Zerbrochene Fan-Herzen: Bands, die aus unserem Plattenregal geflogen sind

Liebe vergeht auf vielen Wegen. Wir präsentieren euch als Redaktion im Rahmen unseres Themenmonats über verflossenes Fandasein die Bands, die wir aus verschiedenen Gründen nicht mehr hören können.
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Zugegeben: Tatsächlich aus meinem CD-Regal verbannt habe ich bisher noch keine einzige Band. Da bin ich wahrscheinlich einfach zu sehr Sammler, der gerne möglichst viel verschiedene Platten in seinem Zimmer stehen hat. Trotzdem gibt es natürlich Alben, die mittlerweile in Gram vor sich hin verstauben. Allen voran wahrscheinlich die ersten drei Platten von Steel Panther, die ich eine Zeit lang mal ziemlich lustig fand, für die ich aber mittlerweile nur noch Abscheu über habe. Das hängt vor allem mit meinem geistigen Reifeprozess zusammen und der Recherche zu diesem Artikel, die mir erst wirklich klar gemacht haben, dass die Menschen hinter dieser überzogenen Glamrock-Persiflage eigentlich genau so drauf sind wie ihre angeblichen Kunstfiguren. Konnte man auf den ganz frühen Werken der Band zumindest ab und zu mal noch so etwas wie eine Pointe entdecken (über den Fremdgeh-Lovesong "Community Property" kann ich tatsächlich immer noch schmunzeln), driftete die Band schnell in humoristische Ideenlosigkeit ab, die eigentlich nur noch durch maßlose Übertreibung punkten kann. Das ist ungefähr auf dem Komik-Level eines Furz-Witzes in Filmen. Und zu allem Überfluss frage ich mich mittlerweile auch, wie ich bei der Musik dieser Band mal Freude empfunden haben konnte. Glamrock ist eine dermaßen peinliche Ära von Rockmusik voller Gepose und fremdschamerregender Inszenierung, über die man sich tatsächlich hervorragend lustig machen könnte (siehe "Spinal Tap"), die aber klanglich auch nicht besser wird, wenn man sie einfach 1:1 kopiert. Auch musikalisch frage ich mich deswegen: Ist das eigentlich noch wirklich Parodie oder ist der humoristische Anstrich nur deswegen da, weil man sowas im 21. Jahrhundert sonst wirklich keinem mehr schamlos vorzeigen könnte?

So einige Bands und Künstler, und ich gendere an dieser Stelle bewusst nicht, haben sich in den letzten Jahren für mich persönlich komplett ins Abseits geschossen. Erst jüngst schaffte es Jon Schaffer, seines Zeichens Frontmann von Iced Earth, seine Band für mich komplett unhörbar zu machen. Mir fällt es allgemein sehr schwer, Künstler und Kunst zu trennen. Allerdings war es bei Iced Earth besonders hart. Es war mein erstes Konzert, wenn auch nicht zu einhundert Prozent freiwillig, sondern im Rahmen eines Praktikums, aber es hat mich dennoch umgehauen. Und "Watching Over Me" hat für mich nochmals eine ganz persönliche Bedeutung. Umso härter trifft es mich, dass Schaffer, mit dem ich mich ansonsten nicht im geringsten beschäftigt habe, nun mit seinem Engagement beim Sturm aufs Kapitol auf sich Aufmerksam machte. Man kann mich gerne intolerant schimpfen, aber seine Welt kann ich in meinem Plattenregal nicht ertragen. 
Ein anderer herber Verlust war auch das "Outing" der Band Wolf Down. Mit ihrer Haltung haben sie mir sehr gefallen, mit ihrer feministischen Stellung, ihrem veganen Lebenswandel, das mochte ich. Dass diese feministische Seite wohl nur eine Fassade für einen hart rassistischen Männerbund war, habe ich deutlich zu spät erfahren. Nicht zuletzt dieses Verhalten hat seinerzeit dazu geführt, dass Sängerin Larissa die Band verlassen habe, auch das erfuhr ich deutlich zu spät. Im Nachhinein keine große Überraschung, dass die Band mir im Vorfeld zum Impericon Festival 2017 kein Interview gab. Ich hatte angefragt, wusste aber von der Thematik auch nichts. Im April war das Festival, im Juli löste sich die Band auf, ziemlich direkt nach den schweren Vorwürfen zweier Frauen, die Gitarrist Tobias Vergewaltigung vorwarfen. Ex-Frontfrau Larissa solidarisierte sich mit den beiden. Man kann die Aussagen von Tobias zu dem Thema noch heute nachlesen und man bekommt mit all seinen Ausreden und seinem Whataboutism einfach nur das kalte Kotzen.

Es gibt einige Bands, deren politische Einstellung mir mittlerweile einfach nicht mehr ganz zusagt, und dann gibt es Five Finger Death Punch. Die haben das Ganze nochmal auf ein anderes Level gehoben. Ich mochte die Band immer recht gerne, trotz der schon früh erkennbaren pro-Militär, pro-Patriotismus, pro-Krieg (?) Einstellung, die auch in ihren Texten rübergebracht wurde und die ich noch nie gut fand. Andererseits gab es auch Texte in Songs, die ich gesellschaftlich und politisch sehr stark fand, das beste Beispiel ist die unglaublich schöne Ballade „Wrong Side Of Heaven“, in dem die Rede von Gott ist und das Pronomen „she“ verwendet wird.

Aber dann kam Black Lives Matter und Five Finger Death Punch auf die grandios beschissene Idee, sich auf die Seite der Polizei („they’re good people, they’re honorable people“) zu stellen und rassistische Erfahrungen zu diskreditieren. Im Musikvideo „Living The Dream“ wird zwar erst der „American Dream“ ironisch mit einem Waschmittel-Pods fressenden Ironman und sehr viel Fastfood auf die Schippe genommen, aber dann wird Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses und Trump-Gegnerin, dargestellt, die Mund-Nasen-Masken an die ihr folgende Bevölkerung vergibt. Nachdem die Darstellerin dann noch Antifa- und Black-Lives-Matter-Aktivist:innen auf einen Wagen mit amerikanischer Flagge hetzt, der daraufhin zerstört wird und wohl für die Riots stehen soll, reißt sich die dargestellte amerikanische Bevölkerung die Masken vom Gesicht. Überall steht plötzlich der von den Verschwörungstheoretikern QAnon verbreitete Slogan „The Great Awakening“ und die Masse stürmt auf die Nancy-Pelosi-Darstellerin zu.

Klar kann man das Video als die USA, die von einer objektiven Position aus kritisiert wird, sehen, aber für mich stellt sich in diesen Szenen die Haltung der Band zur aktuellen Politik und Geschehnissen ziemlich klar dar. Nancy Pelosi, Demokratin, wird kritisiert, die „böse Antifa“ zerstört das Eigentum des „armen, guten amerikanischen Bürgers“ und die Masken stellen Grundrechtseinschränkungen dar. Deshalb war nach diesem Video meine Liebe zu Five Finger Death Punch endgültig tot und ich werde sie auch nicht weiter unterstützen. Schade um die teils gute Musik.

Ich habe über die formativen Jahre meines Musikgeschmack ziemlich viel beschissenes Zeug gehört. Mein Vater hat mich zum Beispiel jahrelang fast ausschließlich mit Nickelback sozialisiert, da kann man schonmal fragen, wie das Jugendamt da nicht irgendwann mal hellhörig wurde. Aber auch meine selbstgewählten Einflüsse waren teilweise nur marginal besser, schließlich habe ich mir auch unironisch schon einen Festivalauftritt von Disturbed angesehen, ohne beim legendären “Uah-Ah-Ah-Ah” zu denken, dass das irgendwas anderes ist als komplett bescheuert. Viele Bands und Künstler:innen, die ich früher gern gehört habe, flogen im Laufe der Zeit aus meinem Regal und aus diversen Playlisten, sei es aus musikalischem Desinteresse, Veränderung des eigenen Geschmacks oder politischer Differenzen. Einen nachhaltige Abneigung oder Enttäuschung hat sich daraus aber meistens nicht ergeben, eher ein Schulterzucken und Links liegen lassen. Bei einer Band sitzt der Schmerz jedoch noch ziemlich tief.

Neben Linkin Park zählen die damals-noch-Alternative-Rocker Thirty Seconds To Mars zu meinen größten musikalischen Türöffnern überhaupt, und ihr selbstbetiteltes Debütalbum verteidige ich bis zum heutigen Tage als eine der atmosphärischsten Rockplatten der frühen 2000er. So und nicht anders sollte diese Band klingen! Wie in die weiten des Alls herausgeschriene Stoßgebete, umgeben von übergroßen Gitarrenriffs und kometenhaften Drums. Ja klar, einen Innovationsaward gewinnt das Trio aus Los Angeles nicht, und so viel Pathos wie Jared Leto sich mit Zeilen wie You wait in the pallid slivered sky / Come into the pantheon (“Welcome To The Universe) erlaubt, verzeihe ich sonst nur Samwise Gamgee, wenn er Frodo unter Tränen sagt, dass er, wenn er jetzt noch einen weiteren Schritt macht, so weit weg ist von zuhause wie nie zuvor, aber darüber sehe ich großzügig hinweg. Das gilt leider nicht für die schamlose Anbiederung an den Mainstream-Radiopomp, die schon auf auf “A Beautiful Lie”, “This Is War” und dem maximal pompösen “LOVE LUST FAITH DREAMS” abzusehen war, und die mit “AMERICA” und dem Rausschmiss des Gitarristen Tomislav Miličević ihre Vollendung fand. Irgendwann ist die kritische Masse an Oh-Oh-Oh-Chören und lyrischer Selbstbeweihräucherung einfach erreicht. Dass sich Jared Leto in den letzten Jahren nicht nur optisch offenbar völlig seinem eigenen Gottkomplex hingegeben hat, hilft da auch nicht unbedingt (Shannon, falls du gegen deinen Willen gefangen gehalten wirst, blinzel beim nächsten Konzertlivestream einfach S-O-S in die Kamera). Selbst Letos Performance als Angelface in “Fight Club” kann das nicht wiedergutmachen.

Ich bin ein Mensch, der weitestgehend versucht, Kunst und Mensch zu trennen. Es gibt allerdings Grenzen. Ich war in meiner Jugend großer Fan der Böhsen Onkelz. Ich habe ihre Alben geliebt, die Biographie gelesen und ich glaube bis heute auch, dass sie sich wirklich gegen Nazis engagiert haben. Ich erinnere mich an unzählige Fahrten in Hennings altem Suzuki Alto zum Proberaum und dabei liefen fast immer die Onkelz. Ich habe es geliebt. Als die DVD vom letzten Konzert erschien, haben wir diese gemeinsam geschaut und ich hatte echt Tränen in den Augen. Die Band hatte einen Stand bei mir, der beinahe an Nine Inch Nails heranreichte.

Ich habe sie wirklich geliebt. Besonders begeistert hat mich auch, dass die Band sich aufgelöst hat und zwar mit der Begründung, dass man nicht irgendwann alt und scheiße sein wolle. Das erschien mir unglaublich stark und ich habe es ihnen hoch angerechnet. 

Dann kam irgendwann der Schlag. Kevin, der Sänger der Band, wurde wegen Fahrerflucht verurteilt und im Auto wurde eine Mütze mit Hakenkreuz gefunden. Ich war damals echt getroffen. Ich hatte der Band vertraut, aber offensichtlich war es eben bei einem Teil der Band nicht die echte Überzeugung. Als sie dann auch eine Reunion bekanntgaben, war es für mich vorbei. So wenig Selbstachtung zu haben und elendig viel Geld mit Abschiedstournee und -Konzert zu verdienen, nur um dann nach so einem Mist wiederzukommen und ein mittelmäßiges Album abzuliefern, hat mich mental so weit von der Band entfernt, dass ich die CDs einer Arbeitskollegin schenkte und die Songs von meiner Festplatte löschte. Gehasst, verdammt, gelöscht.

Die zweite Gruppe, die für mich gestorben ist, ist Capsize. Die Hardcore-Band hatte echt ein paar geniale Songs und ich hatte sogar einen Interviewtermin mit Daniel Wand, dem Sänger der Band, für dieses Fanzine vereinbart. Aber zwei Wochen vor diesem Termin kam raus, dass zwei Mitglieder der Band Frauen sexuell belästigt haben und wenn man manchen Aussagen glauben darf, fand da noch Schlimmeres statt. Die Band löschte sofort alle Social Media-Kanäle und ebenso, wie sie von dort verschwand, taten es auch ihre Alben aus meinem Regal. 15 Cent bei Momox war da ein guter Preis. Ich kann Vieles ertragen, aber Menschenverachtung, egal welcher Art, gehört nicht dazu.