Prezident - ein Spiel mit Fragezeichen

Das Album "Du hast mich schon verstanden" des Wuppertaler Rappers Prezident wurde seit seiner Veröffentlichung 2018 kontrovers diskutiert und hinterfragt. Ist das rechts? Ein dringend benötigter Tabubruch? Ein Superfood? – Nichts davon, sagt unser Autor Felix.
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Prezident entdeckte ich 2014 auf dem Allstar-Track „Könige ohne Krone“ – ein 16Bars-Video, an dem unter anderem auch damalige Newcomer wie Goldroger, Cr7z und Absztrakkt teilnahmen. Prezis Part war grundsolide, wirklich überzeugen konnte mich jedoch erst sein Solomaterial.

„Um als Künstler was zu taugen darf man nicht komplett am Arsch sein

aber Blickkontakt zum Abgrund muss schon da sein“

(Prezident - "Antimärchen")

Mein 16-jähriges Ich war schwer beeindruckt von der Fähigkeit des Wuppertalers, sich einerseits schlecht gelaunt durch die halbe Weltliteratur zu zitieren und andererseits keinen Zweifel daran zu lassen, auch in der realen Welt jenen abgefuckten Nihilisten zu verkörpern, als der er sich inszenierte. Ein bisschen prätentiös war das alles schon, aber das war ich schließlich auch – und welcher Conscious-Rap hörende Teenie könnte sich nicht mit jener Art von Melancholie identifizieren, die aus der scheinbaren Entfremdung mit der Welt gepaart mit dem gleichzeitigem Gefühl der eigenen Überlegenheit resultiert? Tatsächlich aber wurde Prezident auch unter Leuten verehrt, die dem Freizeit-Bukowski-Alter schon längst entwachsen waren. Prezis scharfe Beobachtungen und noch schärfer geschliffenen Lines machten den studierten Germanisten lange Zeit zum ultimativen Geheimtipp des Untergrund-Rap. Bis 2018, als „Du hast mich schon verstanden“ erschien.

Bereits im Vorfeld hatte es einiges an Kontroverse gegeben. In Interviews bezeichnete sich der Rapper fruchtsaftseelig als „rechtsintellektuell“, nannte die MeToo-Bewegung eine „Kollektivpsychose“ und sprach von der „linksgrünversifften“ Medienlandschaft. Noch bevor „Du hast mich schon verstanden“ in den Regalen stand, hatte Prezident den Nazi-Stempel sicher und einige wütende Vice-Artikel in der Tasche. Ein wahrscheinlich kalkuliertes Manöver, von dem ich damals allerdings gar nichts mitbekam. An Prezident interessierte mich die Musik und nur die Musik. Daher war ich allenfalls etwas verwundert, als ich die erste Single hörte und über holprige Hitlervergleiche stolperte, ging aber grundsätzlich unbefangen an das Album heran.

Dazu eines vorab: Den Gefallen, „Du hast mich schon verstanden“ als Nazi-Album zu deklarieren, sollte man Prezident nicht machen. Mag der Opener auch „Kein Song gegen Pegida“ heißen – einen Song für Pegida gibt es nun mal auch nicht. An dieser Stelle wird der Rapper sogar ungewohnt deutlich und watscht solch „Blödsinn wie die Volksgemeinschaft“ ebenso ab wie die eigentlichen Ziele des Albums, die da wären: Die sogenannte "Identitätslinke" und die in seinen Augen heuchlerischen (Rap-)Medien. Prezidents Beobachtungen sind dabei selten falsch. Es stimmt schon, dass es beispielsweise unter Popkultur-fokussierten Zeitschriften wie Vice/(Spiegel)-Bento/(SZ)-Jetzt kaum politische Diversität gibt, dass im Gegenteil genau jene Medien, die ihre Texte exzessiv durchgendern und sehr empfindlich auf potenziell politisch unkorrekte Aussagen reagieren, sich teils in haarsträubende Widersprüche begeben, wenn sie zugleich auch noch dem asozialsten Straßenrapper eine Plattform bieten. Mag man auch selbst – und dazu würde ich mich zählen – die Cancel-Culture und die Empörungskultur nicht als solche empfinden, und mag man manche der gewählten Begriffe als problematisch ansehen: Eine Kritik an diesen Themen ist absolut legitim und muss – erst recht in einem unangepassten Genre wie HipHop – auch ohne erklärenden Beipackzettel einen Platz haben. Das alles wäre in Ordnung. Wenn Prezident nur nicht so viel Schwachsinn dabei labern würde.

Es beginnt schon mit dem Titeltrack. Prezident rappt gegen jegliche Form von Identitätspolitik und schießt dabei ebenso gegen Björn Höcke als auch auf feministische Bloggerinnen wie Hengameh Yaghoobifarah:

„Denn die anderen sind ja auch ewig geladen

Weil sie etwas, was sie stört im Leben haben

Etwa den Glauben, es gäb' irgendwas umsonst

Was nur sie, weil sie dieses und jenes sind, nicht bekommen

Weil sie Frauen sind zum Beispiel, oder Tunten, oder Türken

Arme Anne, armer Ahmed, armer Jürgen

Armer Kanye, armer Björn, arme Hengameh

Zusammen auf die Straße, Faust geballt gegen das Dreckssystem

Fight the power!

Ihr Bauern!“

(Prezident – „Du hast mich schon verstanden“)

Ja Prezident, wir haben verstanden. Du stehst soweit über den Dingen, auf der Wolke deiner zelebrierten Teilnahmslosigkeit, dass dir alle Menschen mit etwas Einsatz für ihre Sache wie lustig-wütende Ameisen vorkommen. Ist ja auch irgendwie nötig für deine Inszenierung. Aber wie abgehoben muss man eigentlich sein, um den Fakt zu ignorieren, dass es tatsächlich Minderheiten gibt, die dieses und jenes nicht bekommen, nur aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Sexualität oder ihrer Herkunft? Und müsste ein Geschichts-Nebenfächler nicht wissen, dass gemeinsamer Protest fast immer mit dem Bilden einer Gruppenidentität verbunden ist, und dass dieser Protest keineswegs immer ohne Wirkung bleibt? Prezidents Zeilen sind nicht halb so edgy wie er sie gerne hätte, da kann er noch so oft „Tunten“ sagen. Aber schlau werden sie dadurch auch nicht.

In einem anderen Track werden „die Gutmenschen“ ins Visier genommen. Keine Neuheit in der deutschen Sprechgesangsmusik, OK Kid hatten zwei Jahre zuvor mit „Gute Menschen“ schonmal eine ganz ähnliche Perspektive eingenommen. Prezident unterscheidet darüber hinaus zwischen zwei verschiedenen Arten des Gutseins: Den wohlwollenden, aber unkritischen Mitläufern, und den Eiferern, die ihr autonomes Zentrum in einen rigoros reglementierten Schrebergarten verwandeln. Prezidents Beobachtungen von einer Art des positiven Rassismus in dieser Szene sind durchaus beachtenswert:

„Und so gibt er seine Stimme denen, die keine Stimme haben

Weil die nicht dazwischen faseln“

 

Fatal aber ist seine Schlussfolgerung:

 

"Die schlimmsten Herrenmenschen, die die keine sein wollen"

(Prezident – „Über zwei verschiedene Arten des Gutseins“)

Im Umkehrschluss bedeutet das: Übereifrige „Gutmenschen“ sind im Endeffekt die schlimmeren Herrenmenschen. Und das ist halt einfach falsch. Herrenmenschen sind die schlimmsten Herrenmenschen. Und „Gutmenschen“ sind vielleicht keine wirklichen guten Menschen, vielleicht sind sie sogar ziemlich nervig und selbstverliebt, aber sie deswegen auf eine Stufe mit Leuten zu stellen, die Menschen versklaven, kolonialisieren, vergasen? Echt jetzt? Um mal eine weitere Prezident-Zeile zu paraphrasieren: Es ist schon beeindruckend, was man sich für durchgeknallte Filme fahren kann, im Eifer des Gefechts.

Es gäbe noch viele weitere Beispiele dieser Art, doch wäre es schier unmöglich, den ganzen Inhalt dieses Albums in einem Text unterzubringen, ohne alles noch mehr aus dem Kontext zu reißen und zu verkürzen, als dies hier ohnehin der Fall ist. Wer sich tatsächlich ein ausführlicheres Bild von Prezidents Sichtweisen machen möchte, sollte einfach seine Musik hören. Ich für meinen Teil habe nach „Du hast mich schon verstanden“ damit aufgehört. Nicht mal aus echter Wut oder Empörung, so wie es Prezident wahrscheinlich gerne gesehen hätte. Viele der Zeilen auf dem Album sind zwar eklig, manche schlicht dämlich und auch musikalisch stinkt „Du hast mich schon verstanden“ weit gegen andere Prezi-Alben ab, doch es taugt tatsächlich ganz gut, um seinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen und zwischen echten Argumenten auch den pseudo-intellektuellen Bullshit herauszufiltern. 

Der wirkliche Grund für meinen Interessensverlust war jedoch ein anderer: Es passte nicht. Ein echter teilnahmsloser Nihilist macht kein ganzes Album gegen ein Thema und vermittelt dazu noch den Eindruck, ehrlich empört zu sein. Das Cover sollte wahrscheinlich super provokant rüberkommen – ich fand es einfach nur albern. Seither musste ich mir Prezident immer als schwarz-rot-weißen Mysterion (aus South Park) mit umgedrehten Fragezeichen auf dem Kopf vorstellen, ein kindischer Edgelord mit Taschenlampe im Gesicht. Das Bild war zerbrochen.

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