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Unter dem Radar #11: Mount Winslow

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So, 31.03.2019 - 13:16
Mount Winslow leben zusammen in einem Haus am Rand von Paderborn und machen dort nah an der Natur gemeinsam Musik. Ihre Geschichte klingt stellenweise wie aus einem Märchenbuch – und ist doch eine geradezu logische Antwort auf den treibenden Stresspegel im industriellen Stadtleben.

Gründung: 2018
Heimatstadt: Paderborn
Genre: Folk, Indie
Bisher veröffentlicht: „Burden Of Time“-EP (2019)
Für Fans von: Mumford & Sons, Giant Rooks, Mighty Oaks

Der Hutmacher in Wuppertal wirkt wie ein nostalgisches Bindemitglied zwischen urbaner Kühle und menschlicher Genügsamkeit. Das Café im Norden der Stadt ist Teil des Projekts „Utopiastadt“, das in einem alten Bahnhofsgebäude einen Zentralpunkt für Kontakt und Kultur entstehen lässt. Der Putz an den Wänden des Gebäudes ist an zahlreichen Stellen am Bröckeln, die Einrichtung versprüht mit ihren urigen Polstersesseln und antiquierten Möbelstücken ein altmodisches Flair. Die Welt im Hutmacher wirkt auf gewisse Weise surreal, weil sie so viel Herzlichkeit in ein eigentlich eher ungemütliches Setting zu transportieren vermag. Der Lärm in dem Laden ist nicht zu verachten, viele wollen an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag eine kurze Pause einlegen, der Lärm der dröhnenden Siebträger-Kaffeemaschine tut sein Übriges. Trotzdem wirken Kundschaft und Personal des Lokals durchweg gelassen – vielleicht, weil der Duft der wohltuenden Heißgetränke auf den Tischen die Seele ein Stück weit in Wallung bringt, oder weil der herzliche Umgangston der Anwesenden die Anonymität der Großstadt zumindest etwas zu relativieren vermag.

„Geiler Song“, kommentiert Mount-Winslow-Sänger Piet Julius, als über die Anlage des Cafés ein Track der Folk-Supergroup A Blaze Of Feather zu hören ist. Gemeinsam mit Raphael Kazulke, dem Drummer der Band, lässt er sich von der besonderen Atmosphäre des Hutmachers aufsaugen, und versinkt selig in der kuscheligen grünen Couch, auf der sie beide Platz genommen hat. Man merkt deutlich, wie sehr solch unbekümmerte Rückzugsorte den beiden gut tun, wenn sie über die Probleme reden, denen sie im urbanen Gesellschafts-Dschungel begegnen – und dabei auch offenbaren, in welcher Umgebung sie dem gerne entfliehen. „Wir leben in einer schnelllebigen Gesellschaft“, kommentiert Raphael seine Wahrnehmung. „Zwischen den verschiedenen Generationen herrschen Konflikte, wir wissen nicht mehr, wie wir miteinander reden sollen. Ich sehe die Natur als Rückzugsort, an dem solche Probleme nicht so präsent sind.“ „Wir sind jetzt keine Hippies, aber wir fühlen uns wohl in der Natur“, bemerkt Piet. „Aus mir spricht da auch der Gedanke des Ursprünglichen. Die Vorstellung, ein Feuer zu machen, anstatt auf ein Feuerzeug zu drücken, gefällt mir.“

Die Liebe zu Abgeschiedenheit und Ruhepolen nimmt in der Geschichte von Mount Winslow einen sehr prominenten Charakter ein. Alle vier Bandmitglieder lernen sich im Studium in Paderborn kennen. Weil sie sich allesamt in unglückliche Wohnsituationen befinden, beschließen sie, gemeinsam nach einer Bleibe zu suchen, noch lange bevor das gemeinsame musikalische Projekt Formen annimmt. Das Quartett wird am Stadtrand fündig und bezieht dort ein mehrstöckiges Haus, das fortan zum isolierten Kreativzentrum wird. Die Natur ist von dort aus in nur wenigen Minuten zu erreichen, der wilde Trubel der Stadt liegt gedanklich weit entfernt. Für Mount Winslow bietet diese Umgebung viele Möglichkeiten, sich künstlerisch und persönlich zu entfalten. Die Musik, die Piet anfangs noch selbstständig in die Wege leitet, wird im Laufe der Zeit Teil eines festen Bandprojekts, dessen Gründung ebenfalls fest mit der Umgebung der vier verwurzelt ist. „Es gibt in der Nähe unseres Hauses einen kleinen Berg, auf dem wir öfter mal sind“, erzählt Piet. „Eines Nachts haben wir den Namen für unsere Band gefunden und sind dann für ein kleines Gründungsritual dahin gegangen.“ Der erste Teil des Bandnamens erklärt sich somit von selbst, der zweite ist von Norther Winslow abgeleitet, einem erfolglosen Dichter aus dem Tim-Burton-Film „Big Fish“, der für das Schreiben eines kläglichen dreizeiligen Gedichts geschlagene zwölf Jahre benötigt. „Er ist ein sehr ironischer Charakter, aber er steckt sehr viel Liebe in seine Kunst“, erklärt Piet die Darstellung der Figur.

Die Weltsicht von Mount Winslow ist eindringlich – nicht nur, weil sie Sorgen thematisiert, die im Voranschreiten des technologischen Fortschritts immer mehr Menschen beschäftigen, sondern auch, weil sie aus jeder Pore ihrer Musik strahlt. „Burden Of Time“, die jüngst veröffentlichte erste EP der Band, thematisiert das Rasante des Alltags immer wieder. Der Titel der Platte ist als Ausdruck von ebenjenem Zeitdruck der jungen Generation deutbar, kann aber auch die Hürde des Verstehens benennen, mit der sich ältere Menschen durch das Voranschreiten der Zeit konfrontiert sehen. „Ich glaube, dass die ältere Generation die Trends und Themen unserer Generation nicht mehr versteht“, überlegt Piet. „Das war natürlich schon immer so, aber durch das Internet, einer der krassesten Technologien aller Zeiten, empfinde ich das heutzutage als noch deutlicher.“ Diese Sichtweise wird auch im Video zu „Burden Of Time“ sehr bildlich dargestellt. Der Clip stellt einen Gedanken dar, der in einer jungen Generation, die oftmals mit ihren eigenen Herausforderungen beschäftigt ist, nicht als selbstverständlich betrachtet werden kann. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich aus dem Überangebot an möglichen Pfaden für die Generation Y stellen, sind Mount Winslow aber auch dafür dankbar, dass ein Projekt wie das ihre für sie heutzutage möglich ist. „Mein Vater hat mit 14 seine Lehre angefangen“, erzählt Raphael und zeigt damit den deutlichen Kontrast zum zeitgenössischen Markt der Möglichkeiten auf. „Mein Opa hat ihn gefragt, was er gerne machen möchte, woraufhin er sagte: ‚Bäcker.‘ Am nächsten Tag sind sie gemeinsam los, mein Opa hat in der Bäckerei gefragt, ob sein Sohn dort eine Lehre machen könne. Danach haben sie einen Vertrag unterschrieben und das war’s. Mein Vater hat dann mit 14 kiloschwere Mehlsäcke getragen.“

Das Wichtigste ist daher, dass die Kunst von Mount Winslow nicht verzweifelt in Unverständnis und Schnelllebigkeit gipfelt, sondern mit positiv konnotiertem Eskapismus darauf reagiert. Piet sieht in der Arbeit seiner Band auch gar nicht die Aufgabe, an den gesellschaftlichen Problemen etwas zu ändern, mit denen sie sich beschäftigen: „Kunst kann einen Diskurs über solche Themen vielleicht moderieren oder widerspiegeln. Aber ich kann mir schwer eine Kunst vorstellen, die Nachhaltigkeit von der Gesellschaft einfordert oder diese Denkweise propagiert.“ Mount Winslow sind ohnehin genug mit genug eigenen Herausforderungen konfrontiert. Das Studium der vier neigt sich dem Ende zu, die gemeinsame Kreativ-Umgebung wird sich wohl zwangsläufig aufspalten. Raphael und Piet denken über eine Neuausrichtung gen Norden nach, wohlmöglich geteilt in mehrere Städte. Das Projekt des Quartetts wird dadurch nicht unbedingt leichter zu bewerkstelligen sein, und die beiden geben durchaus Sorge preis, wenn sie über diese Veränderung sprechen. Zu viel Schwermut legen Raphael und Piet trotzdem nicht an den Tag. Kummer ist schließlich ungesund.