Konzertberichte: Die Ärzte in Köln und München

Die selbsternannte "Beste Band der Welt" tourt aktuell auf "Buffalo Bill in Rom Tour" durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wir haben die beiden Konzerte in München und Köln besucht und uns angesehen, wie gut Die Ärzte wirklich durch die Pandemie-Pause gekommen sind. Jasmin war dafür in München zu Gast, Mark bereits zwölf Tage zuvor in Köln.

München, 16.06.2022. Donnerstagabend. Die „Beste Band der Welt“ alias Die Ärzte aus Berlin haben sich in der Stadt eingefunden. Angesichts dessen habe ich, Jasmin, mich auf den Weg zum Olympiastadion gemacht. Zwei Stunden vor Einlass befinden sich nur eine Hand voll Leute vor der Location, der harte Kern, der der Band bereits die gesamte Tour nachreist. Ich kann das Stadion vor den restlichen Wartenden betreten, eine beeindruckende Kulisse! Gleichzeitig etwas angsteinflößend, wenn man daran denkt, dass das Stadion bald mit unzähligen Menschen gefüllt sein wird. Als die Schleusen geöffnet werden, müssen die Menschen durch Sicherheitskräfte die endlos lange Treppe hinunter geführt werden, um Unfälle zu vermeiden. Eine sinnvolle Maßnahme, da die ersten Zuschauer:innen anschließend sofort losstürmen um sich die Plätze in den vorderen Reihen zu sichern. Bis zum geplanten Beginn des Konzertes um 19:00 Uhr bleibt den Gästen genug Zeit sich auf die Suche nach den in geringer Anzahl geöffneten Toiletten zu machen. Erschwerend hinzu kommt, dass man jedes Mal diese wirklich lange Treppe erklimmen muss um zu den Toiletten und den Bier- und Brezelständen zu gelangen, an denen man schnell einen guten Wochenlohn ausgeben kann.

Etwa zur gleichen Zeit in Köln, zwölf Tage zuvor am 04.06.2022: Der Sommer hält zum ersten Mal in diesem Jahr so richtig Einzug in Nordrhein-Westfalen. Das Neun-Euro-Ticket ist druckfrisch auf dem Markt und ich (Mark) reise per Zug gute drei Stunden nach Köln an. Je näher wir der Domstadt kommen, desto voller wird die Regional- und später die S-Bahn. Vereinzelte Die Ärzte-Shirts sichte ich bereits am Hauptbahnhof, die Stadt platzt aus allen Nähten. Da wir heute mit Tribünenplätzen ausgestattet sind, bleibt genug Zeit für Brauhaus und Biergarten. Da ich die S-Bahnen, welche zum Stadion fahren und in Köln heute überzulaufen scheinen unterschätze, lausche ich den ersten Klängen von Adam Angst auf dem Fußweg zum RheinEnergieStadion beziehungsweise am Merchstand der Ärzte, um mir die limitierte Vinyl-LP mit Rockabilly- und Skaversionen größtenteils neuerer Ärzte-Songs zu ergattern. Im Stadion selbst brennt die Sonne auf unsere Tribüne nieder und es ist schnell klar, dass Wasser heute unverzichtbar ist.

165549775030310000110.jpg
img_20220604_185319.jpg

München, circa 19:00 Uhr. Farin Urlaub persönlich betritt die Bühne um die Antilopen Gang als Vorband anzusagen. Schön, wenn man sich trotz des enormen Erfolgs dafür nicht zu schade ist. Die Antilopen holen sich zum gemeinsam aufgenommenen Song „Pizza“ Bela B zum Gastspiel auf die Bühne. Nach dem Hip Hop-Act aus Düsseldorf geht alles recht schnell bis die ersten Klänge der Ärzte ertönen. Die Hälfte des erstens Songs „Himmelblau“ erklingt hinter einem schwarzen Vorhang, sodass die Aufregung vor der Bühne weiter ansteigt. Als der Vorhang endlich fällt kann die Masse ausrasten und ihre zum Teil Kindheitshelden bejubeln. Die Lichtshow besteht aus vielen Sechsecken, die in allen Farben erleuchten können und echt beeindruckend aussehen. Die Bildschirme sind ebenfalls von aufblasbaren Sechsecken umrandet, die Liveübertragung an sich ist mit Effekten versetzt, die zeitweise an die 80er-Jahre erinnern.

Köln: Ich werfe einen kurzen Blick auf den Zeitplan. "Beginn Die Ärzte 20:10 Uhr" steht dort geschrieben. Der nächste Blick auf die Uhr: 19:57 Uhr. Das Konzert wird lang, also schiebe ich mich durch die Reihe der noch sitzenden Sitznachbarn und ergattere mir ein weiteres Wasser und ein alkoholisches Kaltgetränk. Während ich etwa drei Minuten später immer noch am Verkaufsstand anstehe, erklingen die ersten Gitarrentöne von "Himmelblau" aus dem Stadioninneren. Frenetischer Jubel und der gleiche Gesichtsausdruck bei allen nervös wippenden und wartenden, durstigen Pechvögel. VERDAMMT! Die Ärzte live zu sehen ist ein Kindheits-, spätestens Jugendtraum von mir, der sich heute zum ersten Mal erfüllt. Und ausgerechnet jetzt stehe ich hier an dem am langsamsten funktionierenden Bierstand, während das Konzert beginnt?! Eine gefühlte Ewigkeit (zweieinhalb Minuten) später halte ich meine beiden Becher in der Hand und sprinte zurück auf die Tribüne, an den mittlerweile ausnahmslos stehenden Nachbarn vorbei zurück zu meinem Platz und meinen Leuten. Der Vorhang vor der Bühne ist hier, ebenfalls in meiner Abwesenheit, bereits gefallen. Spätestens jetzt heißt es jedoch auch bei mir Gänsehaut und Feiern! "Der Himmel ist blau! So blau! So blau!!!"

img_20220604_195243.jpg
16554977503031000019.jpg
img_20220604_201947.jpg

Währenddessen in München: Die Ärzte spielen einen sehr guten Mix aus alten und neuen Songs, sodass für jeden etwas dabei ist. Die Ansagen sind wie immer kleine zusätzliche Comedyshows zwischen den Stücken. Natürlich gibt es auch wieder Farins obligatorischen Tee auf der Bühne, über den sich Bela, wie gewohnt auffallend frisiert und gekleidet, lustig macht. Der Mitmacher des Abends ist ein „auf den Kopf hauen“ bei dem Wort „Fiasko“, welcher sich durch den gesamten Abend zieht. Auch die Ansagen gegen Rechts dürfen bei der „Besten Band der Welt“ nicht fehlen. Als Bela B seinen Song „Der Graf“ performt sitzt er alleine mittig auf der Bühne und hat so die komplette Aufmerksamkeit des Publikums für sich. Farins Ballade „Mach die Augen zu“ wird von einem Sternenhimmel aus dem Publikum begleitet, da alle ihre Handylichter für diesen Song zücken. Ein Abend, der wirklich alles bietet; Die Ärzte sind auf jeden Fall immer wieder ein Erlebnis.

Fazit in Köln: Hallelujah, ist diese Band live stark! Ich falle nach den letzten Klängen von "Gute Nacht" erst einmal erschöpft auf meinen Sitzplatz, den ich über zweieinhalb Stunden nicht berührt habe. Die Quote der heute von mir nicht mitgesungenen Lyrics bewegt sich gegen Null, meine Stimme ist aktuell komplett weg und ich krächze meinen Begleitungen meine Begeisterung entgegen. WAR DAS GUT! Ich gebe zu, ich bin voreingenommen, ohne Die Ärzte-Konzerterfahrung und bedingungsloser Fan, aber was hier gerade passiert ist gehört zu den besten Erlebnissen, die ich je mitmachen durfte. Neben der Musik unterhalten die Drei auf hohem Niveau, über 50.000 Menschen setzen zur Laolawelle an und brüllen der Band den Satz "WAS. FÜR. EIN. SCHWACH-SINN!" entgegen. Jeder der drei Tribünen eine Silbe, der Innenraum schafft sogar zwei, "Schwach" vorne und auf dem Weg nach hinten erschallt das Wort "Sinn". Es werden Tränen gelacht. Dazu kommt eine Auswahl an Songs die sich vom früh gespielten "Mein kleiner Liebling" über "Du willst mich küssen" und dem von Rod performten "1/2 Lovesong" bis hin zu "Unrockbar" oder den jüngsten Nummern wie "Our Bass Player Hates This Song" erstreckt. Interessant ist hier aber auch die Variabilität dieser drei Herren im besten Alter: Drei der von mir aufgelisteten Songs hat Jasmin in München nicht einmal zu hören bekommen, und eine genaue Gegenüberstellung der Setlisten bringt einige weitere Beispiele mit sich. Und auch wenn viele der nicht ganz so tief im Ärzte-Sumpf steckenden Gäste vergeblich auf "Westerland" gewartet haben, kann ich mich über das in Köln Gehörte nicht beklagen. Dass München jedoch "Deine Schuld" und "Der Graf" sehen und hören durfte, das wurmt mich dann schon etwas. Ich bin mir jedoch sicher, dass der eine oder die andere Besucher:in in München genauso wehleidig auf Teile der Köln-Setlist schauen wird.

16554977503031000012.jpg
img_20220604_223507.jpg