das gar nichts mit Album der Woche zu tun hat. Dadurch fühlt sich mein Leben voll, erfüllt, aber auch manchmal massiv und so anstrengend an, dass ich kaum noch an etwas Anderes denken kann. Selten fühlte ich mich so beherrscht und vollgepackt und insofern scheint auch dieser Sommer für mich in einem ganz anderen Licht als in den letzten Jahren - und eigentlich auch in allen Jahren davor. Da habe ich es noch nicht mal geschafft, dieses Editorial rechtzeitig abzugeben und sitze nun um halb 3 Uhr nachts an ein paar Zeilen, obwohl ich in unter fünf Stunden wieder aufstehen muss, es aber vorher einfach kaum hinbekommen habe, mir den Kopf freizumachen.

Trotz allem kann sich mir ein Eindruck nicht erwehren, wenn ich dann doch mal aus der stickigen Tür meines Zweitstock-Bürokabuffs hervorluge: Nicht nur für mich ist dieser Sommer etwas anders. Die Hälfte der Redaktion ist gerade am Husten und Röcheln, vermutlich, weil sie sich bei irgendwelchen plötzlich wieder stattfindenden Riesenfestivals doch mit Corona infiziert haben. Kollege Moritz hat sogar jüngst den CT-Wert-Rekord für Berlin geknackt - man wünscht sich wohl ehrlicherweise, irgendwo anders eine Bestleistung aufgestellt zu haben. Und vor allem bemerke ich bei der Redaktionsplanung das erste Mal seit nunmehr zwei Jahren, dass es plötzlich wieder so etwas wie ein Mini-Sommerloch zu geben scheint. In der ersten Monatshälfte des Julis stellte sich nach langer Zeit mal wieder die verloren geglaubte Ratlosigkeit ein, womit genau ich denn nun meine Kolleg*innen füttern sollte, während alle Bands der Welt munter auf irgendwelchen Open-Air-Bühnen rumspringen und keine Lust haben, Platten rauszubringen. Zum Glück wusste die Redaktion selbst wie immer gut bescheid, wo doch noch ein paar Perlen liegen.

Scharf bin ich persönlich im Juli vor allem auf ein paar Prog-Brocken, die sich so angekündigt haben. God Is An Astronaut haben für alle Nerds der instrumentalen Schiene wieder eine sicher hörenswerte Platte am Start und Snarky Puppy - zu denen ich dank meiner neuen Mitbewohnerin nun endlich auch mal einen Zugang gefunden habe - sind auch wieder mit neuer Musik am Start. Aber auch von den Viagra Boys (Zitat Lucio: "Der schlechteste Bandname der Welt, um Promo-Mails zu verschicken") gibt es diesen Monat wilden Noise-Rock, Dance Gavin Dance stellen die Frage nach Geschmackspolizei oder verstecktem Genie und Imagine Dragons haben hinter den Kulissen schon wieder eine Grundsatzdebatte ausgelöst, wer der versnobteste Musikassi des AdW-Teams ist. Der Juli scheint demzufolge ein Monat zu sein, an dem sich viele Grundsatzfragen stellen. Nicht nur in mir selbst, nicht nur dem ganzen Rest der Musiklandschaft, sondern auch in unseren Texten. Vielleicht ist es ganz passend, dass ich mir diesen Monat noch vorgenommen habe, einen Artikel über Sinn und Unsinn von Musikrezensionen zu verfassen. Gute Güte, was ist das nun wieder für ein Projekt?

Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen in einem hoffentlich erfüllten Sommer!

Jakob für die Redaktion