Festivalbericht: Pell-Mell Festival 2019

Es ist Ende August und der Sommer 2019 meldet sich langsam ab. Das Pell-Mell Festival in Obererbach bei Limburg a. d. Lahn gehört traditionell zu den letzten Ausläufern der Festivalsaison. Das hindert aber auch in diesem Jahr ca. 3.500 Gäste nicht daran, die Einwohnerzahl des Dorfes für drei Tage zu vervielfachen.

Als ich am frühen Freitagabend bei bestem Wetter im etwa 550-Seelen-Dorf ankomme, ahnt am Gelände noch keiner der Organisatoren, dass das diesjährige Pell-Mell Festival (nur vorläufig, da bin ich mir sicher!) als Rekordjahr in die Geschichte der 2006 erstmals eintägig durchgeführten Veranstaltung eingehen wird. Vom zum Festivalgelände umstrukturierten Aschesportplatz des ortsansässigen Fußballvereins schallen brachiale Riffs von den gerade dort auftretenden Blood Youth auf den unterhalb des Platzes liegenden Parkplatz herunter. Eine wohl durch Moshpits aufgewirbelte Staubwolke ist von weit her zu Sehen. Bereits der Fußweg zum Eingang des Geländes lässt mit jedem Schritt die Vorfreude in mir wachsen und holt mich langsam in die glückselige, sorgenlose Gefühlslage „FESTIVAL“ ab. Unter den gut gelaunten Menschen wird trotz der kurzen Warteschlange vor dem Kassenhaus gesungen, gelacht und die Weggetränke für den Marsch vom Zelt- zum Sportplatz werden bis zum letzten Tropfen geleert. Nach Erhalt meines Bändchens und der routinemäßigen Kontrolle am Eingang betrete ich zu den letzten Klängen von Blood Youth erstmals das Festivalgelände.

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Da die Briten ihren Auftritt gerade beendet haben, nutze ich die Zeit bis zur Show von Radio Havanna dafür, mir einen Überblick über das Gelände und die Angebote vor Ort zu verschaffen. Neben der Bühne und dem angrenzenden Backstagebereich gibt es am Gelände ein großes Merchzelt, verschiedene Angebote vom Plattenverkäufer über Modelabel und Zigarettenanbieter bis hin zum Verkauf von Upcycling-Ringen. Die Aftershow-Party mit Livemusik steigt heute Nacht auf einer extra aufgebauten Zeltbühne. Vor Allem in Sachen Verpflegung punktet das Festival mit Diversität: Neben den Klassikern wie Brat-. Currywurst und Bier gibt es vegane Burger oder Süßkartoffelpommes, süße und herzhafte Crêpes, Spirituosen, Apfelwein. Nach der Stärkung warten heute Abend noch die Auftritte von vier Bands auf mich und ich bereue es nach gerade einmal einer halben Stunde Aufenthalt bereits, dass ich aufgrund diverser Terminüberschneidungen am morgigen Samstag nicht hier sein kann.

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Es gilt also, meinen heutigen Tag in Obererbach erst recht zu genießen. Radio Havanna sind für mich die Überaschung des Tages. Die Crowd hat bereits während des Intros von Truck Stop viel Spaß, tanzt und lacht, während die inzwischen in Berlin lebende Formation die Bühne betritt, um mit ihrem Auftritt den Soundtrack zur sich langsam neigenden Sonne zu spielen. Radio Havanna stehen für klare Messages und den Spaß an der Musik. Zu „Faust hoch“ wird eine „FCK AFD“-Fahne präsentiert, die Botschaft im Titel „Homophobes Arschloch“ erklärt sich von selbst. Da der Spaß bei der Gruppe selten zu kurz kommt, performt sie mit „Alles nur geklaut“ von Die Prinzen einen Titel, den auch der am längsten im Pell-Mell-Biergarten verweilendste Festivalbesucher lauthals mitsingen kann. Auch der „Schwarzfahrer“ zaubert mir mit seinem Ohrwurm-Refrain ein breites Lächeln auf die Lippen.

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Die Zeit vergeht bei guten Konzerten bekanntlich wie im Flug und ehe ich mich versehe, ist der Auftritt von Radio Havanna mit buntem Konfettiregen vorbei, die Bühne umgebaut und Our Hollow, Our Home aus Southampton bitten zum Kontrastprogramm. Auf deutschen Punkrock folgt die Metalcoreperformance des Quintetts aus England. Das Publikum bleibt größtenteils das selbe. Wem die tobenden Moshpits zu wild werden, der verweilt kopfnickend an der Theke oder in sicherer Distanz zum Geschehen. Sänger Connor saust wie von der Tarantel gestochen über die Bühne und bemüht sich, das Publikum immer wieder abzuholen und die erste Reihe in die Show mit einzubinden. Der Beigesang von Gitarrist Tobias ergänzt den gutturalen Gesang des Frontmanns wunderbar und der Sound der Kombo trifft meine Vorstellung von unterhaltsamen Metalcore verdammt gut.

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Es gibt immer den einen Act, auf den man sich vor einem Festival am meisten freut. Bei meinem Besuch am Pell-Mell Festival spielen Montreal diese Rolle. Schon lange fester Bestandteil meiner Playlists, heute ist es mir endlich vergönnt, die Jungs aus dem Norden auf der Bühne zu sehen. Ich muss bereits beim Soundcheck schmunzeln. Auf die Melodie von „Dreieck und Auge“ spielt die Band immer wieder die Textzeile „Soundcheck, das hier ist ein Soundcheck!“. Kaum steht die Band auf der Bühne, wird sich über den bis zum Beginn des Auftritts laufenden Volbeat-Song beschwert, immer wieder gilt der Dank den Gästen des „Metal-Festivals“, die die drei Akkorde spielenden Punkrocker so herzlich auf -und annehmen. Muff Potter und Wizo bekommen Spitzen vor „Zucker für die Affen“, ein kritischer Song zum Thema kommerzielle Comebacks. „Seit 15 Jahren, für Lästerei und Spott stehen“, eine Textzeile der Band, die man sich, natürlich immer breit grinsend, im Hause Montreal zu Herzen nimmt. Es ist mittlerweile dunkel geworden in Obererbach. Während der große Wagen am sternenklaren Himmel leuchtet, liefern Montreal einen Auftritt mit massig Grund zum Lachen. Bassist Hirsch entlarvt den „Alkoholpakt“ zwischen den Bandmitgliedern und die Gruppe bittet die Gäste um eine Spende über 4.000€, da man mal wieder verbotenerweise „Katharine, Katharine“ covert. Ein Besucher hat beim Song „120 Sekunden“ seinen großen Auftritt, bei dem er zwei Minuten eine Digitaluhr auf der Bühne hochhalten darf. Als er vor dem Titel nach seinem Namen gefragt wird, antwortet er ganz trocken „Philipp, ihr Penner“. Zum neun Sekunden langen Hardcoretrack in der Setlist rufen Montreal kurzerhand zu einer Art Reise nach Jerusalem auf, wer stehen bleibt holt Bier für alle. Ich saß mit der großen Masse des Publikums in der trockenen, roten Asche und habe nachweislich keins bekommen.

 

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Headliner des ersten Tages ist die aus Fankreich stammende Rap-Metal-Band Rise Of The Northstar. Wer zu dieser späten Stunde anfängt schlappzumachen, wird von den Parisern bereits mit den ersten Klängen brachial zurück ins hier und jetzt geholt. Sänger Victor Leroy mit seiner Statur und der schwarzen Maske ist definitiv eine Erscheinung für sich und auch um Mitternacht wird das Pell-Mell-Publikum des moshens nicht müde.

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Als ich wieder im Auto sitze und den Heimweg antrete, hat mich das Pell-Mell Festival in seiner Gesamtheit so positiv überrascht, dass es mich wirklich ärgert, am morgigen Samstag nicht auf dem Zeltplatz nebenan wachzuwerden und den Tag nach dem vom Festival angebotenen, ausgiebigen Frühstück auf der roten Asche in Obererbach verbringen zu können. Erwartet hätten mich dort unter anderem Destination Anywhere, Engst, Evergreen Terrace und Caliban.

Ein paar Impressionen des zweiten Festivaltages möchte ich euch trotzdem nicht vorenthalten. Pell-Mell Festival, wir sehen uns wieder!

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